Ein Mann mit grauen Haaren und Bart schaut nach rechts und lächelt.
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Setzt sich seit Langem gegen Antisemitismus und Rassismus ein: Christian Stückl.

Buber-Rosenzweig-Medaille für Spielleiter der Passionsspiele Oberammergau

Christian Stückl ausgezeichnet: Kardinal Marx lobt den „Dickschädel“, seine Neugier und den Kampf gegen Antisemitismus

  • Katharina Bromberger
    vonKatharina Bromberger
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Christian Stückl, Spielleiter der Passionsspiele Oberammergau, hat die Buber-Rosenzweig-Medaille erhalten. In seiner Laudatio würdigt Kardinal Reinhard Marx Stückls Verdienste um den christlich-jüdischen Dialog.

Update Sonntag, 18.25 Uhr:
Oberammergau/Stuttgart – Der Antisemitismus. Er muss verschwinden. Doch er ist da in der Gesellschaft. „Er blüht immer wieder auf“, sagt Christian Stückl. Auch in den Passionsspielen hat er die Ablehnung und Stigmatisierung dieses Glaubens gefunden. Genauer: „In jeder Pore der Passionsspiele.“ Das wollte er ändern, „austreiben“ wollte er ihr den Antijudaismus, wie er in einem Interview mit dem Südwestrundfunk sagt. Ihn entfernen aus den Texten, Gebeten, Kostümen. Die Passion reformieren und öffnen – gegen alle Widerstände. Das setzte Stückl um. Unter anderem für dieses Engagement hat der 59-Jährige nun die Buber-Rosenzweig-Medaille erhalten.

Stückl ist erst einmal sprachlos: Gerührt von Marx‘ Worten

Lange schon hat Stückl gewusst: An diesem Sonntag wird ihm dieser Preis, der auch für eine offene Gesellschaft steht, überreicht. In der Stuttgarter Liederhalle, im Rahmen der Eröffnungsfeier zur „Woche der Brüderlichkeit“, untermalt von den Stuttgarter Philharmonikern. Gewusst hat er, dass Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, die Laudatio halten würde. Gewusst hat er sicher auch, dass ihn Moderatorin Evelyn König vor laufender Kamera im SWR Fernsehen nach ein paar persönlichen Worten fragen würde. Auf alles also war er vorbereitet. Doch als er an diesem Sonntagmittag vor den ausgewählten Gästen, darunter hochrangigen Politikern, steht. Die Haare frisch geschnitten, in Hemd und Sakko. Die Medaille in der Hand. Da lächelt er. Und ist sprachlos. „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“ Die Worte des Kardinals haben ihn tief berührt.

Am Rande der Verleihung unterhalten sich (v. l.) Kardinal Reinhard Marx. Christian Stückl und Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann.

Die beiden kennen sich, haben sich immer wieder unterhalten. Auch deshalb weiß Marx, wer diesen Preis bekommt. „Ein oberbayerischer Dickschädel.“ Ein Mann voller Neugier. Erfüllt von einer „Leidenschaft für die Geschwisterlichkeit aller Menschen“, die Marx nach eigenen Worten tief bewundert. Ein durch und durch würdiger Preisträger, wie der Erzbischof betont. Und vielleicht, vermutet er, braucht es diese Stückl’schen Eigenschaften, um zu tun, was der 59-Jährige tut: Sich ungeachtet aller Anfeindungen einzusetzen gegen Antisemitismus und Rassismus, am neuen Freundschaftsverhältnis zwischen Christen und Juden und anderen Religionen mitzuwirken, in Oberammergau, das Marx als Laboratorium für neues Denken ausgemacht hat, eine neue Brüderlichkeit zu leben. Oder, wie es unter anderem in der Preis-Begründung des Deutschen Koordinierungsrats der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (DKR) heißt: Die Passion zu reformieren, sie „mit Geduld und Ausdauer, Zug um Zug“ vom Antijudaismus zu befreien.

Stückl hat Passionsspiele Zug um Zug vom Antijudaismus befreit

Bereits seit 1990 setzt sich Stück als Spielleiter mit dem Vorwurf des Antijudaismus auseinander. Zur Aufführung im Jahr 2000 stellte er alles auf den Kopf. Er dachte die Passion neu. Nicht als Konflikt zwischen Juden und Christen, sondern als eine innerjüdische Geschichte. Jesus, sagt der Regisseur, war vom ersten bis zum letzten Tag seines Lebens Jude. Wo bitte sollte da Antijudaismus Platz haben? Nirgends. Er überprüfte jedes Detail. Ein Beispiel: die Kostüme.

Judas, der Verräter, war immer gelb gekleidet. Mit dieser Farbe aber wurden Juden Stückl zufolge über Jahrhunderte stigmatisiert. Das gelbe Kostüm musste weg. Dialoge wurden geändert. Intensiv setzte sich Stückl mit dem Glauben auseinander. Wie betet ein Jude? Wie also betet Jesus? Wie feiert er Abendmahl? „Wir haben versucht, das ganz jüdisch zu machen.“ Die Mitwirkenden lernten ein hebräisches Lied und hebräische Textpassagen. Zudem öffnete Stückl die Passion für den ganzen Ort, die Menschen in all ihrer Vielfalt. Eine Hauptrolle etwa vergab er an einen Protestanten. „Da ist der Pfarrer im Ort fast ausgeflippt“, sagt Stückl in einem SWR-Beitrag, der den Zuschauern den Preisträger und „kreativen Wirbelsturm“ vorstellen soll. Stückl ignorierte den Oberammergauer Geistlichen. Setzte durch, dass auch Muslime mitspielen durften. Wieder stieß er auf Ablehnung – Stückl hielt sie aus. Heute, sagte er, 20 Jahre später, „ist das für uns längst angekommen“. Céngiz Görür, ein junger Oberammergauer mit türkischen Wurzeln, hat er für eine Hauptrolle besetzt. Wird die Passion 2022 aufgeführt, wird mit ihm ein Muslim den Judas spielen. Ohne gelbes Gewand.

Stückl erhält Buber-Rosenzweig-Medaille: Verleihung live im Fernsehen übertragen

Ein großes Publikum, das Stückl am Sonntag gefeiert hätte, gab es nicht. Zumindest nicht live vor Ort. Vielleicht vor den Fernsehern. Denn die Preisverleihung wurde live im SWR und über ARD Alpha übertragen, zudem eine Zusammenfassung des Festakts um 23.35 Uhr im Ersten. So bekam Stückl die Aufmerksamkeit, die er für sein vielfältiges Engagement verdient. Schließlich setzt er sich in zahlreichen seiner Inszenierungen mit dem Verhältnis zwischen Religionen auseinander, bezieht Stellung gegen Ausgrenzung.

Die Buber-Rosenzweig-Medaille: 2020 hat sie Bundeskanzlerin Angela Merkel bekommen.

Diese Aufmerksamkeit aber – Stückl sucht sie nicht. Natürlich freut sich der Oberammergauer über die Medaille. Darüber, dass gesehen wird, wofür er sich einsetzt. Doch war sie nie sein Ziel. „Alles, was man tut, macht man ja nicht, um einen Preis zu bekommen.“ Ähnlich hatte er sich im November 2020 geäußert, als der Gemeinderat beschlossen hatte, ihm das Ehrenbürgerrecht zu verleihen. Genauso dachte er, als er im Juli 2020 den Abraham-Geiger-Preis bekam. Er geht an Persönlichkeiten, „die sich um den Pluralismus verdient gemacht haben und sich für Offenheit, Mut, Toleranz und Gedankenfreiheit einsetzen“. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, hob in ihrer Laudatio hervor, Stückl zeige in der Passion das „Judentum in seiner Vielfalt“, das Jüdische „ohne Vorurteile, ohne Dämonisierung, ohne antisemitische Untertöne.“

Der Abraham-Geiger-Preis, die Buber-Rosenzweig-Medaille: zwei hoch angesehene Auszeichnungen, die Stückl vor allem als eines sieht: als Mahnung. Weiterzumachen. „Gerade in der jetzigen Zeit kann so ein Preis nur ein Auftrag sein,“ sagt er im SWR-Interview. Sich weiter einzusetzen für Toleranz, Gleichberechtigung. Hinzuschauen überall dort, wo Ablehnung gegen andere Kulturen oder Religionen entsteht. Anzukämpfen gegen all die Dinge, die in der Gesellschaft wieder aufflammen. Stückl beschreibt sie mit einem Wort: „Schrecklich.“

Die Buber-Rosenzweig-Medaille

Seit 1968 vergibt der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (DKR) die Buber-Rosenzweig-Medaille an Menschen, die sich für die Verständigung zwischen Juden und Christen einsetzen. Die Auszeichnung erinnert an die jüdischen Philosophen Martin Buber (1878 bis 1965) und Franz Rosenzweig (1886 bis 1929). Zu den Preisträgern zählen der frühere Außenminister Joschka Fischer, Musiker Peter Maffay und Kanzlerin Angela Merkel.

Ursprüngliche Meldung Sonntag, 7. März, 12.50 Uhr:
Stuttgart/München - Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx hat die Bedeutung der Oberammergauer Passionsspiele für den Zusammenhalt von Juden und Christen betont. Oberammergau sei ein „Labor des christlich-jüdischen Dialogs geworden und damit ein kraftvolles Zeichen gegen Antisemitismus“, sagte der Kardinal laut Manuskript am Sonntag anlässlich der Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille an den Regisseur Christian Stückl in Stuttgart.

Lange seien bei Passionsspielen judenfeindliche Stereotype plakativ oder subtil in Szene gesetzt und von Generation zu Generation weitervermittelt worden, sagte der Erzbischof. Stückl trage dazu bei, den christlichen Glauben ohne Antijudaismus zu verkünden und zu leben. Heute werde Jesus als frommer Jude gezeigt und das Judentum in seiner Vielfalt vermittelt und „nicht mehr als überholte Vorstufe, sondern als Wurzel des Christlichen“. Ein Schauspiel wie das in Oberammergau sei ein Mittel, um Haltungen und Denkweisen von Menschen zu verändern.

Der 59-jährige Oberammergauer Stückl ist seit 1987 Spielleiter der dort alle zehn Jahre stattfindenden Passionsspiele. Die Buber-Rosenzweig-Medaille wird vom Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit verliehen und erinnert an die jüdischen Philosophen Martin Buber und Franz Rosenzweig. (aüsführlicher Bericht folgt)

dpa/lby

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