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Fällt heuer wegen Corona aus: das Murnauer Volksfest, hier eine Archivaufnahme vom Kettenkarussell.

Hauptausschuss lehnt Festwirt-Antrag ab

Risiko zu groß: Murnaus Wiesn fällt heuer aus

  • Andreas Seiler
    vonAndreas Seiler
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Die Murnauer müssen heuer im Juli auf ihr geliebtes Volksfest verzichten. Der Hauptausschuss sprach sich mit deutlicher Mehrheit gegen einen Antrag des Festwirts aus, der gehofft hatte, zumindest eine abgespeckte Version mit Biergarten-Betrieb auf die Beine stellen zu können. Doch die Angst vor einem Corona-Ausbruch überwog bei den Politikern.

Murnau – Eine frische Maß Bier, gebrannte Mandeln und eine Fahrt mit dem Kettenkarussell: Ein Volksfestbesuch ist für viele ein Highlight. Auch Murnaus Wiesn, die normalerweise immer im Juli auf dem großen Festplatz am Kemmelpark stattfindet, erfreut sich einer großen Fangemeinde. Doch heuer fällt das Spektakel coronabedingt aus. Festwirt Christian Fahrenschon, dessen Familie seit Jahrzehnten das Ganze ausrichtet, scheiterte im Hauptausschuss mit einem Rettungsversuch.

Der Rosenheimer Gastronom hatte, wie berichtet, einen Antrag bei der Marktgemeinde eingereicht und darin vorgeschlagen, unter Beachtung der strengen Hygienevorschriften eine kleinere Variante zu organisieren – entweder an 16 Tagen am Stück oder an drei Wochenenden. Statt eines großen Bierzelts hätte es einen Biergarten sowie einige wenige Fahrgeschäfte und Verkaufsstände gegeben.

Doch damit konnten sich die Ortspolitiker nicht anfreunden. Sie lehnten das Anliegen mit einer 10:1-Mehrheit ab. In den Redebeiträgen wurde klar: Den Volksvertretern fiel diese Entscheidung nicht leicht. Aber das Risiko, dass sich Besucher der feuchtfröhlichen Feier mit dem gefährlichen Corona-Virus infizieren und der gesamte Tourismusort Murnau unter den Folgen eines Ausbruchs leidet, wollte der überwiegende Teil des Gremiums dann doch nicht eingehen. Tenor: Die Marktgemeinde dürfe auf keinen Fall zu einem zweiten Ischgl werden. Der Skiort in Tirol war bekanntermaßen als Epizentrum der Corona-Ausbreitung in die Schlagzeilen geraten.

„Ich bin skeptisch, ob die Situation soweit ist, dass solche Großveranstaltungen wieder möglich sind“, betonte Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum), der in diesem Zusammenhang auf ähnliche Menschenansammlungen wie das Kulturknall-Festival verwies. So sahen es auch die meisten anderen Mitglieder des Ausschusses.

„Das ist für mich ein Irrsinn“, meinte beispielsweise Michael Manlik, Sprecher des ÖDP/Bürgerforums. „Wenn irgendeiner etwas hat, wird das in ganz Deutschland verteilt.“ Und sein CSU-Kollege Josef Bierling sagte: „Das Risiko, dass ein Hotspot entsteht, ist nach wie vor gegeben. Sollte was sein, tragen wir als Gemeinderäte die Verantwortung.“ Außerdem verwies er darauf, dass eine Konkurrenz zur ohnehin stark gebeutelten, heimischen Gastronomie entstehen würde. Ein klassisches Volksfest könnten Murnaus Wirte nicht bieten, aber einen Biergarten – das Fahrenschon-Konzept sah rund 500 Plätze vor – sehr wohl, so Bierling.

Erstaunlich: Die Staffelseewirte hatten sich auf Tagblatt-Nachfrage wohlwollend gegenüber den Freizeitpark-Plänen des Rosenheimers geäußert. Eine Stellungnahme ans Rathaus klang aber ganz anders: „Die Staffelseewirte würden es begrüßen, wenn heuer nichts auf dem Festplatz zugelassen würde. Sie haben alle sehr mit den enormen Einbußen zu kämpfen und brauchen jeden Gast“, ist in der Beschlussvorlage der Verwaltung zu lesen. Auch der Wirtschaftsförderverein senkte die Daumen.

Lediglich CSU-Gemeinderat Michael Hosp unterstützte den Antrag des Unternehmers: „Ich sehe das Problem nicht so dramatisch.“ Dies wäre eine der wenigen Traditionsveranstaltungen, die heuer machbar wäre.

Bei Fahrenschon, der die Sitzung des Hauptausschusses als Besucher mitverfolgte, ist die Enttäuschung groß: „Das ist deprimierend.“ Er habe gehofft, dass man nach einer so langen Zeit der erfolgreichen Zusammenarbeit gemeinsam nach einer Lösung sucht und einen Kompromiss findet. Das Biergarten-Konzept als Volksfestersatz sei genehmigungsfähig, funktioniere und werde gut angenommen, etwa zuletzt in Bad Aibling. „Der Bürger kann verantwortungsvoll mit der Situation umgehen“, findet der Festwirt, der derzeit nach eigenen Angaben ums wirtschaftliche Überleben kämpft. In Murnau hätte er ein ausgefeiltes Hygienekonzept umgesetzt – etwa mit Abstandsregeln, Desinfektionsstationen und einem verstärkten Einsatz von Ordnungskräften.

Möglicherweise hat die heikle Causa noch ein juristisches Nachspiel: Denn Fahrenschon denkt schon mal laut über eine rechtliche Prüfung nach. Der Hintergrund: „Ich habe einen Pachtvertrag mit der Gemeinde.“

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