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Erinnerung an einen perfekten Bergtag: Derek Kiehn am Hohen Gaif. Am nächsten Tag stürzten er und sein Freund James Howell beim Abstieg vom Blassengrat ab. 

Seine Unterschenkel wurden amputiert

Nach dem Absturz kämpft Derek um sein Leben

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Garmisch-Partenkirchen - Ein schrecklicher Unfall – und alles ist anders. Derek Kiehn ist in seinen geliebten Bergen abgestürzt und liegt nun schwerst verletzt in der Unfallklinik Murnau. Durch eine große Spendenaktion soll dem Wahl-Garmisch-Partenkirchner und seiner Familie geholfen werden.

Sie hatten den Spaß ihres Lebens. Das belegen unzählige Fotos – von der Nacht am Stuibensee, dem Sonnenaufgang am Hohen Gaif und der Tour weiter zum Blassengrat. Die Bilder zeigen auch die hervorragende Ausrüstung der beiden Männer. Derek Kiehn und James Howell, beide passionierte und erfahrene Bergsteiger, waren sehr gut vorbereitet auf ihr Abenteuer zum Jahresabschluss. Und die Freunde hatten das Schlecht-Wetter-Fenster auf dem Schirm, nicht aber, dass es zehn Stunden früher als angekündigt das Wettersteinmassiv erreicht. Genau das ist passiert. Und zwang den Amerikaner (28) und den Engländer (33), ihre Pläne zu ändern. „Derek hat mir das noch per SMS geschrieben“, sagt seine Lebensgefährtin Fabienne Woiton. „Sie wollten den Notausstieg am Blassengrat nehmen.“

Dass sie dort abstürzen, Howell sterben und Kiehn schwerst unterkühlt sowie verletzt stundenlang im Schnee ausharren würde, ahnte da noch niemand. Auch nicht, dass dieser Tag alles verändern würde. Kiehn liegt mit seinen lebensbedrohlichen Verletzungen in der Unfallklinik Murnau. Seine beiden Unterschenkel mussten bereits amputiert werden. Operationen an den Fingern und Händen, die ebenfalls starke Erfrierungen aufweisen, versuchen die Ärzte so weit wie möglich rauszuschieben. „Er ist jeden Tag drei Stunden in der Druckkammer, das fördert die Durchblutung“, sagt die 31-Jährige. Noch liegt ihr Freund im künstlichen Koma. Noch weiß niemand, inwieweit seine inneren Organe Schaden genommen haben. Und noch hat er keine Ahnung von seinem Zustand und davon, dass sein guter Freund, den er und Woiton vom gemeinsamen Studium an der Universität von Edinburgh kennen, tot ist. „Die Ärzte sagen, dass es ein Wunder ist, dass Derek am Leben ist. Er kämpft wie ein Bär.“

Die Potsdamerin, die mit Kiehn vor vier Jahren nach Garmisch-Partenkirchen gezogen ist, schaut möglichst jeden Tag im Krankenhaus vorbei. Und gibt Kiehn Kraft. Wie auch seine Eltern, die mittlerweile aus Spokane im US-Bundesstaat Washington hergezogen sind. „Sie bleiben acht, neun Monate“, erzählt Woiton. Um die enormen Kosten, die auf sie und den 28-Jährigen, der selbstständig ist, zukommen, zu schultern, haben Kiehns Schwester Lindsey und eine Freundin seiner Mutter einen Spendentopf im Internet eröffnet. Unter www.gofundme.com/derekkiehn sind innerhalb der vergangenen gut zwei Wochen 23 492 US-Dollar eingegangen – überwiesen von 241 Menschen. „Dereks Familie ist in ihrer Kirchengemeinde sehr aktiv, der Zusammenhalt ist da extrem groß.“

"Man lernt den tiefsten Abgrund des Lebens kennen"

Wie sehr sie und der Amerikaner aber auch in ihrer Werdenfelser Wahlheimat angekommen sind, das berührt Woiton jeden Tag aufs Neue. „Wenn so etwas Schlimmes passiert, lernt man den tiefsten Abgrund des Lebens kennen, erlebt aber auch eine unglaubliche Unterstützung. Es ist wirklich großartig, wie uns geholfen wird.“ Für diesen Rückhalt ist sie unsagbar dankbar. Auch für die Hilfe von Polizei, Bergwacht, Ärzten und Pflegepersonal in der Klinik. „Ich bin wirklich zutiefst beeindruckt.“ All das trägt dazu bei, dass die junge Frau ihren Lebensmut nicht verliert. Und die Hoffnung, dass sie und Derek Kiehn ihre Träume doch noch verwirklichen können. Den Pacific Crest Trail, der von der mexikanischen Grenze die Westküste Amerikas entlang bis nach Kanada führt, zu meistern, ist einer davon. „Eigentlich wollten wir das nächstes Jahr machen, jetzt wird’s eben verschoben.“ Ihr ist bewusst, dass es lange dauern wird, bis ihr Freund – hoffentlich – wieder hergestellt ist. Und dass er Prothesen braucht. „Es wird anders, kann aber auch intensiver werden.“ Fabienne Woiton ist ein rundum positiver Mensch, der sich gerade in dieser schweren Zeit „stark fühlt“. Auch durch die Gemeinschaft von Familie und Freunden, die sie auffängt. Und dieses Miteinander liegt sicher daran, „dass Derek viele Menschen ganz tief im Herzen berührt hat“.

Eine von ihnen ist Bettina Sprenzel. Sie kennt den Amerikaner und seine Lebensgefährtin seit ihrer Ankunft in Garmisch-Partenkirchen vor vier Jahren, unterstützte sie bei der Wohnungssuche und freundete sich mit ihnen an. Kiehn arbeitet außerdem in der familieneigenen Skischule, die sie mit ihrem Bruder Sebastian leitet. „Er ist einer unserer beliebtesten Kinderlehrer“, sagt Sprenzel. „Weil er so eine ruhige, liebevolle Art hat. Er ist ein ganz toller Mensch.“ Die Bestürzung, dass er diesen schweren Unfall hatte, ist enorm – bei den Mädchen und Buben samt Eltern und im gesamten Skischul-Team. „Wir stehen alle hinter ihm und sind für ihn und Fabienne da, wann immer sie uns brauchen.“

"Schlimm, sehr schlimm"

Mit einem „pass’ bloß auf Dich auf“ verabschiedete Sprenzel ihren Skilehrer, als er am 30. Dezember zu seiner Bergtour aufbrach. Der Anruf seiner Freundin, die sich zwei Tage später erkundigte, ob denn die Fahrräder von Kiehn und Howell noch hinter dem Haus stünden, alarmierte auch sie. Schon da war allen bewusst, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Der tragische Unfall ereignete sich im unteren Drittel des Abstiegs. Wie es genau dazu gekommen ist, werden Woiton, die Eltern der Verunglückten, ihre Freunde und auch die Polizei wohl nie erfahren. Im Bericht der Beamten heißt es, dass die Männer, die an einem Seil gesichert waren, vermutlich zwischen 100 und 150 Meter in die Tiefe gestürzt sind.

Nachdem der Notabstieg am 31. Dezember im Nebel kaum zu sehen war, biwakierten die Freunde noch eine Nacht am Berg. Am Grat – zwischen 2200 und 2700 Metern Höhe. An Neujahr um 8 Uhr begannen sie den Abstieg. Da erreichte die 31-Jährige die letzte Nachricht ihres Partners. Dann war das Handy aus. Am Nachmittag verständigte sie die Bergwacht. Schlechtes Wetter erschwerte jedoch den Hubschrauber-Einsatz. Ein Sichtungsflug der Tiroler Polizei brachte nichts. Warten war angesagt. „Schlimm, sehr schlimm“ beschreibt Woiton die Stunden der Ungewissheit. Erst am nächsten Morgen machten sich die Retter wieder mit dem Helikopter auf und entdeckten schließlich die beiden Männer. Da lagen sie schon über 24 Stunden im eiskalten Schnee.

Wer Derek Kiehn helfen will, kann dazu die amerikanische Homepage www.gofundme.com/derekkiehn nutzen. Außerdem gibt es ein deutsches Spendenkonto 

„Derek Kiehn“ 

(IBAN: DE51100777770173385600 

BIC: NORSDE51XXX).

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