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Interessante Runde im Kultur- und Tagungszentrum: (v. l.) Über die schöne neue Pflegewelt diskutieren Wolfgang Heckl, Alexander Huhn, Moderatorin Angelas Braun, Olivia Mitschlerich-Schönherr und Sami Haddadin.

Hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion in Murnau

Roboter als Helfer in der Altenpflege

Wie sieht die Altenpflege der Zukunft aus? Eine Unterstützung könnten Hightech-Assistenz-Systeme bieten, die unter anderem in Garmisch-Partenkirchen entwickelt werden. Darüber diskutierten jetzt namhafte Referenten in Murnau. 

Murnau – Aus dem Sessel helfen, Waschen und Anziehen, Medikamente geben: Diese Aufgaben von Altenpflegern könnten künftig Roboter übernehmen, so dass den Fachkräften wieder mehr Zeit für eine Sinn stiftende Begleitung der Senioren bleibt. „Schöne neue Pflegewelt“ lautete das mit einem Fragezeichen versehene Motto einer spannenden Podiumsdiskussion mit namhaften Referenten im Murnauer Kultur- und Tagungszentrum. Zu der Veranstaltung hatten die christlichen Kirchen in Kooperation mit Murnau Miteinander und der Marktgemeinde eingeladen.

Die Hightech-Assistenz-Systeme werfen viele ethische, moralische und rechtliche Fragen auf, wie die Veranstaltung deutlich machte. So sagte Olivia Mitschlerich-Schönherr von der Münchner Hochschule für Philosophie, der Pflegenotstand erfordere eine politische und keine technische Antwort. Die Gesellschaft dürfte ältere Mitbürger nicht auf ihre Gebrechlichkeit reduzieren, sondern müsse ihre individuellen Besonderheiten sehen. Alexander Huhn vom Caritas-Zentrum in Garmisch-Partenkirchen wies darauf hin, dass der in den Medien gebräuchliche Begriff „Pflegeroboter“ nicht korrekt sei: „Maschinen sollen nicht die Pflege ersetzen, sondern den Helfern mehr Zeit für ihre Patienten ermöglichen!“ Das rollende Universalgenie könnte in Zukunft Essen warm machen, Zeitung vorlesen, Tisch abräumen oder die Tür öffnen und schließen. Es soll aber nicht nur wie ein Butler einfache Alltagstätigkeiten erledigen, sondern auch Blutdruck messen, Medikamente verabreichen und im Notfall Hilfe rufen.

Auch eine Fernsprechstunde mit dem Arzt (Telemedizin) könnte dank „Garmi“ möglich werden. So heißt der in Murnau gezeigte Roboter, weil es in Garmisch-Partenkirchen ein Geriatrie-Forschungszentrums der TU München gibt. Bei dessen Eröffnung vor zwei Jahren hatte Staatsminister Florian Herrmann (CSU) betont: „Wir wollen, dass jeder Mensch in Würde leben und altern kann.“ Deshalb werde der Freistaat Bayern die Forschung im Pflegebereich intensiv fördern. „Schon heute gibt es in der Pflege rund 40 000 offene Stellen“, sagte Huhn. Darum müsse man den Beruf interessanter machen und Fachkräfte sowie pflegende Angehörige durch Assistenzsysteme unterstützen.

Für den Verein „Freunde der Geriatronik“ warb bei der Diskussion Wolfgang Heckl, Chef des Deutschen Museums in München. Dass Maschinen niemals Ersatz für Menschen, aber ein sinnvolles Werkzeug zu ihrer Unterstützung sein können, erläuterte Sami Haddadin. Der Professor hat an der TU München einen Lehrstuhl für Roboter-Wissenschaften und Systemintelligenz und beschäftigt sich mit dem Zusammenspiel von Robotik, Mechatronik und Informationstechnologie, Maschinenintelligenz und 3D-Technologie. „Ziel unserer Forschung ist es, Mobilität möglichst lange zu erhalten sowie zwischenmenschliche Interaktion und Kommunikation zu erleichtern“, so Haddadin.

Intuitiv bedienbare Assistenzsysteme sollen sich sich direkt auf den Nutzer einstellen und im Alter und Krankheitsfall die Unabhängigkeit erleichtern – eine Schlüsseltechnologie in Zeiten des Facharztmangels im ländlichen Raum. Angestrebt sei in Garmisch-Partenkirchen ein Geriatronik-Campus, der als internationales Referenzzentrum in einzigartiger Weise moderne Forschung und Lehre mit neuen Pflege- und Wohn-Konzepten für den letzten Lebensabschnitt unter einem Dach zusammenbringt.

Auf Garmis 1,40 Meter großem Rumpf sitzt ein weißer runder Kopf mit einem großen Display als Gesicht. Greif-Arm-Hände, Lautsprecher-Ohren und ein kompliziertes Innenleben sorgen dafür, dass er monotone Arbeiten erledigen kann, zum Beispiel das Kommando „Doktor anrufen“ befolgt, Essen serviert oder die Spülmaschine ausräumt. Noch steht die Entwicklung solcher Assistenzsysteme am Anfang, aber Mister Spock würde anerkennend die Augenbrauen heben und feststellen: „Faszinierend!“ Viele der technischen Visionen, die einst in „Raumschiff Enterprise“ zu sehen war, gehören heute längst zu unserem Alltag – mit Garmi und seinen Kollegen dürfte es in einigen Jahren nicht anders sein.

Peter Stöbich

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