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Olympia 1972: Als Masseur hautnah dran

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Von: Silke Reinbold-Jandretzki

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Erinnerungen an München 1972: Peter Müller mit Schwergewichtsboxer und Bronzemedaillengewinner Peter Hussing (Bild links) und vor einigen Jahren mit seinem Olympia-Album (Bild rechts), das er beim Hausbrand verloren hat. Nur das Olympia-Poster von einst (im Hintergrund) ist ihm als materielles Andenken geblieben.	Screenshot/ARchiv
Erinnerungen an München 1972: Peter Müller mit Schwergewichtsboxer und Bronzemedaillengewinner Peter Hussing (Bild links) und vor einigen Jahren mit seinem Olympia-Album (Bild rechts), das er beim Hausbrand verloren hat. Nur das Olympia-Poster von einst (im Hintergrund) ist ihm als materielles Andenken geblieben. © Archiv

Die materiellen Andenken hat ihm ein Brand fast ausnahmslos genommen, doch die Erinnerungen bleiben unauslöschlich: Peter Müller aus Murnau erlebte als Masseur die Olympischen Spiele vor 50 Jahren in München mit – und viele Sportler im Wortsinn hautnah. „Es war eine Auszeichnung, dabei zu sein“, sagt er heute.

Murnau – In einem dicken roten Album hatte er seine Schätze gesammelt: Erinnerungsstücke, Autogrammkarten, Fotos, das eine oder andere Dankeschön eines Athleten. „Das war mein Heiligtum“, sagt Peter Müller. „Ein sehr, sehr schwerer Verlust, vielleicht mein schlimmster.“ Er verlor sein Olympia-Andenkenbuch wie das meiste andere seines Hab und Guts bei dem verheerenden Hausbrand in der Murnauer Grüngasse vor über zwei Jahren; der Wiederaufbau des Gebäudes, in dem er lebte, läuft noch immer. Das Einzige, was Müller von 1972 blieb, ist ein Olympia-Plakat, das hinter Glas im Untergeschoss hing und nur Löschwasser ausgesetzt war. Darauf finden sich die Unterschriften zahlreicher Athleten und Medaillengewinner.

Als Masseur bei Olympia: Höhepunkt der beruflichen Laufbahn

Der Murnauer erlebte die Olympischen Sommerspiele in München, die von 26. August bis 11. September 1972 liefen, sowie ihre Sportler, und das wirklich hautnah – er behandelte Teilnehmer mit damals 26 Jahren als Masseur. Im Olympischen Dorf war eine Physikalische Therapie eingerichtet speziell für Teilnehmer aus Nationen, die keine eigenen Betreuer mitgebracht hatten. In Müllers Hände begaben sich unter anderem die Jamaikaner Lennox Miller, der Bronze über 100 Meter geholt hatte, und Donald Quarrie. Müller, damals Vertragsmasseur beim Fußball-Regionalligisten FC Schweinfurt 05, stand bei Trainingseinheiten und Wettkämpfen für die Vor- und Nachbereitung von Olympioniken zur Verfügung. Die Erlebnisse blieben „der Höhepunkt“ seines beruflichen Lebens, sagt der 75-Jährige, der viele Emotionen und Momente im Kopf speicherte. Manch einer sei mit Medaille in die Physikalische Therapie gekommen. „Einer hat mir ins rote Olympia-Buch geschrieben: ,Deine Hände waren mit im Spiel‘.“

Spiele in München: Unterhaltung mit der heutigen Königin von Schweden

Die großen Athleten damals machten nicht viel Aufhebens um sich und ihre Erfolge: „Sie waren so natürliche, einfache Menschen.“ Müller, selbst seit jeher leidenschaftlicher Sportler, glaubt: „Das ist mit heute nicht mehr zu vergleichen.“ Mittlerweile verfolgt er dieses Mega-Ereignis, das ihm „zu kommerziell geworden“ ist, nicht mehr. 1972 aber besaß Olympia eine „Wahnsinns-Bedeutung“ für ihn. Er hat sie noch vor Augen, diese Spiele, die einzigen, bei denen er dabei war. Müller erlebte live mit, wie Klaus Wolfermann Gold im Speerwurf holte und Schwergewichtsboxer Peter Hussing, der Bronze gewann, im Ring stand. Und er sprach mit Silvia Sommerlath, heute Königin von Schweden und damals Chef-Hostess.

Attentat bei Olympia: „Alle waren wie gelähmt“

Dann fiel der lange Schatten auf die heiteren Tage. Dem ehemaligen Sportlehrer und früheren bayerischen Triathlon-Meister über die Mitteldistanz steigen Tränen in die Augen, wenn er an das Attentat vom 5. September denkt. Die palästinensische Terrororganisation Schwarzer September verübte einen Anschlag auf die israelische Mannschaft. Die Geiselnahme endete mit der Ermordung aller elf Israelis sowie mit dem Tod von fünf Tätern und einem Polizisten. Ringer Eliezer Halfin hatte sich kurz zuvor mit einer leichten Schulterzerrung, die er im Training erlitten hatte, noch in Müllers Hände begeben. „Am nächsten Tag war er tot, erschossen.“ Müller spricht davon, dass „immer wieder dieser Schmerz über die Seele kommt, auch nach 50 Jahren noch. Das war so schrecklich. Alle waren wie gelähmt“. Doch die Show sollte weitergehen. Müller sagt: „Ich hätte abgebrochen.“

Dabei sein war für Peter Müller alles

Trotz dieser dunklen Seite: Olympia 1972 bleibt ein zentraler Punkt seines Lebens. „Es war eine Auszeichnung, dabei zu sein“, sagt Peter Müller. „Und eine Ehre, mit solchen Menschen arbeiten und zusammen sein zu dürfen.“

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