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Raab hat die Nase voll: Grünen-Vertreter nimmt mit Standpauke Abschied aus Murnauer Gemeinderat - Klage über Lagerbildung

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Von: Peter Reinbold

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Verabschiedung: Ein Geschenk erhält Dr. Josef Raab von Vize-Bürgermeisterin Dr. Julia Stewens.
Verabschiedung: Ein Geschenk erhält Dr. Josef Raab von Vize-Bürgermeisterin Dr. Julia Stewens. © Reindl

Grünen-Gemeinderat Dr. Josef Raab hat in einer emotionalen Rede seinen Rückzug aus dem Murnauer Gremium erklärt. Die Lust vergällt haben dem Arzt Spannungen und Lagerbildung. Als seine Nachfolgerin wurde die parteifreie Claudia Lehmann vereidigt, die der Grünen-Fraktion angehören wird.

Murnau – Ein Gemeinderat ist kein Streichelzoo, kein Ort, an dem man Kuscheltiere verteilt oder sich mit Wattebäuschchen bewirft. Dort wird mit harten Bandagen gekämpft – wenn’s sein muss manchmal sogar mit Schlägen unterhalb der Gürtellinie. Das Gremium, das Kommunalpolitik im Markt Murnau macht, stellt keine Ausnahme von der Regel dar. Auch es besteht aus 24 Individuen, die bestimmten Lagern angehören, die manchmal ohne Rücksicht auf Verluste versuchen, ihre Sicht der Dinge durchzudrücken. Dr. Josef Raab (Bündnis 90/Die Grünen) hat von den „Spannungen“ und den „feindseligen Gruppierungen untereinander“, von der „Lagerbildung, die ich als Abbild der Spaltung in unserer Gesellschaft empfinde“ und der „Verständnislosigkeit füreinander“ die Nase voll. In der Sitzung am Donnerstagabend nannte er unter anderen diese Gründe, die ihn zum Rückzug aus dem Gemeinderat bewogen haben.

Danke für die „Standpauke“

„Ich tue das mit einem lachenden und weinenden Auge“, sagte Raab (66). Es ist keine Kapitulation vor den Zuständen mit fliegenden Fahnen, sondern eine mit nachdenklichen Worten, nachdem er seine Anfänge als Gemeinderat als „positiv und ermutigend“ empfunden hatte. Den Ausführungen Raabs lauschten seine Ex-Kollegen mit unbewegter Miene. Vize-Bürgermeisterin Dr. Julia Stewens (Freie Wähler), die in Abwesenheit von Rathauschef Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum) die Sitzung leitete, bedankte sich „für die Standpauke“. Sie hoffe, dass er den Grünen weiter mit Rat und Tat zu Seite steht. „Die können es auch brauchen.“

Am Tag danach sprach Raab von „Erleichterung“, dass er diesen Schritt getan hat und noch einmal von der „Frustration“, die ihn im September 2021 befallen hatte, nachdem eine Gemeinderatssitzung aus dem Ruder gelaufen war. Sein Versuch, zusammen mit Wolfgang Küpper (ÖDP/Bürgerforum) das Steuer herumzureißen, ging ins Leere. Der Plan, mit einer Klausur und einem offenen Dialog unter Mithilfe einer externen Moderation die Arbeitsatmosphäre zu verbessern, scheiterte. „Wir sind auf ziemlich üblen Widerstand in der Sitzung gestoßen, so dass aus diesem Projekt bis heute nichts wurde. Auch in mancherlei Einzelgesprächen ist mir Skepsis begegnet.“ Unterstützung vermisste er auch von den Bürgermeistern. Raab, der in der Psychotherapie arbeitet, hat sich den Verhältnissen im Gemeinderat wissenschaftlich genähert. Die Psychologie lehre, dass durch Lagerdenken und Feindbilder es leicht falle, sein eigenes Image herauszustellen und sich selbst in den Vordergrund zu spielen.

Begrüßung: Blumen gibt’s zum Amtsantritt für die neue Gemeinderätin Claudia Lehmann von Dr. Julia Stewens.
Begrüßung: Blumen gibt’s zum Amtsantritt für die neue Gemeinderätin Claudia Lehmann von Dr. Julia Stewens. © Reindl

Der Politik hat Raab durch die Vorgänge im Murnauer Gemeinderat nicht gänzlich abgeschworen. Er möchte seine Arbeit bei der Friedensorganisation „Ärzte gegen den Atomkrieg“ intensivieren. Nachdem Russlands Präsident Wladimir Putin im Ukrainekrieg immer wieder mal mit dem Einsatz von Nuklearwaffen droht, „gibt es da genug zu tun“, sagt Raab. Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen will er zunächst einmal bleiben, obwohl es auch in der Partei Spannungen gab, die sich aber offenbar auf der persönlichen Ebene abspielten. „Bei den Sachthemen waren wir stets auf einer Wellenlänge“, sagt Raab. Was Grünen-Fraktionssprecherin Veronika Jones-Gilch bestätigt. Sie räumt allerdings ein, „dass es auch bei uns menschelt – wie in jeder Gruppe“.

Claudia Lehmann rückt nach

Seine Nachfolgerin Claudia Lehmann (58) hatte Raab bereits im Juli angesprochen und ihr bedeutet, dass sie wohl seinen Platz einnehmen werde. Auf der Liste der Nachrücker war Lehmann erst die Nummer drei. Helen Seyringer, die bei der Kommunalwahl 2020 exakt so viele Stimmen wie Hans Kohl bekommen und erst nach Losentscheid keinen Platz im Gemeinderat erhalten hatte, wohnt nicht mehr in Murnau. Leonhard Schrank, Ehemann der Ex-Fraktionssprecherin der Öko-Partei Stephanie Neumeir-Schrank, verzichtete auf das Mandat – wie man hört, aus familiären Gründen. Das kam für Lehmann, die dem Hauptverwaltungs- und dem Werkausschuss angehören wird, nie in Frage. „Ich stand auf der Liste, also muss ich den Job machen. Und ich habe Lust drauf.“ Sie gehört als Parteifreie der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen an, nachdem sie vor ungefähr einem Jahr aus der Partei ausgetreten ist. Der Grund? „Ich hatte den Eindruck, Mitglied in einer Partei zu sein, passt nicht zu mir.“ Sie teilt allerdings die Ziele der Grünen, will sich für Verkehrs- und Klimawende starkmachen. „Ich habe das Gefühl, die Fraktion und ich können gut zusammenarbeiten.“ Als positiv beschreibt sie ihren Eindruck von ihrer ersten Gemeinderatssitzung: „Es war doch ganz harmonisch.“ So hatte es Raab anfangs auch empfunden. Das Ende ist bekannt.

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