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Eine kalte Welt: Zach (Jannis Niewöhner) und Nadesh (Alicia von Rittberg) als Hoffnungsträger der Leistungselite in einer Szene des Films „Jugend ohne Gott“.

Gedreht wurde bei Garmisch-Partenkirchen

Neuverfilmung von „Jugend ohne Gott“: Verlust der Menschlichkeit

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Mit „Jugend ohne Gott“ bringt Constantin Film eine Literaturverfilmung in die Kinos, die in Murnau auf besonderes Interesse stoßen dürfte. Denn der Streifen basiert auf Ödön von Horváths gleichnamigem Antikriegsroman, der das berüchtigte Hochlandlager der Hitlerjugend thematisiert.

Murnau – Das Besondere an der mit vielen deutschen Jungstars besetzten Neuverfilmung von Ödön von Horváths Klassiker „Jugend ohne Gott“ (Regie: Alain Gsponer) ist, dass die Romanvorlage in die Zukunft verlegt wurde. Die Story – gedreht wurde auch bei Garmisch-Partenkirchen – spielt nicht wie das Original zu Beginn des Faschismus im vergangenen Jahrhundert. Sie zeigt vielmehr die düstere Vision einer Gesellschaft, in der die Menschen nur noch in nutzbringend und leistungsschwach unterteilt werden. In die Mühlen dieser Weltordnung geraten die Schüler eines Abschlussjahrgangs.

Die Murnauer Literaturwissenschaftlerin Dr. Elisabeth Tworek, eine ausgewiesene Horváth-Kennerin, ließ sich den Kinostart am  Donnerstag, 31. August,  in München nicht entgehen. Sie ist begeistert: „Ich finde den Film hervorragend.“ Der Transfer in die Zukunft funktioniere ausgezeichnet. Denn Horváths Werk sei zeitlos und habe nichts an Aktualität eingebüßt. „Es geht um eine Gesellschaft, die die Menschlichkeit ausschaltet“, fasst sie zusammen. Gerade im Zeitalter des Turbo-Kapitalismus sei diese Tendenz nicht zu übersehen. Die Kulturreferentin der Marktgemeinde, die für die SPD im Gemeinderat sitzt, ist sich sicher: Dem Schriftsteller Horváth, der viele Jahre in der Staffelsee-Gemeinde lebte, hätte die Adaption gefallen.

Für die Murnauer Ödön-von-Horváth-Gesellschaft ist die neue Leinwandversion von „Jugend ohne Gott“ ebenfalls ein Thema. Zusammen mit dem Griesbräu-Kino präsentiert sie den Streifen am kommenden Donnerstag, 7. September. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr. Als Ehrengast wird Produzent Uli Aselmann erwartet. Er spricht zu Beginn einleitende Worte – und nimmt nach der Vorstellung an einem „Filmgespräch“ im Griesbräu teil. „Ich erwarte einen interessanten Abend“, sagt Gabi Rudnicki, Vorsitzende der Gesellschaft. Sie habe den Film zwar noch nicht gesehen, finde es aber „spannend“, dass der Horváth-Stoff in der Zukunft spielt. „Jugend ohne Gott“ sei sehr vielschichtig angelegt, erklärt sie. Eine wichtige Ebene sei die Frage, was passiert, wenn Menschen ihre Werte und ihren Halt verlieren – und leicht von einer Ideologie vereinnahmt werden können.

Horváth (1901 bis 1938) – der Sohn eines ungarischen Diplomaten zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts – veröffentliche 1937, also vor genau 80 Jahren, mit „Jugend ohne Gott“ seinen dritten Roman. Dieser beschreibt die Zeit des Dritten Reichs aus der Sicht eines Lehrers, der bei seinen Schülern immer mehr auf das Gedankengut des Nationalsozialismus und emotionale Abstumpfung trifft.

Murnau wird zwar in dem Text nicht explizit erwähnt. Aber etliche Bezüge fallen sofort auf, vor allem zum Hochlandlager der Hitlerjugend, das im Sommer 1934 im Bereich der Gemeinden Riegsee und Aidling stattfand. Der Riegseer Historiker Thomas Wagner hat sich mit dem Thema intensiv beschäftigt und darüber ein Buch geschrieben. Der Titel: „,Zum Sterben für Deutschland geboren.’ Die Hitlerjugend in Südbayern und ihre Hochlandlager.“ Der martialische Satz prangte auf einer großen Holzwand auf dem Zeltplatz.

Wagners Fazit: Die Kinder seien einer „ideologischen Gehirnwäsche“ unterzogen und auf den Kriegseinsatz vorbereitet worden. Die als Freizeitvergnügen angepriesene Zeltstadt, die rund 6000 Buben aus der Region anlockte, war in Wirklichkeit ein Erziehungslager, in dem rohe Umgangsformen und ein Kasernenton herrschten. „Horváth fängt dieses Klima perfekt ein“, urteilt Wagner. Der Historiker ist sich sicher, dass die Mechanismen totalitärer Regime auch heute noch funktionieren. Er hält daher den „Rechtsextremismus mit seiner gruppenspezifischen Menschenfeindlichkeit“ für ein äußerst gefährliches Problem des 21. Jahrhunderts.

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