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Sein Einsatz beeindruckt: Soner Anilir aus Oberammergau kann jetzt studieren.

Projekt „Berufsschule Plus“

15 starten, einer hält durch: Soner Anilir aus Oberammergau kann jetzt studieren

Die zwei Jahre haben Soner Anilir alles abverlangt. Jetzt hat der Oberammergauer seine Fachhochschulreife an der Berufsschule geschafft. Als Einziger von 15 Schülern.

OberammergauEs war ein ehrgeiziges Projekt, das sich 15 junge Männer und Frauen der Berufsschule in Garmisch-Partenkirchen da vorgenommen hatten: In nur zwei statt drei Ausbildungsjahren wollten sie die Fachhochschulreife erwerben. Dafür waren sie vor drei Jahren voller Enthusiasmus und Elan beim Projekt „Berufsschule Plus“ angetreten. Am Ende hat es nur einer geschafft: Soner Anilir aus Oberammergau blieb als Einziger übrig. Er zog das Projekt durch – und nicht nur irgendwie: Mit einem Notendurchschnitt von 1,8 schaffte er seine Fachhochschulreife. Für seine herausragenden Leistungen erhielt der 26-Jährige sogar eine Anerkennung vom Freistaat Bayern. Doch auf seinem Weg lagen so manche Hürden.

Zunächst ging Anilir zwei Jahre lang neben seiner Ausbildung zum Bankkaufmann in die Schule. Seinen Berufsabschluss erwarb er 2018 ein Jahr früher als üblich, die Commerzbank Weilheim übernahm ihn in eine Festanstellung. Ein Traum war damit in Erfüllung gegangen. Anilir hatte einen weiteren: Er wollte auch noch studieren. Dafür war er bereit, im Rahmen der „Berufsschule Plus“ neben seiner Arbeit weiter zu lernen. Damals sicherten ihm die Verantwortlichen zu, dass die Schüler die Ausbildung abschließen können – egal, wie viele übrig bleiben. 

Immer mehr gaben an der Berufsschule Garmisch-Partenkirchen auf

Von Monat zu Monat gaben mehr Teilnehmer auf, einige zogen weg, andere waren dem hohen Arbeitspensum nicht gewachsen. Zuletzt waren sie noch zu dritt, dann nur noch zu zweit, nach den Sommerferien im vergangenen Jahr warf auch noch Anilirs letzter Mitstreiter das Handtuch. Und der Traum des Oberammergauers drohte zu platzen.

Im Januar erhielt Anilir einen Anruf von Garmisch-Partenkirchens Berufsschulleiter Johannes Klucker. Der Kurs, sagte er, lasse sich mit nur einem Schüler nicht beenden. Daher riet Klucker dem jungen Mann, in die Berufsschule nach Starnberg zu wechseln oder das Fachabitur in einem Fernstudienlehrgang abzulegen. Der 26-Jährige war am Boden zerstört.

Schinderei umsonst? Oberammergauer stand vor unsicherer Zukunft

Mit seinem Bereichsleiter in der Bank in Weilheim hatte er extra die Arbeitszeiten für das letzte Jahr an der Schule in Garmisch-Partenkirchen angepasst. „Ganz neu in Starnberg zu beginnen, war für mich arbeitstechnisch genauso wie persönlich einfach nicht darstellbar“, sagt der türkischstämmige junge Mann. Ein Fernstudium kam ebenfalls nicht infrage. Er brauche den persönlichen Kontakt zu seinen Lehrern, um gut lernen zu können. Plötzlich stand er vor der Frage: Sollten zwei Jahre Schinderei und höchster Arbeitseinsatz etwa umsonst gewesen sein?

Anilir gab nicht auf. In seiner Not wandte er sich ans Bayerische Kultusministerium. Schließlich erreichte er, dass er als einziger Schüler im Rahmen der Berufsschule Plus in Garmisch-Partenkirchen weiter unterrichtet wurde. Sogar Klucker hat diese Entscheidung überrascht – und begeistert. Anilirs Beharrlichkeit zollt er höchsten Respekt. Die Schüleruntergrenze lag ursprünglich bei 16, als Anilir Jahrgang startete. Für nur einen Schüler den Unterricht fortzusetzen – für Klucker undenkbar. Umso schöner, dass das Kultusministerium eine Ausnahme machte. Er habe sich sehr für Anilir gefreut, sagt der Schulleiter. „Er hat ja ein außerordentliches Engagement bewiesen. Ich ziehe meinen Hut vor seiner Leistung.“

Jede Nacht büffeln für die Fachhochschullreife und den Traum

Mit der Ausnahmegenehmigung von höchster Stelle wollte es der Oberammergauer erst recht allen zeigen. Jeden Tag büffelte der Bankkaufmann nach der Arbeit zwischen 23 und 1 Uhr nachts. Maximal fünf Stunden Schlaf mussten reichen – über Wochen. „Ich war permanent übermüdet“, sagt er. Zeit nahm er sich, um dreimal in der Woche ins Fitness-Studio zu gehen. Sein Ausgleich, den brauchte er.

Der junge Mann weiß, warum er durchgehalten hat. Ehrgeiz und Selbstmotivation, sagt er, seien seine persönlichen Stärken. Hinzu kommt die große Unterstützung der Lehrer an der Berufsschule in Garmisch-Partenkirchen. „Sie haben mich oft noch bis in den Abend hinein unterrichtet.“ Ihren Einsatz hebt er ebenso hervor wie seinen Chef in Weilheim, der über die drei Jahre so viel Verständnis gezeigt und ihm immer wieder Freiräume geschaffen habe.

Seine Zukunft hat der junge Mann schon geplant – es wartet schließlich noch ein Traum darauf, erfüllt zu werden: Berufsbegleitend will Anilir in München Betriebswirtschaft studieren. Zudem möchte er auf dem Grundstück seiner Eltern in Oberammergau ein Haus bauen und mit Ehefrau Esin, seiner größten Stütze im Alltag, eine Familie mit zwei bis drei Kindern gründen. Zudem ist es ihm wichtig, „in meinem Leben etwas Sinnvolles zu tun, später einmal anderen Menschen zu helfen und Verantwortung für sie zu übernehmen“.

Barbara Falkenberg

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