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Ein Ausnahmekünstler: Hyazinth Reiner hat um 1830 die Krippe der Familie Lang aus Oberammergau geschnitzt

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Von: Tanja Brinkmann

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Eine Weihnachtskrippe in einem Schrank.
Ein Gesamtkunstwerk: die Krippe von Hyazinth Reiner, die seit 1968 fest in diesem Schrank untergebracht ist. © Dominik Bartl

Hereinspaziert in die gute Stube: Menschen aus dem Landkreis öffnen in der neuen Tagblatt-Serie ihre Türen, zeigen ihre Krippe und erzählen die Geschichte hinter dem besonderen Schatz. Dieses Mal verrät Florian Lang aus Oberammergau, was das Kunstwerk von Hyazinth Reiner für seine Familie bedeutet.

Oberammergau – Sie erzählt mehr als nur eine Geschichte. Hyazinth Reiner hat sich nicht allein auf Jesu’ Geburt konzentriert. In seiner Krippe findet sich auch Marias und Josefs Flucht nach Ägypten, die Kreuzigung des Gottessohns sowie dessen Grablegung wieder. Ursprünglich stand dieses „wahnsinnig fein geschnitzte“ Werk im Klepperhaus“, sagt Florian Lang. Als Hauskrippe, wie sie früher eigentlich jeder Schnitzer hatte. Der Inhaber von Lang selig Erben, dem ältesten noch bestehenden Handelshaus samt Werkstatt für Holzschnitzereien in Oberammergau, vermutet, dass Johann Evangelist Lang, der Sohn des Firmengründers, diese um 1830 bei Reiner in Auftrag gegeben hat. Eine perfekte Wahl, nachdem der Künstler in die Klepper-Familie, so der Hausname der Langs, eingeheiratet hatte. „Zu seiner Zeit war er einer der richtig guten Bildhauer“, betont der 63-Jährige. Einer, der sich durch seine Charakterköpfe mit den hohen Wangenknochen abhob.

Krippe war beim Hausbrand glücklicherweise im Museum ausgestellt

Beim Brand, der 1965 den alten Familiensitz vernichtete, stand die Krippe im Museum – als Leihgabe. Ein Glück, findet Lang. Sein Vater Richard brachte das Kunstwerk dann an der Dorfstraße unter. In einem Schrank eingebaut, geschützt hinter Glasfenstern, steht sie seit 1968 an ihrem neuen Platz. „Als Zehnjähriger durfte ich die Krippe mit meinem Vater aufbauen, das war etwas ganz Besonderes.“ Nicht allein deshalb bedeutet ihm gerade diese Krippe sehr viel. Mit Wurzeln und kleinen Felsbrocken haben sie auf etwa zwei Metern Breite eine Landschaft mit Höhen und Tiefen geschaffen, die perfekt zu den 32 Figuren passt, die Reiner aus Linde geschnitzt und dann mit Schellack gefasst hat. Ein Wolf, der gerade ein Lamm gerissen hat, ist darunter. Und Engel mit Federbusch-geschmückten Helmen, die auf die Tradition des Passionsspiels verweisen. Hier schützen sie die Krippe, in dem Gelübdespiel traten früher die Chorsänger derart gewandet auf.

Ein Mann zeigt ein historisches Foto.
Ein altes Foto erinnert Florian Lang ans Klepperhaus, in dem die Familienkrippe ursprünglich stand. © Dominik Bartl

Nicht alle Figuren, die jetzt bei den Langs aufgestellt sind, stammen von Reiner. Den Josef beispielsweise, der neben Maria liebevoll das Jesuskind betrachtet, hat Langs Vater ergänzt. Das Original war verschwunden. Bei genauer Betrachtung erkennt man, dass er Reiners ganz speziellen Stil nicht hundertprozentig getroffen hat. Auch der ursprüngliche Josef, der die Gottesmutter auf der Flucht nach Ägypten begleitet, ist verschollen. An seiner Stelle befindet sich nun eine Figur aus der Tiroler Schnitzerfamilie Probst. Die Schafe – insgesamt gibt es 66 Tiere in der Krippe – hat Guido Postinger Ende der 1940er Jahre ergänzt. Dieser begnadete Schnitzer arbeitete in der Werkstatt von Lang selig Erben und inspirierte viele, wie Sebastian Pfeffer aus Mittenwald, durch seine ausdrucksstarken Tierszenen. „Die jungen Schnitzer haben ihn bewundert“, weiß Lang. Postingers besondere Gabe war es, die Vierbeiner so darzustellen, dass sie lebendig wirken. Der Betrachter meint fast, dass die Schafe vor dem Stall sich das saftige Gras schmecken lassen und herumspringen, was den selig schlafenden Hirten wenig stört.

Viele Werke von Hyazinth Reiner stehen im Oberammergau Museum

Hyazinth Reiner (1790 bis 1852) war ein Ausnahmekünstler. Davon zeugen auch die Exponate, die im Oberammergau Museum stehen. Adam und Eva aus Obstholz, ein Taschenuhrständer, ein orientalischer Pferdeknecht mit einem Hengst, Zar Nikolaus I. zu Pferd und eine Ölberggruppe sind nur einige davon. Auch die Türen, die auf Florian Langs Betreiben seit 2015 wieder den Eingang des Firmensitzes schmücken, zählen dazu.

1838 hatte Johann Evangelist Lang diese anfertigen lassen. Einem alten Abrechnungsbuch ist zu entnehmen, dass Reiner dafür mit 25 Gulden entlohnt wurde. „Dem Eintretenden sagten schon die prachtvolle geschnitzte Tür mit Handelsemblemen, der gewölbte Gang, die breite Treppe, dass er sich in einem ansehnlichen Bürgerhaus befinde“, beschrieb der berühmte bayerische Dichter Ludwig Thoma in seinen Erinnerungen das Anwesen, das Thomas Onkel gehörte und sein Geburtshaus ist.

Eine enorme Vielfalt zeichnet Reiners Werk aus. Seinen Schwerpunkt legte er aber auf „feine und feinst ausgeführte schnitzerein“ heißt es in den bayerischen Schriften zur Volkskunde, die sich mit dem Oberammergauer Handwerk befassen. „Mit ,ordinärer‘ Ware gab er sich nicht ab.“ Dass diese Aussage stimmt, zeigt auch die eindrucksvolle Hauskrippe der Langs.

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