Strafgesetzbuch
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Vor Gericht wurde die tätliche Auseinandersetzung zweier Landwirte aufgearbeitet (Symbolbild).

Landwirt wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt

Streit zwischen Bauernfamilien eskaliert: Pferdezüchter verdrischt Rivalen

Ein 40-jähriger Landwirt aus dem Staffelseeraum hat einen jungen Widersacher mehrfach mit einer Reitgurte verdroschen. In dem Angriff entlud sich ein alter Streit zwischen den Familien. Die Aufarbeitung vor Gericht hatte es in sich.

Nordlandkreis - Was genau passiert ist am Abend des 5. August 2020 auf einem Forstweg im Staffelseeraum, darüber rätselten selbst Richter Dr. Benjamin Lenhart und Staatsanwältin Marlies Zeck noch nach der Urteilsverkündung. Völlig unterschiedlich waren die Sichtweisen der Kontrahenten, Zeugen des Vorfalls gibt es nicht.

Handfeste Auseinandersetzung zwischen zwei Landwirten - 17-Jähriger wird verletzt

Fest steht: Es spielte sich eine handfeste Auseinandersetzung zwischen zwei Landwirten ab, die mit ihren Pferden im Schritttempo unterwegs waren. Der Jüngere (17) wurde verletzt. Den Angeklagten verurteilte Lenhart wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer siebenmonatigen Bewährungsstrafe. Für den Vorsitzenden stand fest, dass der Bauer (40) seinen Widersacher mehrfach mit einer Reitgerte geschlagen hatte.

Streit zwischen den Familien dauert seit längerem an

Das idyllische Landleben, wie man es oft aus Filmen kennt, hat auch eine andere Seite. Seit Jahrzehnten sind die Familien zweier Höfe in einem Weiler im Staffelseeraum verfeindet. Bereitwillig berichtete keiner der zwei Beteiligten vor dem Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen von dem Streit. Erst auf mehrmaliges Nachfragen des Richters sagte der Angeklagte, dass es zwischen den Familien „nicht den besten Kontakt“ gebe, „über Jahre etwas vorgefallen“ sei. Sein Vater, so konkretisierte der Landwirt, sei vom Vater des Nachbarhofs immer wieder beleidigt, Zäune seien aufgezwickt worden. Er habe indes „nicht damit gerechnet, dass es in der Nachbarschaft so ein Ausmaß annimmt“. Sein Verteidiger Winfried Folda sah es so, dass „hier die archaischen Gesetze des Dorflebens zutage traten“.

Angeklagter fühlt sich vom Jüngeren bedroht

Auslöser des tätlichen Angriffs waren mehrere Vorfälle in jüngerer Zeit beim Leonhardiritt in Benediktbeuern, bei Umzügen, Jagdversammlungen und einer Leistungsprämierung in Schwaiganger. Dort schnitt der Jungbauer etwas besser ab als der Ältere. Das habe ihm der 17-Jährige unter die Nase gerieben, als er diesen auf der Forststraße zufällig traf, sagte der Angeklagte. Jeder führte eine Kaltblutstute mit sich. Der junge Nachbar sei mit der Peitsche in der Hand auf ihn zugekommen, erzählte der Beschuldigte. Er habe sich bedroht gefühlt und dem Kontrahenten die Reitgerte abgenommen, sich verteidigt. „Haben Sie ihn getroffen mit der Gerte?“, fragte der Richter. „Weiß nicht“, stammelte der Angeklagte, „kann sein, es ist schnell gegangen, ist lang her“. Lenhart wunderte sich über das wenig souveräne Verhalten des 40-Jährigen: „Da frag ich mich schon: Wer ist der 17-Jährige, wer ist der gestandene Mann?“

Opfer leidet noch heute unter Angstzuständen und Schlafstörungen

Wesentlich dramatischer schilderte das Opfer die Situation. Ihm war die Aufregung anzumerken. „Seine Version hat er auswendig gelernt“, erkannte Lenhart. Der Landwirt vom Nachbarhof habe einen Haselnussstecken ausgerissen und ihn damit geschlagen, sagte der 17-Jährige – fünf- bis zehnmal aufs Gesäß. Dann habe er ihm die Dressurgerte abgenommen und damit erneut fünf- bis zehnmal auf Schulter, Beine und Hinterteil eingeprügelt. „Warum haben Sie nicht mit der Gerte zurückgeschlagen, als er mit dem Stecken auf Sie los ging?“, fragte Lenhart. „Ich war unter Schock, bin wie baumverwurzelt dagestanden“, erzählte der 17-Jährige. Beim Weglaufen mit dem Pferd verletzte er sich zudem am Knie. Noch heute leide er unter Angstzuständen und Schlafstörungen.

Rivalität in der Pferdezucht hat sich offenbar entladen

Neutral blieb der Polizeibeamte, der nach dem Vorfall zum Haus des Opfers gerufen wurde. Er berichtete von einem „Streitgespräch hinsichtlich der Pferdezüchterei“. Zwischen den Familien bestehe diesbezüglich offensichtlich eine Rivalität. „Die hat sich in der Situation entladen“, vermutete er.

Einen Täter-Opfer-Ausgleich, angeregt von der Familie des Jungbauern, lehnte der Angeklagte ab: „Das war ziemlich einseitig, nicht neutral.“ Er fühlte sich unter Druck gesetzt und habe schnell etwas unterschreiben sollen. Lenhart rügte ihn: „Sie hätten mit dem Täter-Opfer-Ausgleich die Chance gehabt, mit einem hellblauen Auge aus der Geschichte rauszukommen.“ Jetzt sitze er vor dem Strafgericht.

Angeklagter von 17-Jährigem möglicherweise provoziert worden

Möglicherweise sei der Angeklagte vom Opfer provoziert worden, räumte die Staatsanwältin ein. Das rechtfertige aber nicht die vielen Schläge, zu denen er sich hinreißen ließ; noch dazu war das Opfer minderjährig. Zeck forderte eine Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung. Florian Oppenrieder, Anwalt des Nebenklägers, hätte sich eine Entschuldigung des „angesehenen Pferdezüchters“ gewünscht. Dazu kam es auch nach der Verhandlung nicht. Offenbar tragen die Familien ihren Streit nicht vor Zeugen aus.

Verteidiger spricht von einem Notwehrexzess

Winfried Folda hatte seine Zweifel an der Aussage des Opfers. Wie hätte sein Mandant erst mit dem Haselnussstecken, dann mit der Reitgerte zuschlagen können, ohne dass die Pferde hochgehen und weglaufen? „Die Dramaturgie des Geschehensablaufs ist an etlichen Stellen nicht plausibel.“ Er sprach von einem Angriff auf seinen Mandanten, dem dieser sich per Notwehrexzess entgegenstellte. Sein Mandant sei nur wegen fahrlässiger Körperverletzung zu bestrafen.

Richter zeigt sich überzeugt: Angeklagter schlug gezielt und mit Wucht zu

Lenhart sah es als erwiesen an, dass der Beschuldigte gezielt und mit Wucht zuschlug: „Das hat mit Notwehr nichts zu tun.“ Doch auch die Version des Opfers sei nicht mal mit viel Fantasie schlüssig. „Beide Seiten haben dazu beigetragen, dass es zum Showdown gekommen ist.“ Der Richter hielt dem Angeklagten zugute, dass er ein Teilgeständnis ablegte und nicht vorbestraft war. Zusätzlich zur Bewährungsstrafe muss der 40-Jährige 1000 Euro Schmerzensgeld an den 17-Jährigen zahlen und 2000 Euro an den Tierschutzverein Garmisch-Partenkirchen.

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