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Namenswechsel: Heute heißt sie Christoph-Probst-Mittelschule.

Bürgermeister Beuting will abwarten

Nazi-Ehrenbürger: Was macht Murnau mit Max Dingler?

Die Fraktionen von Bündnis 90/Die Grünen und des ÖDP/Bürgerforums unternehmen einen Vorstoß, damit Max Dingler von der Liste der Ehrenbürger gestrichen wird. Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum) will hingegen nichts überstürzen.

Murnau – „Wirken und Werke von Max Dingler während der NS-Zeit sind hinreichend bekannt und erforscht, in der Folge wurde bereits die Mittelschule umbenannt“, heißt es in dem Antrag, den Grünen-Rätin Veronika Jones und Michael Manlik, Fraktionssprecher des ÖDP/Bürgerforums, unterzeichnet haben. Wenn Dingler also nicht mehr würdig sei, dass eine Schule seinen Namen trägt, könne sein Name unmöglich mit Personen wie Emanuel von Seidl und James Loeb in einer Reihe stehen oder genannt werden. Dingler von der Liste zu streichen, sei „längst überfällig“. Die Forderung hatte auch das Garmisch-Partenkirchner/Murnauer Tagblatt in einem Artikel gestellt, der sich mit Nazi-Ehrenbürgern in Garmisch-Partenkirchen, Mittenwald und Murnau befasst.

„Die tiefe Verstrickung des Zoologen und Mundartdichters mit dem NS-Regime ist historisch zweifelsfrei nachgewiesen“, betont auch der Historiker Thomas Wagner, der Grünen-Mitglied ist und der bereits vor zwei Jahren gefordert hatte, sich vom Ehrenbürger Dingler zu distanzieren. Dieser sei mit dem Nationalsozialismus tief verbunden gewesen. „Im engen Umfeld des Freikorps Oberland, als Mitbegründer der NSDAP-Ortsgruppe Murnau und als Teilnehmer am Hitler-Ludendorff-Putsch.“ Dingler habe als NSDAP-Mitglied opportunistisch von seinen Beziehungen zu hochrangigen NS-Machtträgern profitiert. „Als habilitierter Zoologe war ihm das sozialdarwinistische Weltbild des Nationalsozialismus bestens bekannt.“ Nach 1945 machte Dingler als Mundartdichter von sich reden. „Auch für den Umweltschutz des Murnauer Mooses trat der Zoologe nach 1945 mutig ein“, sagt Wagner. Anders als bereits im Zweiten Weltkrieg habe Dingler sein Umwelt-Engagement für das Moos nun allerdings ohne völkischen Wortlaut verfolgt. „Sein künstlerisches und auch sein ökologisches Engagement kompensieren keinesfalls“ sein Handeln, „gerade als Akademiker, für den totalen Zivilisationsbruch des Nationalsozialismuses“.

In einem Jahr will Beuting die Ehrenbürgschaft Dinglers im Gemeinderat behandeln

Bürgermeister Beuting will dagegen nichts überstürzen. „Man sollte sich Zeit lassen, bis die NS-Geschichte aufgearbeitet ist.“ Derzeit erforscht die Historikerin Dr. Edith Raim die braune Ära in Murnau. Ein Jahr soll es noch dauern, bis die Ergebnisse vorliegen. Dann will Beuting die Ehrenbürgerschaft Dinglers in den Gemeinderat bringen. Er halte nichts davon, „mit einzelnen Aktionen vorzupreschen“. Es gelte, die Biografien in einen Gesamtzusammenhang einzuordnen. Es sei auch keine Eile geboten. „Das ist nichts, wo man sofort tätig werden müsste.“

SPD-Gemeinderätin Dr. Elisabeth Tworek sieht es ähnlich. „In die NS-Zeit waren mehrere Ehrenbürger Murnaus verstrickt. Deshalb möchte ich die Ergebnisse der wissenschaftlichen Recherchen zur NS-Zeit in Murnau abwarten, bevor sich der Gemeinderat mit den Aberkennungen der Ehrenbürgerschaften auseinandersetzt.“ Diesbezüglich müssten gesicherte Ergebnisse vorliegen. Darüber hinaus betont Tworek: „Es gibt für mich wenig Grund, Max Dingler als Ehrenbürger zu verteidigen. Das ist keineswegs mein Ansatz.“

Es sei aber nicht damit getan, ihm die Ehrenbürgerschaft abzuerkennen und dann den Deckel der Geschichte zuzuklappen. „Für mich sind die historischen Zusammenhänge und Netzwerke interessant, in denen jemand wie Max Dingler im NS-Regime lebte, agierte und Karriere machte. Wer waren seine Förderer? Wie waren die Seilschaften, die ihm eine Professur einbrachten? Warum suchte er die Nähe zur Macht? In wieweit war er ein Profiteur des Systems? Welche Gesinnung und Charaktereigenschaften prädestinierten ihn dazu, in der NS-Diktatur Karriere zu machen?“

Schul-Umbenennung darf nicht einzige Aktion bleiben

Die Ehrenbürgerliste betrachtet Tworek als Zeitdokument, das nicht nur etwas über die gewürdigten Personen aussage, sondern auch über die Zeit, als sie ausgezeichnet wurden. „In der Zeit, in der Max Dingler Ehrenbürger wurde, sah ihn die Mehrheit der Gemeinderäte als herausragende Persönlichkeit an.“ Für die Literaturwissenschaftlerin und Monacensia-Leiterin ist das „ein hoch interessantes Detail. Wer hat den Vorschlag eingebracht? Mit welcher Begründung? Wer hat damals mitgestimmt? War es ein einstimmiger Beschluss? Gab es Gegenstimmen?“ Lauter Fragen, zu denen Tworek gerne die Antworten hätte.

Der pensionierte Studiendirektor Jakob Knab aus Kaufbeuren unterstützt den Vorstoß der Grünen und des ÖDP/Bürgerforums. Wenn schon die Schule umbenannt worden sei, müsse man „den ganzen Weg gehen und nicht auf halbem Weg stehen bleiben“. Knab war 2011 einer derjenigen, die die Umbenennung der Schule angeregt hatten.

Garmisch-Partenkirchen geht auf Distanz:

Der Gemeinderat von Garmisch-Partenkirchen macht in Sachen Nazi-Ehrenbürger Nägel mit Köpfen – analog Mittenwald. Dort hatte sich das Kommunalparlament schon vor einer Woche von den Ernennungen 1933, zu Beginn des Dritten Reichs, für den damaligen Reichskanzler Adolf Hitler, Reichspräsident Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und des Staatsministers des Innern, Gauleiter Adolf Wagner, sowie von Ritter Franz von Epp distanziert. Gleiches plant der Markt Garmisch-Partenkirchen in seiner Sitzung am morgigen Mittwoch (19 Uhr). Im Ältestenrat, dem neben Bürgermeisterin Dr. Sigrid Meierhofer (SPD) und Vizebürgermeister Wolfgang Bauer (CSU) auch die Fraktionsvorsitzenden angehören, war es Konsens, Hitler und seine Helfer aus der Liste der Ehrenbürger zu streichen. „Das geht durch alle Parteien“, sagt Meierhofer. Überraschend kommt, dass auch Hindenburg der Bannstrahl des Gemeinderats treffen soll. Den Namen des Reichspräsidenten trägt eine Straße in Garmisch-Partenkirchen. Sie umzubenennen war am 22. April 2013 am Veto der Bürger gescheitert. Eine Initiative um Joachim Sproll hatte zunächst ein Bürgerbegehren ins Leben gerufen und den anschließenden Bürgerentscheid deutlich gewonnen.

Roland Lory

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