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Ist der Herausforderung der Titelrolle gewachsen: Florian Perchtold verkörpert packend den Handlungsreisenden Willy Loman. 

Schauspiel Murnau zeigt Familiendrama

Bühnenklassiker - großartig und beklemmend

Es ist schwerer Theaterstoff, den sich das Schauspiel Murnau ausgesucht hat. Aber die Inszenierung des Familiendramas  „Tod eines Handlungsreisenden“ überzeugt auf ganzer Linie.

Murnau – Alles andere als leichte Kost hatten sie sich ausgesucht, die Akteure des Schauspiels Murnau. Arthur Millers 1949 am Broadway uraufgeführtes Drama „Tod eines Handlungsreisenden“ ist ein Bühnenklassiker, der wirklich nichts an Aktualität verloren hat. Regisseur Samir Yacoob hat ihn für seine Schauspieltruppe und die Bühne im Kultur- und Tagungszentrum zudem passgenau eingerichtet.

Die Bühne ist fast komplett schwarz; ein paar rote Holzpfosten schaffen einen guten Kontrast. Schwarz-rot auch das einzige Requisit, das sowohl als Bett wie als Ess- oder Schreibtisch dient. Yacoob hat einen Steg in den Zuschauerraum hinein bauen lassen und damit eine zweite Bühne geschaffen, die rasche Szenenwechsel nur mithilfe des Lichts ermöglicht. Hier stehen lediglich zwei Bürostühle. Wenig Ausstattung bedeutet viel Raum für die Phantasie. Die müssen zunächst einmal die Darsteller haben, um sie im Zuschauer entzünden zu können. Und die geschickt gehandhabte Lichtregie ist für das Schaffen einer bestimmten Atmosphäre ebenso wichtig wie die klug ausgewählte Musik, die sich nie in den Vordergrund drängt, aber Szenen unglaublich dicht illustriert.

Sowohl das Stück als auch die anspruchsvolle Art der Inszenierung verlangen den Schauspielern sehr viel ab – und alle sind der Herausforderung gewachsen. Die Titelfigur, der Handlungsreisende Willy Loman (präsent und packend: Florian Perchtold), reibt sich jahrzehntelang auf in seinem anstrengenden Beruf, um der Familie etwas bieten zu können. Seiner Frau Linda (Anette Köhler) ist das durchaus bewusst – und sie ist ihm dankbar dafür. Obwohl Willy sie immer wieder grundlos anherrscht, bemüht sie sich um Verständnis für seine schwierige Lage: Alt und müde geworden im Job, wird er eiskalt abserviert.

Willy reagiert darauf mit der Flucht in die Vergangenheit: Szenen aus glücklichen Tagen drängen aus seiner Erinnerung in die Gegenwart hinein – und werden auch auf der Bühne real. Am stärksten wirkt die Szene, in der seine beiden Jungs, Biff (Michael Fischer) und Happy (Laurin Hilsdorf), wieder Kinder sind, die ihren „Paps“ verehren, um seine Zuneigung buhlen und in ihm ihr großes Vorbild sehen. Da kommt unglaubliches Tempo ins Spiel, eine Farbigkeit und Lebendigkeit, die in stärkstem Kontrast steht zu den bleiernen Szenen der Gegenwart. So schnell wie diese Wechsel in Willys Kopf stattfinden, werden sie auch auf der Bühne umgesetzt, ganz wie die Schnitte in einem Film. Während Happy, ähnlich wie die Mutter, ständig um Ausgleich in der Familie bemüht ist, krachen Biff und sein Vater bei jeder Gelegenheit aufeinander. Lange spürt man, dass da etwas zwischen ihnen geschehen sein muss, bis eine der szenischen Rückblenden das Geheimnis enthüllt: Biff, in der Prüfung durchgefallen, reist dem Vater hinterher – und erwischt ihn im Hotelzimmer mit einer Geliebten. Michael Fischer kann den Schock, den der Junge erleidet und der das Verhältnis zum Vater unwiederbringlich zerstört, glaubhaft vermitteln.

Alle vier Familienmitglieder erreichen eine große, mitunter geradezu beklemmende Intensität des Spiels, die den Zuschauer diese Familientragödie fast schmerzlich mitempfinden lässt. Auch die Nebenrollen (Jörn Wolfgram als hilfsbereiter Nachbar Charley, Michael Birke als Lomans wunderbar widerlicher Chef Howard, Elisabeth Perchtold als verführerische Geliebte, Toni Schlögel als beflissener Kellner) sind überzeugend besetzt. Mancher im Publikum fremdelt im ersten Teil noch ein wenig mit dem schweren Stoff und muss sich erst einfühlen. Doch im zweiten Teil sind die Begeisterung und die Bewunderung für die große Leistung aller Beteiligten einhellig. Heftiger Beifall! Dieser Inszenierung ist fortan ein volles Haus zu wünschen.

Weitere Aufführungen sind am 9., 10., 11., 16. und 17. November, jeweils um 19.30 Uhr, im Kultur- und Tagungszentrum. Vorverkauf: www.schauspiel-murnau.de, Buchhandlung Gattner, Schreibwaren Köglmayr.

Sabine Näher

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