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Volker Albert ist Präsident der Deutschen Tinnitus-Liga.

Leben mit ständigen Geräuschen

Wachhund im Ohr

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Erst ein Hörschaden, dann Tinnitus: Volker Albert aus Murnau hat quälende Zeiten hinter sich. Genau davor will er andere Betroffene bewahren – dafür „predigt“ der Präsident der Deutschen Tinnitus-Liga im In- und Ausland. Denn heute lebt Albert gut mit dem Ohren-Pfeifen.

Murnau– Nein, er schämt sich nicht seiner Hörgeräte. Er versucht auch in keiner Weise, diese zu verstecken. Im Gegenteil: Volker Albert (76) trägt sie in der Farbe Blau – sie leuchten geradezu hinter seinen Ohren. Das erzählt viel von Alberts Einstellung, davon, wie er das Leben angeht, das er seit Jahrzehnten mit Hörschaden und chronischem Tinnitus führt: anhaltenden, pfeifenden Geräuschen in beiden Ohren. „Der erste Schritt ist Akzeptanz“, sagt er. Dann spielt der richtige Umgang mit der Krankheit eine Rolle.

Und wie das so ist mit einem ständigen Begleiter: Albert kennt ihn mittlerweile gut.Seit zehn Jahren fungiert der Wahl-Murnauer, der aus Schleswig-Holstein stammt, als Präsident der Deutschen Tinnitus-Liga (DTL), einer gemeinnützigen Organisation mit rund 12 000 Mitgliedern. 90 Selbsthilfegruppen betreut die Liga in Deutschland. Ausgerechnet die Region bildet da einen weißen Fleck. Das würde Albert, der vor Jahren bereits einmal einen – letztlich erfolglosen – Anlauf zur Gründung einer Gruppe unternommen hatte, gerne ändern und dabei auch „Unterstützung leisten, so weit ich kann“ (Kontakt-E-Mail-Adresse: v.albert@tinnitus-liga.de). Etwa 280 DTL-Mitglieder leben in den Kreisen Starnberg, Weilheim-Schongau und Garmisch-Partenkirchen – genug Potenzial, findet Albert, der Sprecher des Netzwerks Hörbehinderung Bayern ist.

Albert kam früh mit dem Thema in Kontakt: 1963 erlitt er als Bundeswehrsoldat bei einer Übung ein Knalltrauma, als er ohne Gehörschutz eine schwere Panzerfaust abfeuerte. Jahre später fiel bei einem Test seine Schwerhörigkeit auf, die schleichend zunahm. 1987, mit 47 Jahren, kam in einer Stressphase Tinnitus dazu: Albert wachte morgens mit unterschiedlichen hochfrequenten Pfeiftönen in beiden Ohren auf. Seitdem verbringt er jede Sekunde mit ihnen; sie fallen mal lauter, mal leiser aus. Seine Lebensqualität: „Heute gut, würde ich sagen. Der Tinnitus ist da, aber ob ich ihn rund um die Uhr wahrnehmen, ist etwas anderes.“

Gerade die ersten fünf Tinnitus-Jahre empfand er allerdings als „sehr quälend, weil ich mir schwer tat, Ratschläge anzunehmen und stur war“. Seine Angst davor, nicht einschlafen zu können, ließ ihn letztlich nicht einschlafen. „Ich bin in einen Teufelskreis gerutscht.“ Albert arbeitete übermüdet, brach irgendwann zusammen, erholte sich, bevor alles von vorne losging. „Das passiert mir seit vielen Jahren nicht mehr“, sagt er heute.

Er lernte, nicht krampfhaft gegen die Krankheit – rund 1,5 Millionen Menschen im Land leiden unter schwerem, quälenden Tinnitus – anzukämpfen, sie nicht zu stark werden zu lassen, sondern mit ihr bestmöglich zu leben, unter anderem bei einem Klinikaufenthalt. Seinen Notanker, wenn „gar nichts mehr ging“, lernte er beim Imaginationstraining kennen. Er stellte sich einen schönen Ort vor, wie er ihn selbst vorfand: eine Blumenwiese am Berg mit summenden Insekten – diese glichen seinen Ohrgeräuschen. Besserung brachten auch Hörgeräte. Er nahm seine Umgebung deutlicher wahr, in der Folge „nervte der Tinnitus nicht mehr so“. „Er“ gehört aber zu Volker Alberts Leben. „Ich sehe ihn heute als Wachhund, der sagt: Pass auf, das war ein bisschen viel heute.“ Denn an solchen Tagen meldet „er“ sich besonders. Doch Albert hat längst seinen Frieden mit ihm geschlossen.

Dabei machte dieser ihm manchen Strich durch die Lebensplanung. Nach seinem vorzeitigen Ausstieg als Major bei der Bundeswehr war Albert als selbständiger Unternehmensberater tätig, musste sich aus diesem Feld aber zurückziehen, weil er etwa bei Schulungen die Teilnehmer akustisch nicht mehr richtig verstand. Doch für ihn öffnete sich eine neue Tür: Albert rückte erst in den Vorstand der DTL auf und wurde wenig später, im März 2007, zum Präsidenten gewählt, ein Ehrenamt. Er wollte „etwas tun, ich bin nicht der Typ, der sich zur Ruhe setzt und nur noch im Garten rumwurschtelt. Und wenn ich anderen dabei helfen kann – warum nicht?“ Ihm geht es darum, Betroffenen klarzumachen: „Leute, ihr müsst nicht das gleiche erleiden wie ich.“ Deshalb „predigt“ er viel im In- und Ausland, repräsentiert, spricht auf Kongressen zum Thema oder nimmt einfach daran teil. Mit seiner Frau hält er Workshops zum Bereich „Tinnitus und Partnerschaft“.

Und seine Mission ist längst nicht zu Ende: 2018 will Volker Albert noch ein letztes Mal für eine vierjährige Periode als Präsident kandidieren.

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