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Lange Tradition: die Seehauser Fronleichnams-Prozession auf dem Staffelsee.

Nationalsozialismus

Seeprozession: Gründer besuchte Häftling Hitler

Seehausen - Am 16. April 1924 bekommt Hitler in Landsberg Besuch von einem Geistlichen. Es ist Sebastian Wieser, der zehn Jahre danach Pfarrer in Seehausen wird. 1935 ruft er zusammen mit Bürgermeister Roman Bischl die bekannte Seeprozession an Fronleichnam ins Leben.

Der Historiker Professor Dr. Peter Fleischmann, Leiter des Nürnberger Staatsarchivs, erwähnt Wieser in seinem neuen Buch „Hitler als Häftling in Landsberg am Lech 1923/24“. Ob er als Seelsorger den späteren Diktator besucht oder weil er gewisse Ansichten mit ihm teilt, ist unklar.

Die Historiker Dr. Otto Weiß und Prof. Dr. Derek Hastings stufen Wieser, der 1879 geboren wird, allerdings als antisemitisch ein. Weiß nennt Wieser zudem nationalistisch. Eine judenfeindliche Einstellung Wiesers lässt zum Beispiel das Gedicht „An Deutschland“ erkennen. Der Geistliche fragt darin: „Bin ich schlechter als Patriot, weil ich das Deutschland von heute besudelt seh mit Auslandsspott, schwebend vor sittlichem Bankerott – gefesselt als Judenbeute?“ Es erschien 1908 in Ravensburg im Verlag von Friedrich Alber in einem Bändchen Wiesers. Es trägt den Titel „In Lied und Leid“.

Eine andere Stelle in dem Gedicht mutet martialisch an: „Schneller rollt meiner Adern Blut, Denk ich vergangener Zeiten: Deutsche Sitte und deutscher Mut – Und des Deutschen Sieg klang gut in Krieg und Sängerstreiten.“ Weiss und Hastings weisen zudem darauf hin, dass Wiesers Werk „Judas, der Kreuzweg des Verräters in sechs Stationen“, 1922 erschienen, antisemitische Elemente enthalte. Dies hatte in den 1990er Jahren bereits der Buchautor Hans-Josef Klauck scharf kritisiert. Nach Hastings Angaben waren Wieser und der Heimatschriftsteller Franz Schrönghamer-Heimdal seit ihrer Studienzeit eng befreundet. „Beide arbeiteten 1920 bei der Deutschen Katholiken-Zeitung und wurden entlassen, weil sie antisemitische Artikel veröffentlichten.“ Hastings, der an der Oakland University (Michigan) lehrt, kennt sich mit dem Thema aus: Er hat vor ein paar Jahren ein Buch über Katholizismus und die Wurzeln des Nazismus geschrieben. Bisher ist es nur auf Englisch erhältlich.

Robert Walter, Leiter der Pfarreiengemeinschaft Staffelsee und Dekan, kann zu Wieser wenig sagen. Nur so viel: „Er war in Seehausen total beliebt.“ Die Judenfeindschaft sei ihm neu. Dass es eine Nähe von Pfarrern zum Nationalsozialismus gegeben habe, sei klar. „Es gab welche, die linientreu waren, aber auch solche, die Widerstandskämpfer waren.“ Als er Hitler besucht, ist Wieser Pfarrer in Waal (Landkreis Ostallgäu). Bei den dortigen Passionsspielen agiert er als Spielleiter und Textautor. Überhaupt veröffentlicht der Priesterschriftsteller eine stattliche Anzahl an Werken. Darunter sind Fastenpredigten, Schwänke oder auch biblische Dramen und Gedichte.

Die Seehauser Seeprozession findet 1935 erstmals statt. Die Gründung ist wohl nicht ohne Wiesers Theater-Hintergrund zu verstehen. Er habe die Prozession „in Szene gesetzt“, sagt Walter. In Seehausen wirkt Wieser nur zweieinhalb Jahre. Der Dichterpfarrer ist in den 1920er Jahren auch ein Vertrauter der „Seherin“ Eugenie von der Leyen (1867 bis 1929). „Auf meinen Rat hin hat sie das Geschaute tagebuchartig aufgezeichnet“, tut der Geistliche einmal kund. Später veranlasst Wieser die Veröffentlichung der Notizen. Von der Leyen hatte angeblich Kontakt mit den Seelen toter Menschen. Wieser stirbt 1937.

Roland Lory

Das Buch: Peter Fleischmann: Hitler als Häftling in Landsberg am Lech 1923/24, Der Gefangenen-Personalakt Hitler nebst weiteren Quellen aus der Schutzhaft-, Untersuchungshaft- und Festungshaftanstalt Landsberg am Lech, Verlag Ph.C.W. Schmidt, 59 Euro.

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