Stammt in Teilen aus dem Jahr 1419: das Anwesen an der Kleppergasse 12 in Oberammergau.
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Stammt in Teilen aus dem Jahr 1419: das Anwesen an der Kleppergasse 12 in Oberammergau.

Rekord im Passionsdorf

Sensation in Oberammergau: Balken entlarvt ältestes Blockhaus Bayerns

  • Josef Hornsteiner
    vonJosef Hornsteiner
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Es gibt ein „neues“ ältestes Gebäude in Oberammergau. Das Alex’nhaus ist abgelöst worden von einem Anwesen an der Kleppergasse. Es ist aber nicht nur das älteste im Ammertal – es dürfte der älteste Blockbau in ganz Bayern sein. Und für die Denkmalpfleger eine Schatzgrube.

Oberammergau – Die Suche nach Oberammergaus ältestem Haus ist ohne Untertreibung eine äußerst spannende Detektiv-Geschichte. Das Alex’nhaus – datiert auf das Jahr 1541 – scheint als bislang ältestes Gebäude im Ort ausgedient zu haben. Der neue Rekordhalter ist um satte 122 Jahre älter. Das Anwesen an der Kleppergasse 12 soll spätestens im Jahr 1419 errichtet worden sein – und wäre damit der älteste noch erhaltene Blockbau in ganz Bayern. Doch wirft das Haus an der kleinen historischen Gasse im Oberammergauer Ortskern noch unzählige Fragen auf.

Alles beginnt mit Stefan Müller, der vor vier Jahren das Gebäude erbte. Um einziehen zu können, muss er es sanieren und umbauen. Um es bewohnbar zu machen, nimmt Müller deshalb Kontakt mit der Unteren Denkmalschutzbehörde im Landratsamt Garmisch-Partenkirchen auf. Ein Hausbesitzer, der in einem denkmalgeschützten Gebäude wohnt, muss stets den Spagat zwischen Wohnen und Schützen schaffen. Oft ein schwieriges Unterfangen. Dass das Gebäude alt ist, weiß Müller natürlich. Doch gehen die Belege bislang nur bis ins 18. Jahrhundert zurück, wie Gemeindearchivarin Katharina Waldhauser mitteilt. Ihr Blick in das Steuerregister der Passionsgemeinde zeigt: als frühester Eigentümer ist in der einen Haushälfte (Kleppergasse 10) ein Paull Glöggl im Jahr 1722 aufgeführt, in der anderen (Kleppergasse 12) ein Joachim Kerele. Erstere trägt den Hausnamen Funk, die andere Peter. Beide vereint bis heute eine historische Rauchkuchl.

Überraschend frühe Fälldaten

Als Nicolaus Könner vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) das Anwesen 12 im Zuge der geplanten Modernisierung inspiziert, kommen ihm Zweifel an der bislang vermuteten Entstehungszeit. Ein Bauforscher des BLfD untermauerte bei einem Termin vor Ort die Vermutung.

Also stellen die Wissenschaftler eine dendrochronologische Untersuchung an. Das Haus soll endlich seine Geheimnisse offenbaren. An verschiedenen Holzbalken entnehmen die Forscher dünne Bohrkerne. Sie können die Jahresringe der Bäume anhand der Abfolge ihrer unterschiedlichen Breite einer bestimmten Wachstumszeit zuordnen. „Wenn die äußere Rundung unter der Rinde erhalten ist, kann auch das Datum bestimmt werden, wann der Baum gefällt wurde“ teilt BLfD-Sprecherin Julia Steinbach mit. „Und da Bauholz nicht getrocknet wurde, kann so das Alter des Hauses definiert werden.“

Das Ergebnis ist eine Sensation. Die Datierung der Balken ergeben überraschend frühe Fälldaten. „Wir vermuten nun, dass das Haus aus dem Jahr 1419 stammt.“ Damit wäre das Gebäude in Oberammergau der bislang „älteste in größeren Teilen erhaltene Blockbau Bayerns“. Im Heimatmuseum Schliersee gäbe es lediglich eine einzige Blockwand von 1406. Der gesamte Blockbau jedoch, der bisher als der wohl älteste galt, stammt aus dem Jahr 1447 – also jünger als das Kleppergassen-Anwesen.

Anwesen mehrfach umgebaut

Doch sind all diese Angaben mit Vorsicht zu genießen. Schließlich ist das Gebäude über die Jahrhunderte mehrfach umgebaut worden. Es ist also gut möglich, dass der Bauherr das Holz im Anwesen 12 aus einem abgetragenen Stadl oder einem anderen Gebäude nachträglich integriert hat. „Es wäre also auch möglich, dass das Haus erst bis spätestens 1437 errichtet wurde“, sagt Steinbach. Doch selbst das würde immer noch reichen, um alle Rekorde zu schlagen.

Wie das Haus ursprünglich aussah und wie es genutzt wurde, „ist heute nicht mehr leicht zu verstehen“. Über die Jahrhunderte hat das Anwesen an der Kleppergasse mehrere Ein- und Umbauten erlebt, die das heutige Aussehen grundlegend prägen und aufgrund derer man „nicht von einer klaren Einheit sprechen“ kann. Es gibt mehrere Stellen unterschiedlichen Niveaus. Im Süden ist der Bau beispielsweise zweigeschossig. Dahinter dann meist nur eingeschossig. Die Höhen variieren stets. Frei zugängliche Stellen an die historische Bausubstanz waren bislang rar. Viel ist durch nachträgliche und wieder verschlossene Türöffnungen sowie moderne Reparaturen gestört oder verdeckt worden.

Durch die Umbaumaßnahmen des neuen Besitzers hat sich das nun geändert. Mehrere historische Balken sind freigelegt worden, die im Jahr 1850 aus Gründen des Feuerschutzes verputzt werden mussten. Denn beim Großbrand von 1817 war das Anwesen Nummer 12 das einzige Gebäude, das nicht den Flammen zum Opfer gefallen ist. Eine historische Schatzgrube also. Deshalb freut sich das Landesamt für Denkmalpflege auf die weitere Freilegung der historischen Bausubstanz, um weitere Untersuchungen anzustellen.

Im Freilichtmuseum Glentleiten hat man die Nachricht mit Staunen aufgenommen. „Das ist sehr interessant“, sagt die Pressesprecherin. In Großweil stand lange Zeit das bis dahin älteste bekannte Haus in Blockbau. Das Wohnhaus Marosen- oder Mitterbernegg-Lehen ist 1592 in Berchtesgaden erbaut worden.

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