Im Interview: Direktor Christian Bär in der Lobby des Murnauer Luxus-Hotels Alpenhof.
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Im Interview: Direktor Christian Bär in der Lobby des Murnauer Luxus-Hotels Alpenhof.

Christian Bär kritisiert Teillockdown: „Wir wurden geschlachtet“

Hotellerie-Vertreter: Weihnachtsgeschäft nicht mehr zu retten

  • Silke Reinbold-Jandretzki
    vonSilke Reinbold-Jandretzki
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Hotellerie und Gastgewerbe haben mit massiven Problemen durch den Teillockdown zu kämpfen. Ein Murnauer Branchen-Vertreter, Christian Bär vom Fünf-Sterne-Haus Alpenhof, übt heftige Kritik an den Schließungen im Gastgewerbe.

  • Mindestens bis 20. Dezember bleibt wegen des Corona-Teillockdowns die Gastronomie geschlossen, touristische Reisen sind verboten - das trifft das Gastgewerbe hart.
  • Der Murnauer Hotelier Christian Bär glaubt: Das für die Branche so wichtige Weihnachtsgeschäft ist nicht mehr zu retten.
  • Bär, der auch Kreisvorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbands ist, kann die Einschränkungen nicht nachvollziehen: „Wir sind geschlachtet worden als Hotellerie und Gastronomie“, sagt er.

Murnau – Es ist ruhig im Murnauer Luxus-Hotel Alpenhof. Fünf Zimmer waren in der vergangenen Woche belegt – von Geschäftsreisenden, von Technikern, die in der Unfallklinik zu tun hatten. Urlauber dürfen Direktor Christian Bär (49) und seine Kollegen in Zeiten des Corona-Teillockdowns nicht aufnehmen – „und der Meeting- und Geschäftstourismus ist zu 98 Prozent weggebrochen“, sagt Bär. Das Gros der Häuser im Landkreis bleibt deshalb momentan komplett geschlossen. Im Alpenhof bringen 23 Azubis, die sich nicht in Kurzarbeit befinden, vieles auf Vordermann. Die Rezeption ist 24 Stunden am Tag besetzt – auch, weil viele Stornierungen eingehen. Im Interview schildert Bär, Kreisvorsitzender des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes, mit welch massiven Problemen seine Branche kämpft.

Alpenhof-Direktor Bär: „Über Weihnachten und Silvester wären wir voll gewesen“

Herr Bär, mindestens bis 20. Dezember bleibt die Gastronomie geschlossen, touristische Reisen sind verboten. Lässt sich das Weihnachtsgeschäft für Ihre Branche noch retten?

Christian Bär: Nein, ganz klar nein. Für mich ist es ein Unding, dass wir nicht weiter vorausplanen können. Gerade Weihnachten und Silvester brauchen eine Vorplanung, da reichen auch der 7. oder 15. Dezember nicht. Sämtliche Zulieferer sind voll in Kurzarbeit, alle Lieferketten unterbrochen. Das System braucht eine gewisse Zeit, bis es hochfährt. Ich denke, dass wir es unter drei Wochen gar nicht hinbekommen. Das Weihnachts- und Silvestergeschäft ist für mich zumindest zu 50 Prozent jetzt schon tot. Ich glaube nicht, dass wir aufsperren dürfen. Und wir können es auch nicht, weil es zu kurzfristig ist. Wir erhalten gerade jeden Tag zwischen 5 und 20 Stornierungen. Über Weihnachten und Silvester wären wir voll gewesen. Mit jedem Tag, an dem keine Entscheidung fällt, verlieren wir Buchung um Buchung.

Ist auch die Wintersaison schon gelaufen?

Ich fürchte darum. Ich fürchte, dass gerade der Ort Garmisch-Partenkirchen, der unsere Wintersaison antreibt mit Langlaufen und Skifahren, massive Probleme bekommt. Ich sehe, dass Skitourismus stattfinden kann, allerdings nur ohne oder nur mit halber Gastronomie. Wenn wir nicht aufsperren und alle Leute bedienen dürfen, wird sich das wirtschaftlich nicht rechnen. Das kann wirklich eng werden. Ich hoffe, dass ich mich irre und wir im Januar plötzlich die Skigebiete öffnen und wieder touristische Übernachtungen haben dürfen. Aber zugegebenermaßen geht die Sicherheit der Gäste vor. Wir können halt auch nicht unsere Skibars aufmachen und ein zweites Ischgl entstehen lassen. Das ist das Dilemma.

„Mitarbeitern in Kurzarbeit fehlen 60 Prozent ihres Gehalts“

Wie schwer wiegen die Ausfälle in der touristischen Hochphase Weihnachten und Silvester?

Ich muss jetzt vorsichtig sein. Letztendlich hat man unsere Branche ja mundtot gemacht, indem man uns Ausfälle bis zu 75 Prozent des Umsatzes (des Vorjahresmonats, Anm. d. Red.) zahlt. Darüber können wir uns nicht beschweren. Es gibt jedoch Betriebe, die hatten 2019 gerade eine Umbauphase oder waren noch nicht offen. Bei denen nutzt eine Umsatzhilfe mit Bezug auf letztes Jahr gar nichts. Wie die Hilfe ab 20. Dezember aussieht, steht ja auch noch nicht fest. Deswegen ist das sehr im Einzelnen zu prüfen. Schließlich greift man teilweise in unsere Grundrechte ein. Betriebe wie Schloss Elmau oder das Sonnenalp Resort in Ofterschwang sind so groß, dass die Hilfen bei weitem nicht reichen. Bei uns im Alpenhof sage ich: Bisher ist es okay, so kann ich wenigstens halbwegs ohne Verluste hier rausgehen.

Mitarbeiter befinden sich landauf, landab in Kurzarbeit. Was bedeutet das für die Betroffenen in einer Branche, die dem Niedriglohnsektor angehört?

Die Menschen leben nicht von 60 Prozent ihres Lohnes, sondern von 40 Prozent. Wenn Sie im Service kein Trinkgeld erhalten, wenn Sie keine Zuschläge erwirtschaften, dann fehlen bis zu 60 Prozent des Gehalts. Ich habe zum Beispiel Weihnachtsgeld bezahlt, was ganz wenige machen. Ich nehme einen Teil meiner staatlichen Hilfe und gebe es den Mitarbeitern. Aber wie lange halte ich das durch?

Christian Bär: „Uns laufen langsam die Mitarbeiter davon, die das nicht durchhalten“

Wie viele Ihrer Mitarbeiter sind in Kurzarbeit?

104 von knapp 130. Unsere 23 Azubis sind hier ausgenommen. Zudem beschäftigen wir momentan einige Aushilfen nicht. Aber uns laufen langsam die Mitarbeiter davon, die das nicht durchhalten. Gestern haben zwei gekündigt und gesagt: Herr Bär, ich gehe ins Krankenhaus, zum Putzen. Und ich kann nicht das Gehalt aufstocken, dafür reichen die Hilfen nicht.

Wie geht es nach dem Jahreswechsel in Ihrer Branche weiter?

Ich rechne mit massiven Einschränkungen bis März, April. Darauf bereite ich mich jetzt schon vor. Wir fahren weiter unsere Kosten nach unten und ziehen uns in unser Schneckenhaus zurück.

Alpenhof-Direktor übt heftige Kritik: „Wir sind geschlachtet worden als Hotellerie und Gastronomie“

Können Sie die Einschränkungen nachvollziehen?

Als wir Hotellerie und Gastronomie geschlossen haben, sind die Fallzahlen nicht zurückgegangen. Unsere Hygienekonzepte funktionieren, wir bringen die Leute auseinander, haben belüftete Räume, haben investiert in Luftreinigungsgeräte, in Desinfektionsmittel. Wie soll da das Infektionsgeschehen nach oben gehen? Die Branche versteht nicht, dass wir die Buhmänner für alle anderen sind. Wir sind geschlachtet worden als Hotellerie und Gastronomie.

Wie ist die Stimmung in der Branche?

Genau so.

Voller Frust?

Auch böse, wirklich wütend: Warum sperrt man uns zu? Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass wir ab 22 Uhr keine Partys in unseren Bars mehr zulassen, wenn wir Diskotheken geschlossen halten und Veranstaltungen untersagen müssen. Wofür ich kein Verständnis habe, ist, dass trotz aller Hygienekonzepte die Hotellerie und Gastronomie geschlossen wird. Das ist nicht mal in Italien so. Das ist schon eine massive Einschränkung. Wenn schon Lockdown, dann komplett. Und wenn wir uns das nicht leisten können, müssen wir Zwischenlösungen finden. Dann können wir nicht nur Hotellerie und Gastronomie zusperren. Das tut uns schon sehr weh.

Fürchten Sie, dass wir in dieser Frage jetzt nur noch kleckerlweise vorankommen, ohne konkrete, langfristige Perspektive?

Ich fürchte, dies ist genau die Taktik, die verfolgt wird. So lange wir nicht unter einem Inzidenzwert von 50 sind, glaube ich nicht an eine Öffnung. Momentan ist es eher eine finanzielle Frage, wie lange man das durchhält.

Verbands-Kreisvorsitzender prophezeit: „Das führt zu einem Investitionsstau in Hotellerie und Gastronomie“

Im Sommer war die Region brechend voll. Haben nicht viele ein Polster angelegt?

In der Regel steckt man Gewinne wieder ins Gebäude. Wir kaufen neue Betten und Möbel. Das haben wir heuer kaum getan, weil wir vorsichtig waren. Wir haben uns ein Polster auf die Seite gelegt, das eigentlich investiert gehört. Jetzt nehmen wir’s für die Liquidität. Das führt zu einem Investitionsstau in Hotellerie und Gastronomie.

Wie werden Betriebe im Kreis aus dem Teillockdown hervorgehen, von dem wir nicht wissen, wie lange er dauern wird?

Ich kann nur hoffen, dass es viele Betriebe gibt, die das trotzdem überstehen, dank der Hilfen. Aber ich bin mir sicher, dass wir weniger werden, dass es einige Betriebe gibt, die nicht mehr aufsperren werden.

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