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Anderer Weg: Bianca Kaminsky (r.), eine ehemalige Grundschullehrerin, und ihr Mann Thomas bringen Unterrichtsmaterialien heraus.

Eigener Verlag für Unterrichtsmaterialien in Murnau

Seitenwechsel: Lehrerin macht als Unternehmerin Schule

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Nicht pfiffig, wenig kindgerecht, oft altbacken: Was Lehrerin Bianca Kaminsky einst an Unterrichtsmaterial auf dem Markt fand, gefiel ihr „gar nicht“. Also gestaltete sie selbst Entwürfe. Daraus ist längst ein Geschäftsmodell geworden: Die Lehrerin von damals betreibt von Murnau aus ihren eigenen Verlag.

Murnau– Sie vermisst die Schule nicht mehr, und letztlich bleibt Unterricht auch das große Thema ihres Berufslebens. Bianca Kaminsky (40) steht zwar nicht weiter vor Kindern, sorgt aber indirekt weiter dafür, dass Lernstoff (gut) ankommt: quasi auf eine Art zweitem Bildungs-Weg. Kaminsky betreibt mit ihrem Mann Thomas (51) den Murnauer Verlag Lernbiene, der Lehrer mit Unterrichtsmaterialien versorgt, das anders sein soll: motivierend, kreativ, pfiffig, auf Kinder abgestimmt.

Schon als Referendarin in Hessen begann Kaminsky, „eigene Arbeitsblätter für offene Lernformen“ anzufertigen: also nicht klassische Schulbücher, sondern Zusatzmaterialien, das Lehrer anschaffen und in den Klassen einsetzen. Das, was es auf dem Markt gab, sagte ihr, die „den Spaß am Lernen fördern und aufrechterhalten“ wollte, nicht zu. Ihre Eigenkreationen dagegen kamen an: bei Schülern, aber auch bei Kollegen, die sich bei Kaminsky bedienten. Damit fing alles an. Heute betreiben die Geschäftsführer und Gesellschafter Bianca und Thomas Kaminsky, die in Saulgrub wohnen, den Verlag Lernbiene mit Sitz in der Murnauer Johannisstraße. Rund 300 Titel sind bislang erschienen, mehr als 50 000 Exemplare wurden 2016 verkauft. Der Jahresumsatz liegt heute bei etwa 600 000 Euro. Rund 50 Menschen arbeiten für Lernbiene, die meisten davon freiberuflich: in der Mehrheit Autorinnen, die in der Regel aktive Lehrerinnen sind, und Illustratoren, die ihre verschiedenen Stile einbringen.

Das alles ging nicht von heute auf morgen. Das Projekt wuchs langsam, eine Etappe folgte auf die nächste. „Meine Frau hatte auch gar nicht vor, Verlegerin zu werden“, sagt Thomas Kaminsky. Vielmehr machte sie aus der Not eine Tugend – aber das kam erst später.

Am Startpunkt stand eine Art Schlüsselerlebnis: die Entdeckung, dass andere Lehrerinnen ihre Arbeitsblätter, ähnlich wie Kaminsky sie entwarf, auf Online-Plattformen zu Geld machten. „Ich war Kaufmann und habe gesagt: Das tun wir jetzt auch“, erzählt Thomas Kaminsky. Das Paar verschickte CDs, verdiente sich erst Taschen- und dann Urlaubsgeld, schließlich ein Nebeneinkommen. „Das lief gut, ich war völlig überrascht“, erklärt Bianca Kaminsky. Den großen Schritt ging sie, als ihr Mann als Vertriebsleiter für einen Hersteller von Textilien für die Luftfahrtindustrie beruflich aus Hessen nach Geretsried wechselte. Seine Frau hätte nach Jahren im Beruf noch einmal studieren müssen, um in Bayern als Lehrerin arbeiten zu können. Sie wählte einen anderen Weg: nicht gegen die Schule, aber für den Verlag. 2007 konzentrierte sie sich ganz auf die Lernbiene, schließlich rutschte auch ihr Mann immer mehr in die GmbH, weil vieles nebenher nicht mehr zu schaffen war: „Heute bin ich bei meinem alten Arbeitgeber Teilzeitbeschäftigter.“ Dafür ist er für Lernbiene fleißig.

Der Verlag hält Material-Angebote bis zur sechsten Klasse bereit, der Schwerpunkt liegt auf der Grundschule – bedient werden hier sämtliche Fächer – und thematisch auf Sachkundetiteln. Da gibt es teils CDs, teils Druckausgaben oder beides im Set sowie Downloads. Bei diesen lassen sich wie bei CDs Inhalte individuell anpassen. Mit großem Abstand stärkster Titel ist „Der Wald“.

Thomas Kaminsky sieht noch viel Potenzial: „Das liegt bei rund 800 Themen, die man machen kann.“ Mit seiner Frau will er das Angebot des Verlags gezielt in Richtung dieser Marke ausbauen. Auch wenn Bianca Kaminsky – anders als direkt nach ihrem Ausstieg als Pädagogin – die Schule heute nicht mehr vermisst: Sie profitiert davon, die andere Seite zu kennen, die der Lehrerin. „Manches sieht auf dem Papier toll aus“, sagt sie, „funktioniert aber nicht mit Kindern.“

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