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Volkstheater

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Gottschalk von der Passion "im Innersten berührt"

Oberammergau - Erwartet hatte er "biederes Volkstheater", geworden ist es für ihn eine eindrucksvolle Darstellung: Beim Besuch der Passionsaufführung hat sich Entertainer Thomas Gottschalk selbst nicht wiedererkannt.

Er gehört zu den bekanntesten Köpfen Deutschlands, gilt als ungekrönter König der soften Fernseh-Unterhaltung. Flotte, kesse Sprüche sind bei Thomas Gottschalk, Moderator von „Wetten, dass...?“ seit 1987, an der Tagesordnung. Ernsthafte, seriöse Beiträge hört man eher selten von ihm. Umso mehr Bedeutung muss man da einem Erlebnisbericht des Entertainers beimessen, der im Online-Auftritt der Frankfurter Allgemeinen (FAZ) erschien. Darin beschäftigt sich Gottschalk ausführlich mit seinem Besuch bei den Oberammergauer Passionsspielen.

Mit Lob werden die Mitwirkenden und die Spielleitung von Besuchern oft regelrecht überschüttet. Auch der neue Bundespräsident Christian Wulff schwärmte: „Man muss einmal im Leben die Passionsspiele gesehen haben.“ Einen ähnlich tiefen Eindruck hinterließ die Inszenierung offenbar bei Thomas Gottschalk. Als er von einem guten Freund zwei Karten für Oberammergau geschenkt bekommen hatte („ . . . vor dem Hintergrund, dass ich meinen Blick langsam ins Jenseits lenken sollte?“), richtete sich der TV-Star nach eigenen Worten „doch eher auf biederes Volkstheater mit entsprechend touristischer Vermarktung ein, doch bald erkannte ich mich selbst nicht wieder“.

Wörtlich schreibt Gottschalk in der FAZ: „Wer kein hartgesottener Gottesleugner ist, der ist in Oberammergau spätestens zur Pause bereit, sein Glaubensbekenntnis zu erneuern.“ Besonders angetan haben es dem TV-Mann Judas („Nicht der feige Verräter, sondern ein Enttäuschter, dem Befreiung versprochen wurde“) und Jesus, dieses Mal von Andreas Richter gespielt. Ihn sieht das „Wetten-dass...?“-Urgestein eher als jüdischen Erneuerer denn als christlichen Religionsstifter. Er (Richter) sehe aus wie der Sänger von Nickelback mit einem Hauch Richard Branson. Wörtlich beschreibt er ihn so: „Obwohl er das Charisma eines Rockstars oder Milliardenunternehmers hat, liegt eine eigenartige Bescheidenheit über seinem Auftritt. Man bezweifelt als Zuschauer, dass der Mann jemals etwas anderes war als Jesus.“

Mit „einem etwas mulmigen Gefühl“ blickte Thomas Gottschalk der Kreuzigungsszene entgegen. Darstellungen über Sterben und Tod seien für modernes Regietheater kein Problem, „aber drei Männer auf offener Bühne den Kreuzestod sterben zu lassen, ist eine gewaltige Herausforderung zwischen Kitsch und Pathos“. Oberammergau habe dies so hinbekommen, dass man kein amerikanischer Naiv-Katholik sein müsse, um von diesen Bildern im Innersten berührt zu werden.

Seinen FAZ-Artikel schließt der Moderator mit dem Satz: „Ich wünschte mir nur, dass die anderen Hilfstruppen des lieben Gottes ihre Sache ebenso gut vertreten würden wie seine Kinder aus Oberammergau . . .“

Ludwig Hutter

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