Das alte Geläut hat bald ausgedient: Seehausens Kirchenpfleger Paul Hagl mit einer der bisherigen Glocken. Foto: kolb

Nicht laut genug?

Seehausen streitet ums neue Glockengeläut

Seehausen - Heiliger Bimbam: In Seehausen tobt ein Glockenstreit. Das geplante neue Kirchengeläut ist einigen offenbar nicht groß und laut genug. Pfarrer Robert Walter will sie von einem Kompromiss überzeugen.

Paul Hagl (72) spricht, wohl in einem Anflug von Galgenhumor, von „einem meiner Sargnägel“. Ein dicker Ordner, voll mit Korrespondenz zum neuen Geläut, liegt vor dem Seehauser Kirchenpfleger, „und dabei haben wir noch keine Glocken“. An den alten Stahl-Kolossen im Turm von St. Michael nagt der Zahn der Zeit, ihr letztes Stündlein wird bald schlagen.

Die Wahl der neuen Glocken entfachte massive Dissonanzen. Diese gehen so weit, dass Pfarrer Robert Walter am Sonntag, 2. Februar, nach der Messe (gegen 11 Uhr) im Stern-Saal mit einem Kompromiss aufwarten will - um für „Deeskalation“ zu sorgen.

Über das neue Geläut haben Walter und die Kirchenverwaltung nicht etwa diktatorisch über die Köpfe der Menschen hinweg entschieden. Sie gingen den demokratischen Weg, präsentierten den Gläubigen kurz vor Weihnachten bei einer Hörprobe an der Kirche drei Varianten und ließen vor Ort schriftlich abstimmen. Ergebnis: 15 Kirchenbesucher sprachen sich für Geläut eins aus, 72 für die zweite Möglichkeit, 56 für die dritte, die vergleichsweise größere und schwerere Glocken mit einem tieferen Ton vorsieht. Unter den 56 Geläut-drei-Befürwortern formierte sich nach Angaben von Hagl ein „größerer Kreis von etwa 20 Leuten, die unbedingt diese Variante haben wollen“ - obwohl die Mehrheit anders entschieden hat. Dabei spielt offenbar auch ein bestimmtes Denken eine Rolle. Bei dieser Gruppe handelt es sich nach Angaben Walters, der keine Namen nennt, im Kern um alteingesessene Seehauser im Ruhestandsalter, die stolz seien auf ihre Kirche und das Geläut - und die Wert darauf legen, dass dieses in Größe sowie Lautstärke herausragt. Das Problem: Das Gewicht liegt nach Angaben Hagls bei Geläut drei mit gut fünf Tonnen an der „oberen Grenze“ des Möglichen. Der beauftragte Bauingenieur habe darauf hingewiesen, dass der Turm langfristig Schaden nehmen könnte. Dieser sitzt ohne eigenes Fundament auf dem Dachstuhl der Kirche.

Der Pfarrer, der die Mehrheits-Variante zwei mit dem Salve-Regina-Motiv favorisiert, hat sich seine Meinung mit Blick auf die Zukunft gebildet. Er argumentiert, es sei wichtig, „einen schönen Klang zu haben“, verweist auf die Statik - das Geläut liegt im mittleren Belastungs-Bereich - und die „Anwohnerbelästigung“, die in diesem Fall geringer ausfällt.

Doch die Befürworter der Variante drei ließen nicht locker. Hagl spricht von „riesigen Diskussionen, die ins Uferlose gehen. Das ist ganz schön massiv gewesen.“ In Seehausen sei „eine kleine Revolution entstanden“. Kritik wurde laut. Man warf Walter vor, der bei der Hörprobe keinen Hehl aus dem von ihm favorisierten Geläut machte, damit die Entscheidung beeinflusst zu haben. Die Angelegenheit entwickelte Eigendynamik.

Nun steigt Walter auf die Bremse, will möglichst viele Variante-drei-Befürworter ins Boot holen und ihnen ein Stück weit entgegenkommen. Beim Info-Treffen am Sonntag präsentiert er ein modifiziertes Geläut zwei als Kompromiss. Es soll mit einer schweren Rippe versehen werden: stärkeren Glockenwandungen, die tiefere Töne sowie einen fülligeren Klang erzeugen. Die Kosten dafür liegen um 10 000 Euro höher, also bei insgesamt 135 000 Euro. Das Komplett-Paket für Variante drei komme auf 150 000 Euro, so Hagl.

Mit diesem Schritt auf die Menschen zu will Walter ein Zeichen setzen, „Überzeugungsarbeit leisten“ und „versuchen, möglichst viele Leute einzubinden und mitzunehmen“. Klar ist für ihn aber auch: Das Dezember-Votum behält generell Gültigkeit. „Es kann nicht sein, dass sich eine Minderheit durchsetzt.“

sj

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Behinderungen, Schmutz und Lärm: Uffings Zentrum wird zu Großbaustelle
1,5 Millionen Euro fließen ab September in die Murnauer Straße in Uffing – es wird im großen Stil gebaut. Auf Anlieger und Verkehrsteilnehmer warten Behinderungen, …
Behinderungen, Schmutz und Lärm: Uffings Zentrum wird zu Großbaustelle
Aufatmen in Soien: Mittagsbetreuung hat gute Chancen
Bürgermeisterin Gisela Kieweg hat genug Anmeldungen beisammen: Die gemeindliche Mittagsbetreuung der Grundschüler kann starten.
Aufatmen in Soien: Mittagsbetreuung hat gute Chancen
Laura Dahlmeier beendet Biathlon-Karriere - ihre Mutter hat‘s geahnt
Zweifaches Olympia-Gold, sieben Weltmeistertitel, einen Weltcup-Gesamtsieg – Laura Dahlmeier hat im Biathlon alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Für weitere …
Laura Dahlmeier beendet Biathlon-Karriere - ihre Mutter hat‘s geahnt
Riegsee hat wieder einen Geldautomaten - aber mit happigen Gebühren
Die Riegseer Bürger können neuerdings im Ort wieder Geld aus einem Bankomaten ziehen. Doch die Gebühr pro Abhebung ist für Menschen mit kleinem Portemonnaie hoch.
Riegsee hat wieder einen Geldautomaten - aber mit happigen Gebühren

Kommentare