Markt eingebrochen: Ausländische Gäste sind rar im Jahr 2020. grafiken: ammergauer Alpen
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Markt eingebrochen: Ausländische Gäste sind rar im Jahr 2020. grafiken: ammergauer Alpen

Tourismusbilanz 2020 vorgestellt

Tourismuswandel im Ammertal: Chinesen und Amerikaner adé

  • Josef Hornsteiner
    vonJosef Hornsteiner
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Die Tourismusbilanz für das Coronajahr 2020 zeigt eines deutlich: Das Ammertal muss sich touristisch für die Zukunft neu positionieren. Deutsche Urlauber haben sich fast verzehnfacht, Amerikaner und Chinesen hingegen blieben fast zur Gänze aus.

Oberammergau – Corona verändert die Welt. Das Virus aus China mischt sämtliche Karten neu. Auch im Tourismus des Ammertals. Der wird sich verändern, ist Florian Hoffrohne, Geschäftsführer des Verbands und des Naturparks Ammergauer Alpen, sicher. Am Montag hat er mit leichter Verspätung die Tourismusbilanz im Ammertal für das Jahr 2020 veröffentlicht.

In Anbetracht der Zahlen blieb der Schock glücklicherweise aus. „Die Bilanz ist gar nicht so tragisch“, sagt er. „Wir wussten ja in etwa, was auf uns zukommt.“ Und tatsächlich: Drastisch nach unten ging es im Gegensatz zum Vorjahr nicht. Ein gutes Zeichen, schließlich war 2019 mit 866 705 Übernachtungen ein absolutes Rekordjahr. Doch stellt sich Hoffrohne mit der Bilanz 2020 die Frage: „Wohin soll es gehen?“

Weniger Gäste, die dafür länger bleiben: Die Übernachtungs- und Ankunftszahlen.

Zu den nackten Zahlen: Trotz Corona gab es insgesamt 625 271 Übernachtungen im Ammertal. Nur ein Drittel ist somit zum Rekordjahr 2019 verloren gegangen. „Das ist in Ordnung“, attestiert Hoffrohne. Zwischen den beiden Lockdowns, also von Ende Mai bis Mitte Oktober, waren die Zahlen prächtig. In Oberammergau sanken die Nächtigungen im Vergleich zum Vorjahr um „nur“ rund 90 000 auf 302 000. Richtige Einbußen hatten lediglich Ettal/Linderhof sowie Saulgrub, Altenau und Wurmansau. Dort halbierten sich die Zahlen fast.

Weniger Urlauber, die dafür aber länger blieben

Hingegen hat es insgesamt aber nur 135 110 Ankünfte gegeben – da lag der jährliche Durchschnitt zwischen 2017 bis 2019 bei 242 941 – also fast eine Halbierung. Das bedeutet, dass zwar weniger Gäste gekommen sind, dafür aber länger blieben. Die meisten Gäste kamen 2020 – wenig überraschend – aus Deutschland, vor allem aus Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Ungewöhnlich für das Ammertal. Denn unterschied es sich touristisch bislang enorm zu den anderen Talschaften im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Die Kur- und Urlaubsgäste aus dem Ruhrgebiet, die sich drei Wochen lang in ein klassisches Urlaubshotel einmieteten, war rar. Über die Jahrzehnte hinweg hat sich auch ein beispielloser „Passions-Tourismus“ entwickelt, wie Hoffrohne erklärt. Alle zehn Jahre herrscht Ausnahme-Zustand. 2020, als eigentlich die Passion hätte stattfinden sollen, waren alle 7000 Betten im Ammertal fast zu 100 Prozent ausgebucht. „Händeringend musste in den umliegenden Ortschaften gesucht werden, um freie Betten zu finden.“ Nach der Absage kamen die Gäste trotzdem. „Sie wollten sich das Passionstheater und das Dorf ansehen.“

Wichtiger internationaler Markt zur Gänze weggebrochen

Ein weiterer Markt ist wegen Corona zur Gänze eingebrochen: Zwischen den Passionsjahren hat sich das Ammertal auch auf internationale Gäste spezialisiert. Vor der Coronakrise sind durchschnittlich 12 bis 15 Busse täglich angekommen – voll mit internationalen Gästen, vornehmlich aus China und den USA. Sie lieben nicht nur den Passionsort. Hoch im Kurs steht auch das Schloss Linderhof und das Kloster Ettal. Ein riesiger Markt hat sich da aufgetan. Waren es 2014 in den Ammergauer Alpen noch 1000 Übernachtungen von Gästen aus Asien, explodierte diese Marke 2015 auf sage und schreibe 13 300 – eine Zunahme von 750 Prozent. Von dem Boom profitierten vor allem Bad Kohlgrub, Ettal und Oberammergau. In den dortigen Hotels fühlten sich die Gruppen aus aller Herren Länder hervorragend aufgehoben, da diese Häuser sich auf die ungewöhnlichen Sonderwünsche perfekt eingerichtet haben.

Der Fokus muss künftig auf den deutschen Urlaubsgast gelegt werden

Genau hier sieht Hoffrohne nun Diskrepanzen. Da die ausländischen Gäste aufgrund der Pandemie weggebrochen sind und auch voraussichtlich länger nicht mehr kommen werden, tun sich viele Hotels jetzt schwer mit dem klassischen deutschen Urlauberklientel, das vergangenes Jahr auf der Suche nach Erholung auch das Ammertal für sich entdeckte. Zum Vergleich: Kamen im Vorjahr nur etwa 15 400 Gäste aus Nordrhein-Westfalen ins Ammertal, waren es 2020 über 90 400 – eine Steigerung um 83 Prozent.

Ausländische Gäste waren hingegen rar aufgrund der Reiseverbote und Schutzmaßnahmen. So kamen 2020 die meisten aus den Niederlanden und anderen Nachbarländern. Im Vergleich zu 2019, wo US-Amerikaner und Chinesen den ausländischen Anteil dominierten, müssen sich die touristischen Herbergen künftig mehr auf den deutschen Gast, der auch länger bleibt, fokussieren, meint Hoffrohne.

In diese Richtung ist man bereits 2018 mit der Ernennung zum Naturpark gegangen. Ein nachhaltiger Tourismus soll es künftig sein. Der Besucher muss besser gelenkt werden, die Pflege der Kulturlandschaft und die Umweltbildung mehr in den Vordergrund rücken.

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