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Geht auf Rettungsfahrt mit Ehrenamtlichen vor der Küste Libyens: die Sea-Eye.

Ralph Götting will ehrenamtlich Flüchtlinge in Seenot retten 

Ohlstädter auf der Sea-Eye: Mission gegen das große Sterben

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Er sucht kein Abenteuer: „Der Kick ist nicht meine Intention“, sagt Ralph Götting. Der Familienvater aus Ohlstadt will dem Sterben auf dem Mittelmeer nicht tatenlos zusehen. Am Donnerstag legt er mit dem Seenotrettungsschiff Sea-Eye ab.

Ohlstadt – Ralph Götting hat sicher viel Dramatisches gesehen und erlebt im Laufe der Jahre. Der Rettungsassistent engagiert sich ehrenamtlich bei BRK/SEG Ohlstadt, und früher stand er als Krankenpfleger in der Notaufnahme der Unfallklinik Murnau in Lohn und Brot. Götting kennt also menschliches Leid, und er fühlt sich gewappnet. Der 50-Jährige fliegt heute nach Malta und sticht am Donnerstag mit der Sea-Eye in See – so wie heuer bereits Johann Hautmann aus Wurmansau. Zwei Wochen lang wird der Familienvater aus Ohlstadt als Teil einer zehnköpfigen Crew im Friedhof des Mittelmeers versuchen, Flüchtlinge vor der Küste Libyens in internationalen Gewässern vor dem Ertrinken zu retten. „Ich habe nicht unbedingt Angst vor den Bildern, aber einen nicht geringen Respekt“, sagt er. Schon das, was er als Ehrenamtlicher bei Einsätzen in der Heimat erlebt, lässt ihn nicht kalt. Doch Götting geht davon aus, dass die Mission, in die er nun startet, seine Erfahrungen „übersteigen wird“. Lange Einsätze über viele Stunden werden ihn wohl auch körperlich an Grenzen bringen.

Ralph Götting aus Ohlstadt hilft, Menschen aus Seenot zu retten.

Die Besatzung, die sich bei den Aufgaben abwechselt, zu denen auch Triviales wie das Kochen oder Putzen gehört, hält Ausschau nach seeuntüchtigen, überfüllten Booten, die zu kentern drohen, versorgt die Flüchtlinge mit Rettungswesten und -inseln sowie Trinkwasser und setzt SOS-Notrufe an die Seenotleitstelle MRCC in Rom ab, damit größere Schiffe Unterstützung leisten. Die Sea-Eye, ein umgebauter Fischkutter, und ihr Schwesterschiff Seefuchs, die seit Mai im Einsatz ist, können die Menschen nicht transportieren. „Beide sind relativ klein“, sagt Götting. Schwerverletzte werden in einer Ambulanzstation an Bord versorgt. Der Verein Sea-Eye, eine private, gemeinnützige Organisation mit Sitz in Regensburg, rettete seit Frühjahr 2016 nach eigenen Angaben tausende Schiffbrüchige vor Libyens Küste. Manchmal kommen die Helfer zu spät.

Götting stellt sich dieser dramatischen Aufgabe – nicht, weil der Ohlstädter, der gerne am Staffelsee fischt, ein Abenteuer sucht. „Die Tatsache, dass so viele Menschen ertrinken, ist für mich nicht hinnehmbar.“ Er will seinen Beitrag leisten gegen das große Sterben. Götting, der als Medizinprodukte-Berater Trainings für Fachkräfte abhält, opfert dafür Urlaubstage und bezahlt die Reisekosten aus eigener Tasche. Seine Frau habe bereits eine Vorahnung gehabt, als er vor Monaten erstmals zu einem Treffen des Vereins gefahren sei, so Götting; seit Frühjahr engagiert er sich im Bereich Mittel- und Materialbeschaffung. Auch seine 13-jährige Tochter unterstützt ihn, „obwohl sie große Angst hat. Diese versuche ich ihr zu nehmen“. Freunde und Bekannte stärken Götting überwiegend den Rücken, „doch es gibt auch kritische Stimmen“. Diese werden in Verbindung mit der Sea-Eye immer wieder laut. So hatten Frontex-Chef Fabrice Leggeri und Österreichs Außenminister Sebastian Kurz den Seerettern vorgeworfen, sich zu Partnern der Schlepper zu machen: Durch die Aufgriffe würden diese motiviert, immer mehr Flüchtlinge in seeuntüchtigen Booten aufs Meer zu schicken. Götting, der sechs Jahre lang die MKT-Wache in Garmisch-Partenkirchen leitete, sieht zu der Sea-Eye-Arbeit keine Alternative, so lange sich die Sicherheitslage in vielen Staaten nicht ändere.

Er weiß nach einem Crew-Training, was zu tun ist. Es gibt klare Regeln für den Einsatz. „Ich gehe fest davon aus, dass sich die Gefahr in Grenzen hält.“ Dennoch lässt sich nicht alles kalkulieren.

Die Familie wird nicht immer über jedes anstehende Detail Bescheid wissen: Enger Kontakt ist auf hoher See nicht möglich. Doch sie soll später auf ihre Kosten kommen, beim gemeinsamen Urlaub auf einer kleinen griechischen Insel: kein Flüchtlings-Hotspot, aber auch im Mittelmeer gelegen. Die Bilder, sagt Götting, „werden da sicher hin und wieder hochkommen“.

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