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Beflaggt: Mitte der 1930er Jahre befanden sich die Räume aller Parteidienststellen der Murnauer NSDAP im so genannten Gosselheim (Seidlstraße).

Murnauer Würdenträger mit Nazi-Vergangenheit

Grüne beklagen Verzögerungstaktik

Kurz bevor sich der Marktgemeinderat Murnau am Donnerstagabend mit den Würdenträgern Max Dingler und Lorenz Sonderer befasst, melden sich die Grünen zu Wort. Für sie reicht die NSDAP-Mitgliedschaft, um sich von einem Geehrten zu distanzieren.

Murnau – Zum Hintergrund: Im Rat wird heute ein Antrag der Fraktionen Bündnis 90/Die Grünen und ÖDP/Bürgerforum behandelt. Sie regen an, den Mundartdichter, Naturschützer und Hitlerputsch-Teilnehmer Max Dingler von der Liste der Ehrenbürger zu streichen. Zudem empfiehlt der Arbeitskreis „Geschichte des Nationalsozialismus in Murnau“ (AK), dem ehemaligen Verkehrsamtsdirektor Lorenz Sonderer die Bürgermedaille abzuerkennen. Und zwar wegen seiner Beteiligung an einer Massenhinrichtung im niederösterreichischen Zuchthaus Stein im April 1945. Auch in der Hitlerjugend war Sonderer sehr aktiv.

Der AK schlug dem Marktgemeinderat vor, die Biografien von Murnaus Würdenträgern, die vor 1930 geboren wurden, mittels eines historischen Gutachtens im Rahmen eines wissenschaftlichen Forschungsauftrags zu prüfen. Anschließend werden mit Hilfe eines Kriterienkatalogs die Ergebnisse bewertet.

„Für uns dagegen ist bereits die Mitgliedschaft in der NSDAP sowie in deren Teilorganisationen ein Ausschlusskriterium von Ehrungen“, heißt es in einer Petition, die Dorothee Sührig, Sprecherin des Grünen-Kreisverbandes und des Ortsverbandes Murnau und Umgebung am Mittwoch verschickte. Sie ging an Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum) und an das Garmisch-Partenkirchner/Murnauer Tagblatt. Der Ortsverband hatte die Petition vergangene Woche bei einer Sondersitzung mit einer Gegenstimme beschlossen.

Die Ökopartei stellt ausdrücklich fest: „Wir schmähen und verurteilen keinen der betroffenen Geehrten. Der jeweilige Mensch mag auch in guter Erinnerung bleiben. Die Ehrung der Marktgemeinde jedoch verschafft einen Vorbildcharakter für Personen, die mit Zivilcourage für die demokratische Gesellschaft eingetreten sind oder eintreten.“ Das sei bei NSDAP-Mitgliedern definitiv nicht der Fall. „Ehrungen müssen auch aberkannt werden, wenn der Geehrte wegen begangener Straftaten überführt worden ist.“ Einen „kostspieligen Forschungsauftrag“ zu den Biographien lehnen die Mitglieder des Ortsverbands ab.

Andere Kommunen wie Mittenwald haben heuer zügig Ehrungen ehemaliger NS-Funktionäre für ungültig erklärt. In Murnau entstehe hingegen „der Eindruck, dass eine Distanzierung von prominenten Nationalsozialisten möglichst lange verzögert werden soll“, wie die Grünen in der besagten Petition bemängeln. „Einige Gemeinderäte betonen die Pflicht, sorgsam mit den Biographien der Würdenträger umzugehen. Das setzen wir selbstverständlich voraus. Ebenso ist für uns selbstverständlich, dass wir nicht den Nachfahren Vorwürfe wegen des eventuellen Fehlverhaltens ihrer Vorfahren während des NS-Regimes machen. Das wäre Sippenhaft, ein Rechtsinstrument des NS-Unrechtsstaates.“

Was die Grünen auch zu bedenken geben: „Gerade weil Murnau eine Hochburg der Nationalsozialisten und Wohnort hochrangiger NSDAP-Mitglieder gewesen ist, würde in diesem Ort ein Abweichen von der klaren Linie der NSDAP-Mitgliedschaft als Mindestkriterium zu einer gefährlichen entgrenzten ,Entlastung‘ führen, die in rechtsextremen Kreisen der Republik sicher begrüßt werden würde.“ Von Ehrungen für NSDAP-Mitgliedern müsse sich der Rat der Marktgemeinde deshalb distanzieren.

Im Übrigen schließt sich der Ortsverband der persönlichen Ansicht von Dr. Edith Raim an, die momentan an einem Buch über die Zeit zwischen 1920 und 1950 in Murnau arbeitet. Die Historikerin hatte erklärt: „Wer der Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und den Menschenrechten verpflichtet ist, kann NSDAP-Mitglieder, die einer rassistischen ,Weltanschauung’ anhingen, nicht als Vorbilder ansehen.“

Roland Lory

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