Murnauer Würdenträger mit Nazi-Vergangenheit

Auf Distanz zu Dingler und Sonderer

Das war so nicht unbedingt zu erwarten: Der Marktgemeinderat Murnau hat am Donnerstagabend entschieden, Max Dingler von der Ehrenbürgerliste zu streichen und sich von Lorenz Sonderer, Träger der Bürgermedaille, zu distanzieren.

Murnau – Im Dezember 1922 unterhielt sich Max Dingler mit Hitler persönlich „unter vier Augen“. Er gelobte dem Naziführer „die Treue in die Hand“. Auch beim Hitlerputsch im November 1923 war Dingler, Mitgründer der NSDAP-Ortsgruppe Murnau, in München zugegen, an Hitlers Seite.

Das alles ist schon seit den 1990er Jahren bekannt. Doch es dauerte noch eine Zeitlang, bis die Personalie in Murnau auf den Tisch kam. 2011 wurde die Bezeichnung Max-Dingler-Hauptschule getilgt. Nun, sechs Jahres später, hat der Marktgemeinderat entschieden, den Naturschützer und Heimatdichter von der Liste der Ehrenbürger zu streichen. Das Votum fiel 12:8 aus. Die Gegenstimmen kamen von Welf Probst, Vizebürgermeisterin Dr. Julia Stewens, Maria Schägger (alle Freie Wähler), Josef Bierling, Regina Samm, Michael Hosp, Johann Scherrer (alle CSU) sowie von Josef Gramer (fraktionslos). 

Den Antrag hatten die Fraktion ÖDP/Bürgerforum und Veronika Jones (Bündnis 90/Die Grünen) eingereicht. Michael Manlik, Sprecher des ÖDP/Bürgerforums, betonte in Bezug auf Dingler: „Heute würde man sagen, er war Mitglied oder Sympathisant einer kriminellen Vereinigung.“

Ähnlich stimmten die Volksvertreter ab, als es darum ging, sich vom ehemaligen Verkehrsamtsdirektor und Träger der Bürgermedaille Lorenz Sonderer zu distanzieren und dessen Auszeichnung zu widerrufen. 14 Räte waren dafür, sechs dagegen. Probst, Stewens, Schägger, Samm, Gramer und Bierling lehnten den Schritt ab. Vorgeschlagen hatte diesen der Arbeitskreis Geschichte des Nationalsozialismus. Bei Sonderer war eine Zwei-Drittel-Mehrheit nötig.

Eine neue Forschungsarbeit kam zu dem Schluss, dass Sonderer mutmaßlicher Hauptakteur einer Massenhinrichtung im niederösterreichischen Zuchthaus Stein im April 1945 war. Zudem war Sonderer Funktionär in der Hitlerjugend und am Hitlerputsch beteiligt.

Rund zwei Stunden diskutierte das Gremium durchaus kontrovers. Wenn man die NS-Geschichte aufarbeite, müsse man auch die Menschen aus dieser Zeit betrachten, betonte etwa Phillip Zoepf (Mehr Bewegen). Ansonsten sei das „wie duschen, ohne sich nass zu machen“. Jones fand, dass es nicht darum gehe, die Verdienste von Menschen „auf einem gewissen Gebiet kleinzureden oder sie zur Persona non grata zu machen. Man kann aber nicht einen Teilaspekt herausnehmen, sondern man muss das gesamte Leben betrachten“.

Auf der Seite der Gegner meldete sich vor allem Freien-Sprecher Probst zu Wort. „Nehmen wir uns der heutigen Sorgen und Nöte an“, forderte er. Die Ehrenbürgerwürde erlösche im Übrigen mit dem Tod. Vizebürgermeisterin Stewens war ebenfalls gegen die Streichung und Distanzierung. Ein solcher Schritt komme ihr vor wie „Geschichtsklitterung“.

Es gab weitere Entscheidungen. So beschlossen die Räte einen Kriterienkatalog. Dieser soll als Richtschnur für die Streichung von der Ehrenbürgerliste respektive Aberkennung der Bürgermedaille dienen. Aufgeführt werden in dem Katalog, den ÖDP/Bürgerforum und Jones vorschlugen, unter anderem Verbrechen gegen die Menschlichkeit wie Mord und Völkermord, Anstachelung zum Rassenhass, Vertreibung und Verfolgung von Minderheiten und die Unterstützung antidemokratischer Vereinigungen. Es erfolgt in jedem Fall eine Einzelfallprüfung. 

Die Debatte ist noch nicht beendet: Es sollen nun per wissenschaftlichem Gutachten sämtliche Würdenträger überprüft werden, die vor 1930 geboren wurden.

Roland Lory

Rubriklistenbild: © Marktarchiv Murnau

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