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Werden immer seltener: eine Braunkehlchen-weibchen im Murnauer Moos.

Wissenschaftliche Studie im Murnauer Moos 

Dem Braunkehlchen-Mysterium auf der Spur

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Ein Wissenschaftler will im Murnauer Moos ein großes Rätsel lösen. Seine Studie soll helfen, den Fortbestand des gefährdeten Braunkehlchens zu sichern. Der Bestand hat dramatisch abgenommen.

Murnau – Dr. Wolfgang Goymann erfuhr zufällig von dem Phänomen, das sich im Murnauer Moos abspielt – und es ließ den Professor für Verhaltensbiologie am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen nicht mehr los. Grundlagenforschung reichte ihm nicht mehr aus, Goymann wollte mit seiner Arbeit dazu beitragen, „dass wir ein Problem weniger haben“. Das Rätsel, das sich ihm stellte: Die Bestände des Braunkehlchens im Murnauer Moos nehmen drastisch ab, die des ihm vertrauten Schwarzkehlchens, vom Habitat und den Ansprüchen her ähnlich gestrickt, stiegen im gleichen Zeitraum an. Die Ursache bleibt Wissenschaftlern bisher ein Mysterium. Vor allem einen Fakt kann sich Goymann nicht wirklich erklären: dass die Zahl der Braunkehlchen „in Schutzgebieten zurückgeht“.

Außerhalb dieser Zonen liegen maßgebliche Ursachen auf der Hand. Den Wiesenbrütern setze die intensive Bewirtschaftung von Wiesen und Feldern zu, so Goymann, der Bauern allerdings in Schutz nimmt: Diese werden „durch die gegenwärtige Agrarpolitik“ dazu „gezwungen“. Die Folge: Die Vögel verlieren ihren Lebensraum, ihnen fehlen wilde Flecken zum Nisten und Nahrung, um ihre Jungen aufzuziehen. Dabei gilt: Das Murnauer Moos und die Loisach-Kochelseemoore „stellen die bedeutendsten Restvorkommen und Brutgebiete für das Braunkehlchen in Bayern dar“, sagt Goymann. Diese seien daher „von zentraler Bedeutung“ für dessen Erhalt und den vieler anderer Wiesenbrüterarten. „Leider nehmen aber auch hier die Bestände dramatisch ab.“

Und das trotz der Vorzüge, die das Murnauer Moos als Naturschutzgebiet bietet. 1977 waren noch 250 Braunkehlchen-Brutpaare festgehalten worden; 2016 schätzte man deren Zahl auf nur noch 75. „Und man versteht nicht wirklich, was passiert ist“, sagt der Wissenschaftler.

2017 startete Goymann mit Unterstützung der Vogelschutzwarte und des Landratsamts Garmisch-Partenkirchen, bei dem er offene Türen einrannte, die Studie, die mindestens über fünf Jahre läuft und mit der er das Ziel verfolgt, Mittel und Wege zu definieren, um den Erfolg des Braunkehlchens wieder zu erhöhen. Zumal andere Bodenbrüter im Moos, etwa den Wiesen- oder den Baumpieper, ähnliche Probleme plagten. Was Goymann außerdem interessiert: Kann das Murnauer Moos Quelle sein für das Braunkehlchen – oder ist es auf Vögel von außerhalb angewiesen?

Erklärungen vermag er nach zwei Jahren noch nicht zu liefern, aber zumindest ein paar Zahlen. 25 bis 28 Prozent der Braunkehlchen, die Goymann 2017 beringt hatte, kamen aus dem Winterlager südlich der Sahara in Afrika zurück, „eine relativ normale Wiederkehr“. Er verpasste 65 Jungvögeln die Markierungen, die später eine Identifizierung zulassen – und sah heuer knapp ein Dutzend davon wieder. „Das ist eigentlich viel.“ Goymann, der dieses Jahr mit einer Gruppe im Niedermoos bei Ohlstadt, im zentral gelegenen Schlechtenfilz und bei Grafenaschau arbeitete, fing die Braunkehlchen über Japannetze, eine Art Fischernetze in der Luft. Diese werden an geeigneten Stellen positioniert – zum Beispiel mit Lautsprechern, die den Gesang eines Männchens verbreiten, um Revierinhaber anzulocken. Geht ein Vogel in die Falle, wird er sofort entfernt und mit Farbringen individuell markiert.

Heuer setzte ein Starkregen im Juni, den Goymann „fatal“ nennt, dem Bruterfolg zu. Das Unwetter flutete fast alle Braunkehlchennester in den Niedermooren. Eiern in den etwas höher gelegenen Streuwiesen blieb dieses Schicksal erspart, weil sich das Wasser dort weniger staut. Goymann vermutet, dass trockeneren Wiesen eine besondere Bedeutung für Braunkehlchen zukommt, weil der Singvogel dort „vor Wetterkapriolen besser geschützt“ sei – zumal Starkregen angesichts „des Klimawandels zunehmen wird2. Nesträuber, also Fuchs oder Schlange, spielten für den Rückgang nach Goymanns Erkenntnissen kaum eine und Rabenvögel keine Rolle.

In einigen Jahren hofft er, mehr zu wissen – wenn er dem Braunkehlchen-Mysterium auf die Spur gekommen ist.

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