Groll gegen Petrus ist unbegründet

Oberammergau - Eine These hält sich hartnäckig im Ammertal: Ein Passionsjahr ist gleichbedeutend mit einem schlechten Sommer. Dagegen erhebt jetzt ein langjähriger Wetterbeobachter Einspruch.

Die Vulkan-Aktivitäten? Zeichen für den allgemeinen Klimawandel? Irgendetwas muss doch schuld sein an dem anhaltend schlechten Wetter. Während man andernorts heftig über diese Frage grübelt, steht für viele Bürger des Ammertals fest, dass es nur eine Ursache gibt für die verregneten Wochen im Mai und Juni - die Passionsspiele. Denn immer, so die weit verbreitete These, wenn die Oberammergauer die Leidensgeschichte Jesu aufführen, sei dies gleichbedeutend mit einem schlechten Sommer. Tatsächlich?

Einer, der es wissen muss, widerlegt jetzt dieses Vorurteil: Manfred Kronier, seit 33 Jahren Wetterbeobachter auf der Wetterwarte am Hohenpeißenberg, hat nämlich anhand eigener Nachforschungen herausgefunden, dass es in den sogenannten Passionsjahren gute, schlechte und durchwachsene Sommer gegeben habe, schön verteilt. Der 62-Jährige, der bei Führungen in der Wetterwarte auch immer wieder mal auf den Zusammenhang mit der Passion angesprochen wird: „Wir besitzen seit Juni 1950 handschriftliche Aufzeichnungen über die Witterung, anhand derer man schnell einen Überblick über einzelne Jahresabschnitte gewinnen kann. Auf die 10-er Jahre ausgerichtet, wo ja Passionsspiele in Oberammergau stattfinden, lässt sich insgesamt keine Tendenz erkennen.“

Kronier vermutet, dass sich die These von schlechten Sommern in Passionsjahren deswegen weiter hartnäckig hält, „weil wohl schlechte Witterungsabschnitte eher im Gedächtnis der Menschen haften bleiben.“ Indes bestätigt der Experte, dass sich der Mai 2010 alles andere als ein Wonnemonat präsentiert hat: „Heuer war in der Region der sonnenärmste Mai seit Beginn der Statistik im Jahr 1937.“ Nur 97,2 Stunden schien die Sonne, normal sind im Schnitt 188 Stunden. Bis zum 20. Mai lag die Zahl gar erst bei 33,5 Stunden. Ähnlich trist stellt sich bislang der Juni dar: In den vergangenen acht Tagen konnte man hierzulande gerade einmal 1,7 Stunden lang Licht und Wärme genießen. Mancher wünschte sich da wohl nach Russland - Kronier: „Dort war der Mai super-schön“.

Und wie wird er nun tatsächlich, der Passionssommer? Manfred Kronier lässt sich dazu keine Aussage entlocken: „Ich bin kein Meteorologe, sondern von berufswegen Wetterbeobachter. Man kann keine seriöse Voraussage treffen.“ Im Sinne der Oberammergauer, der vielen Mitwirkenden und der Zuschauer hofft der gebürtige Weilheimer natürlich „auf laue Sommerabende und möglichst wenig Regen, denn davon haben wir im Mai und Juni schon genug gehabt.“

Zumindest für die nächsten Tage ist schon mal Entwarnung in Sachen Niederschläge angesagt. Laut Kronier soll es ab Mittwoch „schöner und wärmer werden“, und auch für die nächsten zehn Tage, so weiß er von seinen Kollegen, „schaut’s eigentlich gar nicht so schlecht aus“. Das werden vor allem die Darsteller der Passion gerne hören, denn barfuß in dünnen Sandalen auf dem kalten Betonboden der Bühne zu stehen, und das bei Temperaturen im einstelligen Plus-Bereich, das macht auf Dauer keinen Spaß. Die Liste der Krankmeldungen ist ohnehin schon lang genug!

Ludwig Hutter

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