Missbrauchs-Skandal: Ettal zahlt Opfern 700.000 Euro

Ettal - Das Benediktinerkloster Ettal hat Hilfe angekündigt - und Wort gehalten: 70 Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch werden finanziell entschädigt und erhalten Hilfen, zum Beispiel in Form von Therapien.

Was passiert ist, kann nicht wieder gutgemacht werden. Über Jahrzehnte, vor allem im Zeitraum von 1945 bis in die 1980-er Jahre, wurden im Internat des Ettaler Benediktinerklosters Schüler gedemütigt, geschlagen, misshandelt und sexuell missbraucht. Nachdem im Februar vergangenen Jahres das ganze Ausmaß der Geschehnisse Zug um Zug ans Tageslicht kam, versprach die Klosterleitung um Abt Barnabas Bögle den Geschädigten individuelle und kompetente Hilfe, „um die schmerzlichen Ereignisse bewältigen zu können“ - auch in Form von finanzieller Entschädigung.

Dies wird nun geschehen: Ein dreiköpfiges, kloster-unabhängiges Kuratorium, dem auch Angelika Neugebauer aus Bad Bayersoien als Vertreterin der Opferschutzorganisation Weißer Ring angehörte, hat die Höhe der Entschädigungszahlungen für 70 Opfer, die Anträge gestellt haben, festgelegt. Aus Eigenmitteln stellt das Kloster als freiwillige Leistung für Hilfe, auch Therapien, 700 000 Euro bereit, die schon in der kommenden Woche an die Geschädigten ausgezahlt werden, „um erlittenes Leid auf dieser Ebene anzuerkennen“, wie es der Cellerar der Abtei, Pater Johannes Bauer, formuliert. Die Höhe der einzelnen Zahlungen liegt zwischen 5000 und 20 000 Euro. Eine rechtliche Handhabe auf Entschädigung gibt es für die Opfer nicht mehr, da die allermeisten Taten bereits verjährt sind.

Den Prozess der Aufarbeitung sowie die Umsetzung eines Sieben-Punkte-Programms, das sogenannte „Ettaler Hilfskonzept“, bewertet auch der Verein Ettaler Misshandlungs- und Missbrauchsopfer als „positiv“. Dessen Sprecher und ehemalige Schüler Robert Köhler (1974-1983), der selbst zum Opfer wurde und heute als Ingenieur arbeitet, spricht gar davon, dass das Ettaler Vorgehen bei Entschädigung und Therapiekosten-Übernahme Maßstäbe im bundesdeutschen Vergleich setze und damit die Chance schaffe, einen Großteil der Opfer zu befrieden.

Köhler wörtlich: „Was gut tut, ist das anständige Verhalten. Die Klostergemeinschaft übernimmt Verantwortung für das Fehlverhalten und das massive Unrecht ihrer ehemaligen Mitbrüder.“ Dass das Benediktinerkloster deutlich über das Entschädigungsmodell der Deutschen Bischofskonferenz hinausgehe, beweise, so der 47-Jährige, dass es den Mönchen ernst sei mit ihrem Bekenntnis einer offenen, ehrlichen Aufarbeitung der Vergangenheit. Hier sei Vertrauen geschaffen worden, vor allem bei den Opfern. Robert Köhler mutmaßt gar, dass Abt Barnabas, Cellerar Pater Johannes und die Klostergemeinschaft mit ihrer Linie als unabhängiges Kloster sich wahrscheinlich vor konservativen Katholiken rechtfertigen müssten: „Ettal hat Mut und Anstand bewiesen“.

Obwohl damit gleichwohl die Aufarbeitung noch nicht zu Ende sei, „sind wesentliche Fakten geschaffen worden“. Aktuell seien im Opferverein nach den Worten Köhlers etwa 60 Personen vertreten. Man sei nach wie vor in Kontakt untereinander, obwohl es in den vergangenen Monaten etwas ruhiger geworden sei: „Die ganze Geschichte muss auch wieder ein bisserl raus aus dem Leben der Betroffenen. Sonst wird man ja verrückt.“

Keineswegs in der Rolle als Vorreiter in Sachen Entschädigung bei Missbrauchsfällen sieht Abt Barnabas Bögle sein Kloster: „Wir haben keinen Anlass, auf die Hilfen, die wir zur Verfügung gestellt haben, stolz zu sein. Wir haben vielmehr allen Anlass, diese Hilfen in aller Demut zu gewähren. Denn wir tun hierbei doch letztlich nur unsere ,Schuldigkeit’ und das auch im Wissen, dass wir damit manchen Wünschen der Betroffenen nicht entsprechen können.“

Im kommenden Jahr will das Kloster auf eigenem Grund und Boden auch einen Ort des öffentlichen Gedenkens schaffen: Wo und wie, ist noch nicht geklärt.

Ludwig Hutter

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