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Gerettet: Ralph Götting mit einem Flüchtlingsbaby.

Ralph Götting hat Flüchtlinge im Mittelmeer gerettet 

Einsatz auf der Sea-Eye: Mission lässt den Ohlstädter nicht los

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Er wirkt müde, doch Ralph Götting sagt: „Es geht mir gut.“ Der Ohlstädter hat zwei Wochen lang an Bord des Seenotrettungsschiffs Sea-Eye geholfen, Flüchtlinge vor dem Tod im Mittelmeer zu bewahren. Die Crew sorgte dafür, dass zwischen 750 und 1000 Menschen auf ein sicheres Schiff gelangten.

Ohlstadt– Als Ralph Götting am Freitagabend zurückkehrte von seiner Mission, schloss er als erstes Tochter Julia (13) in die Arme. „Das war etwas Besonderes“, sagt Götting. Seine Frau weilte da noch in der Arbeit. Zwei Wochen lang hatte er freiwillig auf seine Familie verzichtet. Er hatte Urlaub genommen und Reisekosten aus eigener Tasche gezahlt,um mit dem gemeinnützigen Verein Sea-Eye einen Beitrag gegen das große Flüchtlingssterben im Mittelmeer zu leisten. An Bord des gleichnamigen aufgerüsteten Fischkutters hielt der gelernte Krankenpfleger und ehrenamtlich engagierte Rettungsassistent mit acht weiteren Crewmitgliedern vor der Küste Libyens in internationalen Gewässern Ausschau nach Menschen, die in oft überfüllten Booten zu ertrinken drohten. Zwischen 750 und 1000 Männer, Frauen und Kinder haben die Freiwilligen in dieser Zeit mit dem Nötigsten wie Rettungswesten versorgt und für sie Notrufe abgesetzt, damit sie an Bord größerer Schiffe gelangten. Wer sich in sehr schlechtem Zustand befand, kam an Bord und wurde im Mini-Hospital versorgt. Hier war Götting an der Seite eines Arztes schwerpunktmäßig eingesetzt.

Götting sieht müde aus, und er räumt ein: „Ich bin ein bisschen geschafft.“ Am Wochenende war er für den Verein Sea-Eye beim Kulturknall vertreten, am Montag kehrte der 50-Jährige, der als Medizinprodukte-Berater Trainings für Fachkräfte abhält, an seinen Arbeitsplatz zurück. Dabei liegen zwei Wochen hinter ihm, die Kraft raubten und an die Nieren gingen. „Es war bewegend“, sagt Götting. Er wusste, was ihn erwartet, dennoch „geht einem das sehr nahe. Die Leute sind in denkbar schlechtem Zustand, enorm geschwächt und ausgetrocknet“. Manche, sagt er, „waren tief bewusstlos“. Rund zehn Patienten, der Großteil Frauen und Kinder, mussten an Bord medizinisch betreut werden. Das weitere Schicksal eines lebensgefährlich erkrankten Mannes, der von der Sea-Eye auf ein Kriegsschiff verlegt wurde, kennt Götting nicht.

Zu all dem Leid kamen anstrengende Einsätze und Wachdienste. „Ich habe manchmal nur sehr wenig geschlafen“, sagt der Ohlstädter. Die typische Zeit für Boot-Sichtungen sei im Morgengrauen – da hat mancher gerade erst einen Dienst hinter sich gebracht. Auch als die Sea-Eye durch ein ganzes Feld zerstörter Flüchtlingsboote mit persönlichen Gegenständen fuhr, war das für Götting „ein sehr bewegender Moment“. Er bereut seine Mission nicht, im Gegenteil: „Ich erachte den Einsatz noch immer als sehr nötig und sinnvoll und würde das auf jeden Fall wieder machen.“

In der Praxis bleiben – abgesehen davon, dass Götting eine Rückkehr auf die Sea-Eye erst mit der Familie diskutieren würde – Unwägbarkeiten. Italienische Regierungsbeamte berieten am Dienstag mit privaten Seenotrettern über einen Verhaltenskodex, der klare Regeln für Einsätze im Mittelmeer festlegen soll. Um die Arbeit der Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie Sea-Eye gibt es Debatten, seit ein sizilianischer Staatsanwalt Ende April einigen NGOs vorgeworfen hatte, von Schleppern finanziert zu sein. Belege dafür gibt es nicht. Zuvor hatte die EU-Grenzschutzbehörde Frontex festgestellt, dass die Seenotretter – ohne böse Absicht – mit ihrem Engagement im Mittelmeer Schleppern in die Hände spielten. Es gebe Vorwürfe, NGOs holten Flüchtlinge direkt an der libyischen Küste ab, weiß Götting und stellt klar: „Das wäre totaler Wahnsinn, ein enormes Risiko.“ Der Kapitän der Sea-Eye sei stets auf maximale Sicherheit bedacht. Solche Vorhaltungen „belasten uns, weil sie nicht der Wahrheit entspricht. Wir wollen Menschen helfen, die sonst unter Umständen ertrinken könnten“. Götting schließt nicht aus, dass gewisse Vorgaben das Sea-Eye-Projekt und andere gefährden könnten. Eine Rückkehr ist deshalb nicht nur eine persönliche Frage. Sondern auch eine politische.

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