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Ihr liegt die Tradition am Herzen: Rose-Wirtin Renate Frank.

Ludwigsfeuer in Oberammergau

Besondere „Vorfreude“ auf die Feuermacher

Wer die Feuermacher bewirtet, braucht vor allem eines: starke Nerven. Das sagt Renate Frank mit einem Lächeln. Wie schon ihre Mutter und ihr Großvater öffnet sie den Gasthof Rose nach dem Ludwigsfeuer für die Männer. So auch am 24. August. Weil ihr die Tradition am Herzen liegt.

Oberammergau – Frauen: verboten. Fremde: verboten. Ein allzu neugieriges Kamerateam vom Fernsehen: besonders verboten. „Ja, die sind im hohen Bogen wieder rausgeflogen“, erzählt Renate Frank und lacht laut. Für eine Reportage über den Bayerischen Märchenkönig sind die TV-Leute auf Oberammergau und das Ludwigsfeuer aufmerksam geworden. Die Reporter filmten vor einigen Jahren den stimmungsvollen Einzug der Feuermacher ins Dorf – mit den vielen Fackeln, Trommeln und der Musik. Sie waren dabei, als die Männer ganz traditionell ins Wirtshaus Rose einkehrten. „Und sie durften sogar mit nach oben in den Saal“, erinnert sich Frank. Doch die große Ehre, die ihnen zuteil wurde, wussten die Reporter nicht zu schätzen. Schnell waren sie zu aufdringlich, folgte ein Wort auf das andere – und schwupps, mussten sie auch schon gehen.

Dabei wären viele Besucher und Touristen gern dabei, wenn’s für die Feuermacher wie jedes Jahr Schweinsbraten, Knödel, Blaukraut und Bier im ersten Stock gibt. Doch Frank sorgt dafür, dass niemand nach oben geht. Die Nacht des Ludwigsfeuers ist für sie, ihre Familie und Bediensteten lang. Und nicht unbedingt etwas, auf dass sich der Familienbetrieb unbandig freut. Das sagt die 55-Jährige ganz offen. Dafür ist das Fest, das die Gemeinde bezahlt – mit einem Essens- und zwei Bier-Coupons für jeden der rund 100 Oberammergau –, zu derb. Und trotzdem macht sie es jedes Jahr wieder. „Weil mir die Tradition wichtig ist.“ Egal, wie wild es auch wird in dieser geschützten Männerrunde, zu der Frauen keinen Zutritt haben. Musikerinnen, die beim Einmarsch ins Dorf gegen Mitternacht dabei sind, werden – zumindest eine Zeit lang – noch geduldet. Die Kellnerinnen sowieso. Das war’s auch schon.

Wobei letztere für Frank nicht so leicht zu finden sind. Deshalb ist sie heilfroh, dass zwei Freundinnen jedes Jahr für sie arbeiten. Zimperlich dürfen die Bedienungen nicht sein. Besser ist: resolut und nicht auf den Mund gefallen. Denn die Männer kommen selten nüchtern in der Rose an. In den vielen Stunden am Berg, wo am Abend vor dem Königsgeburtstag die Feuerbilder zu Ehren von Ludwig II. aufleuchten, machen durstig. Spätestens beim Einzug ins Dorf gibt es eine Halbe für die Feuermacher – die ihr Amt meist von Generation zu Generation übergeben.

So war es im Grunde auch bei den Stückls und der Rose. Renate Franks Großvater Benedikt hat 1951 das Gasthaus übernommen. Und irgendwann die Feuermacher bewirtet. Genauso war es ab 1971 bei ihren Eltern Roswitha und Peter. Bis die Knödel-Affäre – bei der Mitte der 1980er Jahre die Spezialitäten durch den frisch geweißelten Saal flogen – diese Tradition für sieben Jahre unterbrochen hat. Tochter Renate, die seit ihrer Hochzeit mit ihrem Ludwig Frank heißt, weiß noch, wie groß der Ärger war. Mit einem Blumenstrauß und vielen warmen Worten habe der der damalige Bürgermeister Klement Fend Roswitha Stückl zum Weitermachen überredet.

Auch seinem heutigen Amtskollegen Arno Nunn sind der viele Aufwand und die Arbeit für alle Helfer im Gasthof Rose bewusst. „Wir sind sehr dankbar. Das alles ist nicht selbstverständlich.“ Zumal er weiß, dass der Übernachtungsbetrieb in der Ludwigsfeuer-Nacht einen Teil der Zimmer – jene über dem Saal – nicht vermieten kann. „Da würde niemand schlafen“, sagt Frank. Wegen der Musik. Wegen der Trommeln. Wegen des Plattelns mit den schweren Bergschuhen.

Also bleiben 7 der 19 Räume leer – meistens. Denn Frank erinnert sich an ein besonderes Jahr, als plötzlich drei fremde Burschen mit in die Rose kamen. Die etwa 20-Jährigen waren beim Wandern und sind dabei auf eine Feuermacher-Gruppe in den Bergen um Oberammergau gestoßen. Sie blieben mit ihnen bis zum Abend droben, tranken und feierten mit. Auch beim nächtlichen Schweinsbraten-Essen in der Rose. Deren Wirtin ließ die Touristen in besagten leeren Räumen schlafen. Mittlerweile dürften die Drei Mitte 30 sein – und kommen immer wieder zum Ludwigsfeuer nach Oberammergau. „Weil’s ihnen so gut gefällt.“ Und sie sich gern an eine unvergessliche Nacht erinnern.

Dass sie in diesem Jahr überhaupt ein Auge zu tun wird, glaubt Frank nicht. Schließlich fällt der 24. August heuer auf einen Freitag. Viele der Feuermacher haben am Samstag frei, können also ausgelassen feiern. „Grauenhaft“, sagt Frank und lacht wieder schallend auf. Sie weiß, was auf sie zukommt.

Der Schweinsbraten – acht bis zehn große Stücke – ist rechtzeitig ins Rohr zu schieben. Außerdem müssen etwa 60 Maßkrüge aus dem Depot geholt und gewaschen werden. „Wir sind sicher der einzige Betrieb, der so viele besitzt“, schätzt die Muter von fünf Kindern. „Wer braucht die sonst?“ Bereits den ganzen Tag über gilt es, die Knödel zu drehen. „Bei uns wird alles frisch gemacht.“ Fertige Zutaten kommen nicht in die Küche. Apropos Knödel: Viel lustiger als die folgenschwere „Schlacht“ in den 1980ern findet Renate Frank die Revanche der Mutter von 1995. Damals im August, wenige Monate, bevor die Eltern die Rose an ihre Tochter abgegeben haben, fand das letzte Schweinsbraten-Essen für die Stückls statt. Und da flogen sie wieder: Knödel. Aber ganz wenige und gezielt in Richtung der Missetäter von damals.

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