Im Rollstuhl vor der Tür der Behinderten-Toilette: Michael Steinbauer.

Diese peinliche Situation musste ein Mann im Tengelmann-Center ertragen

Behinderten-WC verriegelt: Rollstuhlfahrer verzweifelt vor der Tür

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Murnau - Michael Steinbauer kann sich nicht bewegen, sitzt im Rollstuhl. Er braucht dringend ein behindertengerechtes WC. Als er mit Hilfe seiner Mutter wie gewohnt die Toilette im Murnauer Tengelmann-Center benutzen will, ist plötzlich die Tür verriegelt – mit menschenunwürdigen Folgen für den Ohlstädter.

38 Jahre alt ist Michael Steinbauer heute. Ein erwachsener Mann, hellwach im Kopf, aber hilflos wie ein Baby. Für jeden Handgriff im Alltag braucht er die Unterstützung seiner Mutter Ricardina Steinbauer. Das Schicksal hat die Familie einst eisenhart getroffen. Der kleine Michael wurde im Alter von viereinhalb Jahren von einem Auto erfasst. Zwölf Wochen lag das Kind damals im Wachkoma; es überlebte, doch es war nicht mehr das selbe: spastisch gelähmt, körperlich schwerst behindert.

Für die Steinbauers begann eine schwere Zeit mit unzähligen Einschränkungen. Und diese wollen nicht enden. Erst jetzt erlebte Steinbauer (66) mit ihrem Sohn wieder eine Situation, die sie empörte und fassungslos machte: „Ich war entsetzt.“ Regelmäßig fährt sie mit Michael Steinbauer von Ohlstadt ins Murnauer Tengelmann-Center: zum Einkaufen, zur Physiotherapie. Immer wieder hilft sie ihrem Sohn dabei auf der behindertengerechten Toilette. Diese benötigte er vor ein paar Tagen dringend. 

Klo geschlossen: Steinbauer uriniert notgedrungen in die Hose

Dann der Schock: Das WC im Sockelgeschoss des Treppenhauses war fest verriegelt. Steinbauer suchte in einem Geschäft nach Hilfe und nach einem Schlüssel – doch sie und ihr Sohn befanden sich auf verlorenem Posten, niemand vermochte die Tür zu öffnen. Der 38-Jährige urinierte in seiner Not in seine Hose, in die rund 6000 Euro teure orthopädische Sitzschale seines Rollstuhls. „Er hat nur gesagt: ,Mama, es ist zu spät.‘ Es war ihm furchtbar peinlich“, erklärt Ricardina Steinbauer.

Eine junge Patientin der Unfallklinik saß in ihrem Rollstuhl ebenfalls vor der verschlossenen WC-Tür. Der Supermarkt-Mitarbeiter, den Steinbauer dazuholte, habe von Jugendlichen gesprochen, die randalierten, Alkohol konsumierten und die Tür von innen verriegelten, sagt sie. Und davon, dass angeblich vom Besitzer verfügt worden sei, das WC zu schließen. Steinbauer erklärt, sie sei an die Gemeinde verwiesen worden. „Ich bin von Pontius zu Pilatus, aber niemand war zuständig. Das kann nicht sein, zumal Patienten der Unfallklinik dort einkaufen, ihr Geld da lassen und auf diese Toilette wollen.“

Haben Jugendliche die Tür mutwillige verriegelt?

Mitarbeiter der Gemeinde-Verwaltung empfanden den Vorfall als peinlich, konnten aber aus dem Stand nicht weiterhelfen. Das Einkaufscenter befindet sich in privater Hand, gehört nicht der Kommune, sondern der Trei Real Estate GmbH, der Immobiliengesellschaft der Unternehmensgruppe Tengelmann. Justine Zagalak von deren Pressestelle versichert: „Es ist nicht so, dass Toiletten von uns oder Trei mit Absicht geschlossen werden. Das ist auch nicht zielführend.“ Es gebe die Vermutung, dass Jugendliche, die im Center „ihr Unwesen treiben“, die Tür mutwillig verriegelten – mit entsprechendem Werkzeug. Unter der Klinke befindet sich an der Stelle, an der sonst ein Zylinder sitzt, eine Öffnung mit Vierkant – anders als früher, meint Steinbauer. Der Hausmeister, sagt Zagalak, öffne die WC-Tür immer, wenn er sie versperrt vorfinde; er sei jeden Tag vor Ort. Das Vierkant ermöglicht ihren Worten nach Polizei und Feuerwehr, das WC im Notfall von außen zu entsperren.

Steinbauer kritisiert indes, dass die Behinderten-Toilette im Center kein Euro-Schloss aufweist und fordert dringend eine Umrüstung. Dabei handelt es sich um ein europaweit einheitliches Schließsystem, das es körperlich beeinträchtigten Menschen ermöglicht, mit einem Einheitsschlüssel selbständig und kostenlos Zugang zu tausenden entsprechend ausgestatteten sanitären Anlagen und Einrichtungen zu erhalten. Auch in die Behinderten-Toilette im Kultur- und Tagungszentrum geht’s per Euro-Schlüssel; andere öffentliche Handicap-WCs im Ort lässt die Gemeinde früh morgens öffnen und abends schließen.

Forderung nach anderem Schloss

Die Forderung nach einem Euro-Schloss im Einkaufszentrum untermauert Lore Welker, frühere Behindertenbeauftragte des Gemeinderats, die selbst im Rollstuhl sitzt: Sonst sei im öffentlichen Bereich die Gefahr groß, dass die Toilette missbraucht werde. Ein Euro-Schloss, das nur Berechtigte überwinden können, verhindert dies. Ein verriegeltes Behinderten-WC nennt Welker „ein Unding“. Auch sie verweist auf Patienten der nahegelegenen Unfallklinik, die Einkäufe im Tengelmann-Center im Rollstuhl erledigen und auf eine entsprechend ausgestattete Toilette angewiesen sind. Zagalak betont, man werde prüfen, ob man das Schloss austauschen könne.

Eine Lösung will auch die Marktgemeinde Murnau. Sie kann angesichts des privaten Eigentümers zwar nur darum bitten, stellt sich aber angesichts der sensiblen Problematik auf die Hinterbeine. Eine E-Mail ging an Tengelmann raus, ein dringender Appell an den Hausmeister-Service. „Wenn das WC als öffentliche Behindertentoilette ausgewiesen und beschriftet ist, muss gewährleistet sein, dass Behinderte es benutzen können“, stellt Rathaus-Geschäftsleiter Josef Neuner klar. Der Hausmeister habe zugesichert, sich nachhaltig darum zu kümmern.

Keine Frage: Das wäre ein Segen – nicht nur für Michael Steinbauer und seine Mutter.

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