Böllerschützen im Abendrot: Ein lauter Knall läutet bei einbrechender Dunkelheit die Zeremonie ein. 
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Böllerschützen im Abendrot: Ein lauter Knall läutet bei einbrechender Dunkelheit die Zeremonie ein. 

Am Abend des 24. August brennen sie über Oberammergau

Die Ludwigsfeuer brennen – Tradition in sechs Zahlen erklärt

  • Andreas Mayr
    VonAndreas Mayr
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Der etwas andere Blick auf das beeindruckende Schauspiel hoch über Oberammergau. In sechs Zahlen erklären wir die Ludwigfeuer, die am Abend des 24. August brennen.

Oberammergau – Der Kini und die Oberammergauer, das ist noch immer eine Beziehung für sich. Jährlich, am Vorabend des 25. August, schicken sie mit ihren Bergfeuern Geburtstagsgrüße an den beliebten Monarchen König Ludwig II. Das Ludwigsfeuer – oder wie’s im Volksmund heißt: das Luggi-Fei’r – ist längst Teil dieses Dorfes und seiner Tradition geworden. In diesem Jahr, quasi zum 186. Geburtstag, hat sich das Tagblatt mit Nikolaus Krach von den Kronerern, den Feuermachern auf dem Kofel, zusammengehockt und viele Zahlen gefunden, mit denen man die Faszination für dieses Pyro-Spektakel zu fassen bekommt.

3 Mal im Jahr treffen sich die Kronerer für ihren Dienst. Selbstverständlich sehen sie sich sonst unterm Jahr, auch wenn sie keinem Verein angehören. In der ersten Runde – zwei, drei Wochen vor dem Ludwigsfeuer – präparieren sie die Büchsen, in der zweiten an Himmelfahrt schneiden sie das Holz und am 24. August bauen sie die Krone auf dem Gipfel des Kofels zusammen.

14 Kronerer gibt es lediglich. Wobei man über die Schreibweise diskutieren kann: Kronerer oder Kronara? „Da gibt’s keine offizielle Schreibform“, sagt Nikolaus Krach. Sehr wohl aber haben sie strikte Regeln. Nur Oberammergauer dürfen mitmachen. Früher hat man in den Familien das Amt vom Vater zum Sohn weitergereicht. Wer keinen Buam daheim hatte, suchte sich Ersatz – den allerdings die Gruppe auswählte. „Es muss jemand aufhören, damit einer dazukommt“, erklärt der 38-Jährige, der selbst einer der Nachberufenen ist. Was das Alter betrifft, haben sie derzeit eine gute Mischung an Männern zwischen 21 und 45. 18 Jahre, das ist eine Versicherungssache, sollte man mindestens sein. Manche steigen aber schon mit 15 hinauf, müssen dafür heim, bevor es dunkel wird.

Kraftakt: Georg Hochenleitner (Korl) beim Hinauftragen von einer der 16 Stangen für die Krone.

16 Stangen Holz benötigt man für die Feuerkrone, die das Ammertal neben weiteren Stellen am Laber, Rappenkopf, Aufacker, im Wiesmahd sowie der Kofel-Wand erleuchten. An Himmelfahrt ziehen die Kronerer um 8 Uhr morgens zum Gipfel aus und suchen im Wald nach geeigneten Bäumen. „Wir schauen, dass wir kaputte Bäume nehmen“, sagt Nikolaus Krach, Hausname „Muasamilla“. Je leichter das Holz, desto besser ist es natürlich. Denn das Schleppen ist ja schon anstrengend genug. An die Säge lassen sie nur erfahrene Männer, die regelmäßig im Wald arbeiten. „Da sind keine Laien am Werk.“ Etwa fünf Ster Holz, oft sind es Käfer-Fichten, kommen zusammen. Einen halben Tag brauchen sie für die Arbeit, die sich jedes Jahr aufs Neue wiederholt. Ein zweites Mal kann man die 16 Stangen nicht verwenden, da sie am Festabend zur Hälfte durchbrennen.


110 Büchsen nageln sie an das Holzgestell, das abends zur leuchtenden Krone mutiert. Früher baten sie die Wirte in den Oberammergauer Gaststätten, alte Dosen zu sammeln. Doch weil das nicht die appetitlichste Art war und so manche Büchse nicht mehr roch, wie sie riechen sollte, begann die Gemeinde, leere und vor allem unbenutzte Dosen anzuschaffen. In Abständen von vier, fünf Jahren kauft sie nun zwei Paletten-Ladungen Blechbüchsen, Füllmenge an die zwei Liter. In die Konserven schneiden die Kronerer halbmondförmige Löcher, damit die Feuerzungen bis ins Tal zu sehen sind. Anhand des Originalplans wissen die Feuermacher, wo am Gestänge eine Büchse zu landen hat. „Wenn du wild drauf los nagelst, geht das nicht auf“, betont der Kracherl, wie seine Spezl und Bekannten sagen.

1342 Meter über dem Meer strahlt die Krone vom Gipfel des Kofel aus (direkt unterhalb des Gipfelkreuzes) in Richtung Pfarrkirche. Wobei sie selbst in Oberammergau nicht jeder sehen kann. Daheim am Rainenbichl, erzählt Nikolaus Krach, bekomme man nichts mit. „Im Ort aber siehst sie überall.“ Bei schönem Wetter leuchtet sie sogar bis Unterammergau. An der Größe liegt’s. Zwölf Meter in der Höhe und acht in der Breite misst die Holzkonstruktion, die die Kronerer am morgigen Dienstag zusammenbauen. Stefan Maier, der Capo mit Hausname Soila, schafft an, gibt die Maße vor. Als gelernter Zimmerer ist er prädestiniert für die Chefrolle.

1956 brannte zum ersten Mal eine Lichterkrone auf dem Kofel. Seitdem folgen die Kronerer den ritualisierten Abläufen. Sobald es „knallfinster“ ist, irgendwann zwischen 21 und 21.30 Uhr, warten sie auf die Böllerschüsse – das Zeichen zum Zünden. „Wenn der Kofel anzündet, zünden die anderen an. Keiner fängt einfach an“, betont Krach. Die Kronerer verteilen sich mit ihren Fackeln zwischen den Holzstreben, jeder hat seinen Platz. Das ist ein Akt zwischen Balance und Muskelkraft, denn direkt danach hieven sie die Feuerkrone in die Höhe, platzieren links und rechts zwei Schubstangen und hängen sie an ein Stahlseil. „Der gefährlichste Moment“, wie der 38-Jährige erklärt. Lässt einer aus, könnte Petroleum heraus tropfen, was glücklicherweise sehr, sehr selten passiert. Zur Sicherheit tragen die Feuermacher Jeans, einen großen Hut sowie einen Janker aus Schafsfell, weil das nicht brennt. Krach sagt: „Da mag keiner verletzt oder entstellt heimkommen.“ Was danach passiert, ist Stoff für andere Geschichten. Nur so viel: Manche sehen am Morgen wieder die Sonne leuchten.

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