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Strenges Regiment im einstigen Jugendkurheim Hochried - Schläge mit der Peitsche - „Wir haben alle Pillen gekriegt“

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Von: Roland Lory

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Die Klinik Hochried heute: Ab 1954 war das Anwesen westlich von Murnau ein Jugendkurheim, in dem Kinder und Jugendliche ein paar Wochen verbrachten.
Die Klinik Hochried heute: Ab 1954 war das Anwesen westlich von Murnau ein Jugendkurheim, in dem Kinder und Jugendliche ein paar Wochen verbrachten. © Dominik Bartl

Seit ein paar Jahren wird den Kindern, die vor Jahrzehnten in sogenannten Verschickungsheimen schlimme Dinge erlebten, verstärkt Aufmerksamkeit zuteil. Auch in Murnau- Hochried gab es damals nichts zu lachen. So erzählen es zumindest zwei Betroffene. Die Katholische Jugendfürsorge setzt auf eine wissenschaftliche Aufarbeitung.

Murnau – Sie hat sich „tierisch gefreut, in die Berge zu kommen“. Renate Götze, die in Hannover aufwuchs, war in der dritten Klasse, als sie Ende 1967 für sechs Wochen ins damalige Jugendkurheim Hochried bei Murnau kam. In eine, wie sie sagt, „komplett andere Welt. Das war wie beim Militär. Ich bin noch nie so streng behandelt worden“. Gleich am Anfang sei den Kindern das persönliche Hab und Gut weggenommen worden. Darunter auch ihre Kamera. „Das war sehr ernüchternd.“

Das achtjährige Mädchen war klein und leicht. „Ich war zum Zunehmen da.“ Mit dem Essen sei es ein „Mega-Theater“ gewesen. „Man musste alles aufessen.“ Eine Speise, an die sie sich erinnern kann, ist „Leberknödl in einer komischen Brühe“. Einmal sei sie „richtig übers Knie gelegt worden, weil ich Schuhe auf die Seite gekickt habe“. Wer sie schlug, kann Götze heute nicht mehr sagen. Ein weiteres Problem: „Man konnte sich niemandem anvertrauen.“ Alles sei reglementiert gewesen. „Es gab keine Privatsphäre, selbst die Klogänge waren getaktet.“

Die Katholische Jugendfürsorge (KJF) der Diözese Augsburg hatte die Gebäude in Hochried, wo einst der Murnauer Ehrenbürger und Mäzen James Loeb lebte, 1954 erworben. Im Jahr darauf wurden bereits 125 Plätze mit Kindern und Jugendlichen in der Villa und den beiden Torhäusern belegt. 1960 konnten im Jugendkurheim maximal 242 junge Menschen Zeit verbringen. Ein Arzt stellte die medizinische Versorgung sicher. Götze beschreibt denjenigen, der zu ihrer Zeit dort tätig war, als „groben Typ“. Die Schwestern hätten vor ihm Angst gehabt. Mit ihrer Mutter und ihrem Vater konnte Götze nicht sprechen. Die Juristin (63) ist sich sicher: „Meine Eltern hätten mich rausgeholt, davon bin ich felsenfest überzeugt.“

Unschöne Erlebnisse

Das Garmisch-Partenkirchner/Murnauer Tagblatt hatte bereits im Vorjahr über Verschickungskinder berichtet, speziell über die Erlebnisse von Renée Morloc, die 1968 mit zehn Jahren in Hochried war. Ihre Erinnerungen sind mittlerweile auch in einem Buch erschienen (Anja Röhl: Heimweh. Verschickungskinder erzählen, Psychosozial Verlag). „Wir aus unserer Gruppe hatten keinen Kontakt zu anderen Kindern und zu anderen Gruppen vom Heim“, erzählt sie. „Wenn wir spazieren gingen oder irgendwo rumliefen, waren wir stumm wie die Fische.“ Es habe „vollständiges Redeverbot“ geherrscht. Morloc bekam nach eigener Aussage zu wenig zu trinken, hatte ständig Durst. Man versprach den Kindern auch immer wieder, dass sie im Staffelsee baden dürften. Morloc sagte einmal: „Dann trink ich den ganzen See aus.“ Folge: Sie wurde in den Schrank gesperrt. Eines Tages begann sie, aus Regenpfützen zu trinken. Den Kindern wurden ihr zufolge auch Medikamente verabreicht. „Wir haben alle Pillen gekriegt.“

Morloc kann sich auch an Schläge mit der Peitsche erinnern, die sie einmal von der damaligen pädagogischen Leiterin bekommen habe. Die Frau, heute über 90 Jahre alt, will sich zu dem Vorwurf nicht äußern.

„Auch auf dem Platz standen sie mit Peitschen, das glaubt kein Mensch, aber sie hatten wirklich solche Knallpeitschen“, schreibt Morloc in dem erwähnten Buch. Vermeintliche Untaten der Kinder und Jugendlichen wurden sanktioniert. „Das Prinzip war: Strafe, Strafe, Strafe. Sie wollten uns den Willen brechen“, sagt Morloc, die heute Opernsängerin ist.

1980 besuchte sie mit ihrem Vater Hochried. Sie begegneten dabei auch der ehemaligen Heimleiterin. Nach einem Disput schlug diese „mit ihrem Stock nach uns und marschierte davon“. Die Heimleiterin starb 2009.

Keine Auskünfte zu Personalangelegenheiten

Ob es zu ihr und der pädagogischen Leiterin im KJF-Archiv noch Material gibt, bleibt unklar. „Zu Personalangelegenheiten erteilen wir keine Auskünfte“, sagt Markus Mayer, Vorstandsvorsitzender der KJF Augsburg. Ehemalige Verschickungskinder bekommen keine Einsicht in Unterlagen zur damaligen Zeit. Mayer antwortet zur Frage nach dem Grund etwas ausweichend: „Wir möchten eine künftige wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas gerne unterstützen. Sinnvollerweise sollte diese Aufarbeitung koordiniert über alle Trägerverbände hinweg und unter Beteiligung der relevanten Ministerien und Behörden laufen.“ Die KJF sehe darin „den größten Nutzen für alle Beteiligten“. Zu einem etwaigen Medikamentenmissbrauch vermag Mayer wenig zu sagen. „Wir können Patientenbehandlungen, die mehrere Jahrzehnte zurückliegen, heute nicht mehr nachvollziehen“, sagt der Vorstandsvorsitzende. So bleibt unklar, welche Pillen damals an Kinder verabreicht wurden, wie oft und in welcher Dosierung.

Buchautorin Röhl kritisiert, dass Verschickungskinder keine Unterlagen einsehen können. Aus ihrer Sicht wäre das so, als ob alle über Rassismus forschen dürften, „nur nicht die Schwarzen“. Röhl: „Das geht nicht.“ Sie fordert, dass betroffenen Bürgerforschern Zugang zu Archivmaterial gewährt werden muss.

Röhl beschäftigt sich seit Jahren mit den Erlebnissen sogenannter Verschickungskinder, die in den 1950er und 1960er Jahren für mehrwöchige Kuraufenthalte in Heimen untergebracht und dort von Erzieherinnen zum Teil schwer misshandelt worden waren. Sie hatte selber demütigende Erfahrungen in einer solchen Einrichtung machen müssen.

So wie Renate Götze. Ihr wurde von der KJF mitgeteilt, dass aus dem Jahr 1967 keine medizinischen Unterlagen mehr vorlägen. Die Aufbewahrungsfrist hierfür „beträgt zehn Jahre und maximal 30 Jahre, wenn radiologische Untersuchungen durchgeführt wurden“, wurde ihr gesagt. Die Unterlagen seien im Rahmen der vorgeschriebenen Frist aufbewahrt und danach, soweit das recherchiert werden konnte, vernichtet worden.

Deutsche Rentenversicherung lässt forschen

Unterdessen tut sich etwas in Sachen Aufarbeitung. Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) hat einen Forschungsauftrag ausgeschrieben. „Hierbei soll die Geschichte von sogenannten ,Kindererholungskuren‘ in der Bundesrepublik Deutschland im Zeitraum von 1945 bis 1989 unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der Deutschen Rentenversicherung und ihrer Vorgängerinstitutionen unabhängig untersucht werden“, sagt DRV-Pressesprecherin Silke Pottin. „Das Vergabeverfahren für den Forschungsauftrag soll Ende August seinen Abschluss finden.“ Im direkten Anschluss soll das Forschungsprojekt gestartet werden.

Es bleibt abzuwarten, ob dabei auch Erhellendes zum Jugendkurheim Hochried herauskommt. Renate Götze, die von dem Aufenthalt in Murnau geprägt wurde, würde es auf jeden Fall interessieren. Sie sagt: „Die KJF müsste sich einer Aufarbeitung stellen.“

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