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Murnauer Nazi-Zeit: Arbeitsgruppe ohne Freie Wähler

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Von: Peter Reinbold

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Gemeinderatsmitglied Welf Probst (Freie Wähler).
Gemeinderatsmitglied Welf Probst (Freie Wähler). © Andreas Mayr

Die Murnauer Gemeinderatsfraktion der Freien Wähler verweigert die Mitarbeit in einer Arbeitsgruppe zur Aufarbeitung der NS-Zeit. Sie führt als Grund einen Mangel an Zeit an.

Murnau – Die Aufarbeitung der NS-Zeit begann in der westdeutschen Gesellschaft nicht unmittelbar nach Kriegsende, sondern erst in den 1960er Jahren. Heute bescheinigt das Ausland den Deutschen, vorbildlich Licht in ihre dunkelste Vergangenheit gebracht zu haben. Dennoch ist die Weigerung eines Teils der Bevölkerung, sich mit dem schrecklichsten Kapitel der deutschen Geschichte zu befassen, noch immer weit verbreitet. Das zeigen nicht zuletzt die seit Jahrzehnten immer wieder geführten „Schlussstrich-Debatten“.

Einen Schlussstrich – den gedenkt der Markt Murnau nicht zu ziehen. Die Historikerin Dr. Edith Raim veröffentlichte 2020 die Ergebnisse ihre Forschungen, die sie im Auftrag der Gemeinde machte, in einem Buch mit dem Titel „Es kommen kalte Zeiten: Murnau zwischen 1919 – 1950“. Eine Dokumentation mit gleichem Namen ist noch bis zum 21. November 2021 im Schloßmuseum zu sehen. In der geschichtlichen Aufarbeitung der Nazi-Jahre will die Kommunalpolitik nun das nächste Kapitel aufschlagen. Der Hauptverwaltungsausschuss berief Dr. Michael Rapp (CSU), Veronika Jones, (Bündnis 90/Die Grünen), Felix Burger (SPD), Dr. Elisabeth Tworek (Mehr Bewegen), Wolfgang Küpper (ÖDP/Bürgerforum) und ein Mitglied der Kinder- und Jugendvertretung in einen Arbeitskreis, den der Gemeinderat bereits Ende März 2012 beschlossen hatte. Michael Manlik (ÖDP/Bürgerforum) schlug vor, auch das Werdenfelser Bündnis, das sich gegen rechtsradikale und rechtspopulistisch-antidemokratische Strömungen wendet, einzuladen.

Örtliche Würdenträger und Ehrenbürger soll durchleuchtet werden

Das Gremium soll sich auch mit den Biografien örtlicher Würdenträger, darunter Ehrenbürger, befassen und diese durchleuchten. Die Fraktion der Freien Wähler verweigert sich der Teilnahme. Das machte Welf Probst im Rahmen der Sitzung unmissverständlich deutlich. „Wir werden uns nicht beteiligen.“ Direkt nach der Sitzung hatte CSU-Sprecher Rudolf Utzschneider versucht, Probst zum Umdenken zu bewegen. Vergeblich. „Es wäre wichtig, ihn dabeizuhaben“, sagt Utzschneider. Er findet Probsts Nein zur Arbeitsgruppe „bedauerlich. Ich kann’s nicht verstehen. Seine Sicht der Dinge hätten wir gut gebrauchen können“.

Auch eine Woche später hat sich an Probsts Einstellung nichts geändert. Mit Überlastung begründet er seine und die Haltung seiner Fraktion. „Wir haben so viel Arbeit am Hals – gerade nach Corona. Ich benötige nicht noch einen Arbeitskreis.“ Ist’s nur der Mangel an Zeit? Nicht ausschließlich. Probst stellt klar, dass man Geschichte beleuchten müsse, „auch kritisch“. Allerdings fürchtet er, dass beim Stochern in den Lebensläufen von Ehrenbürgern unschöne Dinge zutage gefördert werden könnten. „Wenn man will, findet man bei jedem etwas.“ Was müsste passieren, damit er es sich noch anders überlegt? „Das Ganze sollte anders aufgezäumt werden“, sagt er. Belastete Ehrenbürger dürften nicht gestrichen werden, ihre Taten müssten eingeordnet werden. Und er stellt unmissverständlich fest: „Ich will nichts verteidigen oder unter den Teppich kehren.“

Schon 2017 sind die Freien Wähler aus der Reihe getanzt

Aus der Reihe getanzt sind die Freien Wähler in dieser Causa schon einmal: 2017 hatten sich ihre drei Gemeinderäte dagegen ausgesprochen, sich von Ehrenbürger Max Dingler und Lorenz Sonderer (Träger der Bürgermedaille) zu distanzieren.

Den Verzicht der Freien Wähler auf Sitz und Stimme in der Arbeitsgruppe, die nicht öffentlich tagen wird, kann Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum) nicht nachvollziehen. Er war von Probsts Ankündigung „überrascht, denn für mich wirkt das wie aus der Zeit gefallen“. Natürlich sei eine Aufarbeitung ein schmerzhafter Prozess, der allerdings reinigend und fruchtbar sein könne. Bis der Vorgang abgeschlossen ist, immerhin gilt es, sich mit 20 bis 30 Personen zu beschäftigen, kann es Beuting zufolge „ einige Jahre dauern. Alles andere ist unrealistisch“.

Neben Utzschneider beklagen auch die anderen Fraktionen, die im Murnauer Gemeinderat vertreten sind, das Fehlen der Freien Wähler. „Ich finde es schade“, sagt die Grüne Veronika Jones. Sie respektiere die Entscheidung, „verstehen kann ich sie nicht“. Ähnlich äußert sich Phillip Zoepf: „Das müssen die Freien Wähler mit sich ausmachen.“ Der Sprecher von Mehr Bewegen weist explizit darauf hin, dass es dem Arbeitskreis nicht darum gehe, „jemanden zu demaskieren oder zu diskreditieren. Es geht um Täter, nicht um Mitläufer“. Felix Burger (SPD), dessen Partei unter dem Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945 besonders gelitten hatte, gibt sich bewusst diplomatisch: „Ich würde mich generell freuen, wenn alle dabei sind.“

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