"Das Wild wird extrem gequält"

Landkreis - Es ist Notzeit - das Wild muss mühsam im Schnee nach Futter suchen. Trotzdem ist es am 15. Januar zu zwei Drückjagden gekommen. Thomas Bär von der Kreisjagdgruppe Garmisch-Partenkirchen kann sich die Aktion nur mit „grenzenlosem Hass auf die Kreatur“ erklären.

Das darf nicht wahr sein. Nicht nur Thomas Bär, sondern mittlerweile viele Mitglieder der Kreisgruppe Garmisch-Partenkirchen im Landesjagdverband, sind entsetzt und nehmen das Wort Tierquälerei in den Mund. Sie sind selbst Jäger, sprechen sich nun aber ausdrücklich gegen die „Gebirgsjagd bei Schneelage im Januar“ aus. Laut dem Ersten Vorsitzenden Bär sind am 15. Januar in zwei Revieren der Staatsforsten, einmal im Reintal direkt an einem Wintergatter und einmal bei Oberau, mehrere Jäger beobachtet worden, Jagd auf Reh- und Rotwild zu machen. Eine Drückjagd genauer gesagt, was heißt, dass sich dazu eingeladene Waidmänner, die nicht nur aus direkt aus der Gegend stammen, auf Anschusssitzen verteilen. Dann treiben Hunde das aufgescheuchte Wild direkt vor deren Gewehre.

Eine Vorgehensweise, die zwar nicht illegal, aber in der Notzeit der Tiere äußerst fragwürdig ist. „Zur Legitimierung der Jagd auf diese Wildtiere ist durch den Gesetzgeber ein vernünftiger Grund vorgeschrieben. Wenn jedoch, wie an diesem Freitag geschehen, genau zum Zeitpunkt des Wintereinbruchs und somit zu Beginn der Notzeit für das Wild eine Drück-, beziehungsweise Sammelansitzjagd bei Schneelage im Gebirge durchgeführt wird, und das in einem Gebiet, in welchem schon seit mehreren Wochen der Abschussplan übererfüllt ist, dann kann dies durch nichts anderes als grenzenlosen Hass auf das Wild und Verachtung der Kreatur sowie der Mitgeschöpflichkeit des Tieres, welche im Grundgesetz verankert ist, erklärt werden“, empört sich Bär. „Nach all den Negativschlagzeilen, welche der Staatsbetrieb in den letzten Jahren im Umgang mit Wald und Wild verursacht hat, sollte das sehr zu denken geben. Denn nicht nur das Wild wird durch permanentes Versetzen in Angst und Schrecken extrem gequält, sondern auch der Wald erleidet unweigerlich Schaden.“ Der Stoffwechsel sei im Winter auf Sparmodus eingestellt. Bei Störungen oder erneutem Jagddruck müsse dieser hochgefahren werden. Es entstehe ein wesentlich höherer Nahrungsbedarf und dies zur vegetationsärmsten Zeit. Dieses jegdliche Vorgehen schade dem Ansehen der Förster, dem der Jäger, dem Wild und dem Jungwald als Nahrungsquelle. Ein Teufelskreis. Denn derart aufgewühlt und zur Nahrungssuche gezwungen, steige der Verbiss, der wiederum, in Gutachten festgehalten, zur Festlegung der Abschussquoten führe. Außerdem wünscht Bär niemandem den Anblick eines in dieser Zeit fast vollständig ausgereiften Kalbes, das aus dem Leib der getöteten Mutter geschnitten werden muss.

„Ja freilich weiß ich von diesen Drückjagden, das ist ja mein Revier“, erklärt Meinrad Süß, Leiter des zuständigen Staatlichen Forstbetriebs Oberammergau - und sieht es locker. Teilnehmen würden fünf bis 20 Jäger. Spannend: Denn laut Auskunft des Landratsamtes sind in der Regel nur vier oder weniger Treiber dabei. „Die Drückjagden werden zwar vor Ort organisiert, mir aber gemeldet. Die einen sprechen von Tierquälerei, wir aber sagen, der Gesetzgeber regelt die Jagd.“ Und damit hat Süß in seinen Augen nichts Böses getan. Bis 15. Januar darf Rehwild, bis 31. Januar Rotwild derart bejagt werden. Danach in Einzeljagden, zumindest in Gebieten, in denen die Schonzeit aufgehoben ist, was zum Beispiel fürs Revier bei Oberau zutrifft. 20 Sanierungsgebiete, in denen die Schonzeit aufgehoben ist, gibt es im Landkreis. Am 15. Januar seien im Reintal zwei Rehe und bei Oberau zwei Rehe und fünf Stück Rotwild geschossen worden. Der Schnee sei ja nicht hoch gewesen. Der Grund für die Jagd: „Der Abschussplan ist noch nicht erfüllt“, sagt Süß.

„Ein solcher Aufwand für dieses Ergebnis? Muss das denn dein?“, hält Bär dagegen. „Dadurch wird Wildverbiss produziert, gegen das Tierschutzgesetz verstoßen und das alles zahlt dann auch noch der Steuerzahler.“

Wie das Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten auf Anfrage erklärt, obliege den Revierinhabern alleinig die Organisation und Durchführung von Drückjagden. Er brauche keine Genehmigungen, auch die Anzahl der Jagden und der Teilnehmer könne er festlegen: „Schalenwild, mit Ausnahme von Schwarzwild, darf aber nur in Rahmen eines behördlichen Abschussplanes bejagt werden - auch bei Drückjagden.“ Der Revierinhaber müsse eine Streckenliste zu führen, die von der Unteren Jagdbehörde zur Überwachung der Abschusspläne zentral erfasst wird.

Mit ihrem Protest gegen das Vorgehen der Staatsforsten ist die Kreisgruppe nicht alleine. Erst vor kurzem ist es bei Altötting zu Demonstrationen von Drückjagd-Gegnern gekommen.

(Michaela Sperer)

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