eine brennende Krone
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Die Krone brennt: Auf diesen Moment haben die jungen Männer hingearbeitet.

Eine Ehre, dabei zu sein

Im Schutz des Schafwolljankers: Kronerer entzünden König-Ludwig-Feuer - Corona verhindert Wirtshaustreiben

Bei vielen Oberammergauern sind sie rot im Kalender markiert: die Ludwigsfeuer. Immer am Vortag des Monarchen-Geburtstags sind sie zu bestaunen. Für die Feuermacher sind sie mehr als nur Arbeit.

Oberammergau – Er lächelt, fast unentwegt, als er am Abend vor dem Ludwigsfeuer auf der heimischen Terrasse sitzt. „Man wird da so reingeboren“, sagt Elias Feldmeier. Er ist mit seinen 21 Jahren der jüngste Kronerer, sein Onkel mit 45 Jahren der Älteste. Auch sein Vater und Opa zählten einst zu den Männern, den Feuermachern, die jedes Jahr am Vortag des Geburtstages von König Ludwig II. auf dem Kofel eine Krone errichten und zum Leuchten bringen. Am Dienstag brannte diese wieder am Hausberg der Oberammergauer.

Noch immer habe im Brauchtum der Kronerer der Hausname einen hohen Stellenwert, betont Feldmeier, Hausname Seitz. Söhne und Neffen treten meist die Nachfolge der Väter und Onkel an. Klingt nach einer unumgänglichen Verpflichtung für den Nachwuchs – so ist es aber nicht, so fühlt es sich nicht an. Für den jüngsten Kronerer scheint es eine Leidenschaft, eine Ehre zu sein. Wenn der Oberammergauer darüber spricht, lächelt er aufrichtig. Das „Luggifeuer“ sei einer der höchsten Feiertage im Jahr.

Grünzeug auf dem Rücken: Elias Feldmeier (r.) und Michael Kessner transportieren Daxen für das Rauchfeuer. 

Schon als Kind trieb es Feldmeier zur Kaffee-Zeit hinauf zu den Kronerern. Normalerweise kann man erst volljährig Kronerer werden, aus Versicherungsgründen. Es sei denn, ein Familienmitglied ist Teil der Gruppe, dann kann man schon zwei Jahre früher zur Fackel greifen. So war’s bei Feldmeier. Mit 16 schlüpfte er in den Schafwolljanker. Hut auf den Kopf, rauf auf den Kofel. Eine Garderobe mit Sinn und Zweck. Während künstliche Materialien leicht Feuer fangen oder bei hohen Temperaturen schmelzen, ist Schafwolle schwer entflammbar. Völlig windstill ist es am Kofel schließlich selten. Auch Regen kann Feuer flackern lassen. Vor zwei Jahren brannten die 110 Büchsen der Krone nur kurz. Normalerweise kann das Feuer bis zu eineinhalb Stunden lodern. „Wenn wir runterkommen, gehen in der Regel die ersten Büchsen aus“, sagt Feldmeier.

Wetter wird zur Nebensache

Der Tag, der Abend des Ludwigsfeuers. Dämmerung. Böllerschüsse. Ein trüber Schleier wandert über die Berge, bleibt immer wieder hängen. Gegen 20.30 Uhr bläst die Musikkapelle am Kofelflecken „Die Himmel rühmen“. Dunkelheit bricht über das Tal herein. Dort wartet man lange darauf, dass die Krone an Lichtgestalt gewinnt und es auch auf den umliegenden Bergen leuchtet.

Die Kronerer am Kofel: (v.l.) Nikolaus Krach, Roman Papistock, Stefan Drewing, Georg Hochenleitner, Elias Feldmeier, Christof Stöger, Stefan Maier, Thomas Müller, Ludwig Köpf, Florian Horak, Tobias Papistock, Stephan Bierling und Michael Kessner. 

An der Ammer nahe dem Hotel Sonnenhof füllt sich die Brücke mit Beobachtern, einige Meter davon entfernt wartet eine Familie bereits seit 19 Uhr auf die Lichter. Der Sohn wird unruhig. Er setzt sich auf eine regennasse Bank. Kleine Tropfen prasseln immer wieder hernieder. Es ist unangenehm kalt.

Auf den Bänken am Wasser sucht man nach Gemütlichkeit. Hier soll eine umgedrehte Picknickdecke für Wärme sorgen und Regen von den Beinkleidern abhalten, dort versteckt man sich unter Regenschirmen. Dann zerbersten bunte Lichter am Kofel. Nahe dem Gipfel, der immer wieder von Wolken ummantelt wird, sind kleine Funken zu sehen. Abermals ertönt „Die Himmel rühmen“. Dann plötzlich steht das Gestell – und alles geht ganz schnell. Am Kofelflecken folgt das brennende Kreuz, auf den umliegenden Bergen gesellt sich weiteres Leuchten dazu. Das Kind, das seit rund zwei Stunden auf die Bekrönung wartet, wird belohnt. „Mama, ist es das? Wow!“, ruft es und springt von der Bank auf. Die Hose ist regennass – egal.

Jeder Schlag sitzt: Elias Feldmeier (l.) und Christof Stöger nageln die Fichtenstangen für das Gestell zusammen. 

Sogar Heiratsanträge gab es schon

Als die Krone endlich im verdunkelten Tal zu sehen ist, sind die Kronerer bereits einige Stunden oben am Kofel. Morgens geht es rauf, bis Mittag muss das Grundgestell fertig sein. Brotzeit. Nachmittags gibt’s Kaffee. Dann sieht man schon mal Frauen in der Männerrunde. Dort oben, auf über 1300 Metern, an diesem besonderen Tag, „gab es schon ein paar Heiratsanträge“, erzählt Feldmeier am Tag vorm Luggifeuer und schmunzelt dabei. 14 Männer nehmen sich der Krone am Kofel an. Niemand steht rum, alle packen an, jeder will dabei sein. Ein Fehlen kommt nur bei Krankheit oder einem unumgänglichen Arbeitseinsatz in Frage. 14 Mann braucht es aber auch. „Man hängt schon gut dortn, eigentlich dürften es nicht weniger sein“, sagt Feldmeier tags zuvor, wenn er an das Aufrichten der Krone denkt. Sind die 110 Büchsen angezündet, muss die geneigte schwere Krone, zusammengebaut aus Fichtenholzstangen, unterhalb des Gipfels nämlich noch in die Vertikale gebracht werden.

Wo brennt’s am längsten, wo erlischt das Feuer als erstes? Fragen, die den normalen Zuschauer vielleicht nicht berühren. Die Feuermacher auf den Bergen aber durchaus, wie Feldmeier grinsend verrät. Deutlich länger als vor zwei Jahren ist die Krone am Kofel heuer zu sehen. Der 21-Jährige dürfte zufrieden sein. Kehren die Feuermacher ins Tal zurück, bleibt das Wirtshaustreiben aus – wegen der Corona-Pandemie. Feldmeier wird aber sicher noch auf den Beinen bleiben und bei seinem Opa vorbeischauen, der an diesem besonderen Tag und Feiertag 90 Jahre alt wird. Wenn der 21-Jährige einige Jahre vorausdenkt und darüber sinniert, ob er auch noch in ein paar Jahrzehnten den Kofel hinaufsteigen und im Dunklen der späten Stunde wieder den Weg nach unten suchen wird, kann er freilich keine gewisse Antwort darauf geben. Aber „schee wär’s“.

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