Ein Schmuckstück aus alten Tagen: Thomas Steidle zeigt eine Aufnahme des Gritschenederhauses von früher, damals gehörte zum Erscheinungsbild noch eine Art Loggia.
+
Ein Schmuckstück aus alten Tagen: Thomas Steidle zeigt eine Aufnahme des Gritschenederhauses von früher, damals gehörte zum Erscheinungsbild noch eine Art Loggia. 

Vertrag mit Gemeinde unterzeichnet

„Müssen liefern“: Verein macht Konzept für Gritschenederhaus - Anwesen und Kurpark als Begegnungsstätte geplant

  • Manuela Schauer
    VonManuela Schauer
    schließen

Die Geschichte des Oberammergauer Gritschenederhauses geht weiter: Ein Verein möchte das Anwesen an der Tiroler Gasse in ein Zuhause für Kulturschaffende und -liebhaber verwandeln. Ein Jahr hat er nun Zeit, ein tragfähiges Konzept zu entwickeln.

Oberammergau – Ernst M. Bierling malt es sich schon aus: Wie er einmal als Senior mit seinem Rollator an einem lauen Sommerabend in den Alten Kurpark von Oberammergau spaziert, sich dort auf eine Bank setzt und der Musik lauscht, die aus dem Gritschenederhaus dringt. Umgeben von vielen anderen Menschen, ob jung oder alt. Ob Spießer, Hippie oder Lederhosenliebhaber. Er stellt sich vor, wie er sich zufrieden zurücklehnt und denkt: „Wir haben damals alles richtig gemacht.“

In kurzer Hose, T-Shirt und Sandalen steht der „Kegala“, so nennt man ihn im Ort, im Hier und Heute vor dem Anwesen an der Tiroler Gasse 11, für das er und seine Mitstreiter sich seit Jahrzehnten einsetzen. Es stets mit Leben erfüllen wollen. Jetzt ist der erste Schritt bei einem neuen Anlauf gemacht: Vergangene Woche hat der 2019 gegründete Verein „Kulturhaus Hotel Kovèl“, zu dessen elf Gründungsmitgliedern Bierling gehört, einen Ein-Jahres-Mietvertrag mit der Gemeinde, der Eigentümerin, unterschrieben.

Sponsoren und Mitglieder akquirieren

In nicht-öffentlicher Sitzung hatten sich die Ortspolitiker zuletzt dazu entschlossen, diese Vereinbarung zu treffen, nachdem die CSU, speziell Fraktionssprecher Simon Fischer, einen entsprechenden Antrag ins Gremium eingebracht hatte. „Sogar ein Gelber stimmte dafür“, sagt Bierling. „Die haben unser Engagement bislang kleingehäckselt.“ Was soll’s, abgehakt. Der 53-Jährige möchte nicht in Vergangenem rumbohren, sich lieber auf die Zukunft konzentrieren. Eine, die vollen Einsatz erfordert.

Einen Schritt weiter: (v.l.) Ernst M. Bierling, Andreas Rödl, Carla Schauer, Thomas Steidle und Andreas Ther nach der Vertragsunterzeichnung.

Der Vertrag ist keiner, der die Nutzung des Gritschenederhauses beschreibt. Während der Laufzeit soll ein langfristiges und förderfähiges Konzept reifen, was mit und in dem Gebäude passiert. Gleichzeitig versucht der Verein, Mitglieder und Sponsoren zu akquirieren. Um anfallende Kosten bestreiten zu können. „Wir müssen liefern“, verdeutlicht Thomas Steidle, neben Bierling eine weitere treibende Kraft. Auch nach Helfern, die handwerklich anpacken können und wollen, schaut sich der Verein um. „Langsam“, sagt der Holzbildhauer, „kommt alles ins Rollen.“

Kleinkunstbühne, Umweltbüro, Probenräume und mehr

Allerhöchste Zeit, finden die beiden Männer. Bierling, von Beruf Goldschmied, ist bestens vertraut mit der bewegten Historie des Hauses, die gerne für politische Diskussionen sorgte. Sowohl Sanierung als auch Abriss und Verkauf standen bereits im Raum. Doch die Geschichte reicht weiter zurück: Anfang 1900 nutzte das Anwesen der Münchner Josef Anton Heinrich Ruederer. Der im Vergleich zu Ludwig Thoma wenig bekannte Schriftsteller versammelte bis zu seinem Tod im Jahr 1915 dort einen illustren Kreis an Menschen um sich. Später stellte die Ehefrau seinen Nachlass aus, ehe der Polsterer Gritscheneder einzog. Steidle deutet auf ein Schwarz-Weiß-Bild von früher. Es zeigt Menschen, die im Kurpark weilen und ihren Blick in Richtung der Art Loggia, dem überbauten, offenen Balkon, richteten. Musiker traten dort beispielsweise auf. Der Alte Kurpark samt dem Gebäude – „das war eine richtige Begegnungsstätte, vor allem für Einheimische“, sagt Bierling. „So wollen wir es wieder.“ Und zwar „als sinnige Sache“ in Verbindung mit dem Kindergarten und der Schule in direkter Nachbarschaft.

Heute ist die Gebäudeseite zwar zugemauert, doch der Traum, das damalige Erscheinungsbild mit dem offenen Balkon wieder herzustellen, spukt in den Köpfen herum. Wie auch die Pläne für die Immobilie. Das Konzept soll Veranstaltungen wie Lesungen, Theater oder Kabarett beinhalten. Ebenso Konzerte, Ausstellungen und Workshops. Probenräume und Werkstätten sowie „Multifunktionsgeschichten“ sind im Anwesen vorgesehen. „Junge Leute sollen die Möglichkeit haben, sich vor kleinem Publikum zu präsentieren“, sagt Steidle über die Kleinkunstbühne. Auch ein Umweltbüro im unteren Bereich für Aktionen mit Kindern peilen die Initiatoren an. Draußen wären Gartenfeste oder ein Holzbildhauer-Symposion nach Bad Bayersoier Vorbild denkbar.

Im Wandel der Zeit: Den offenen Balkon von früher gibt es heute nicht mehr. Die Gebäudeseite wurde zugemauert. 

Zum Nullkostentarif gibt’s das alles freilich nicht. Mit Investitionen in Höhe von rund 300 000 Euro rechnet Bierling. Viel Eigenleistung einkalkuliert. Fühler zu Martin Kriner, dem Verantwortlichen im Landkreis für Leader-Gelder, haben der 53-Jährige und Co. bereits ausgestreckt. Ein Zuschuss bei einer langfristigen Nutzung – nicht ausgeschlossen.

Sperrstunde im Vertrag geregelt

Stets diente das Anwesen in der Vergangenheit kulturellen Zwecken. Zum Beispiel hatte der Förderkreis Museum und Pilatushaus das Haus 2007 von der Gemeinde gemietet und dort entsprechende Veranstaltungen abgewickelt. Später, 2015, rief das Kofelgschroa das Hotel Kovèl ins Leben, was Probenräume für die Gruppe selbst und andere Musiker beherbergte. Doch als sich die Band zurückzog, begannen die Probleme. Zu wilde Feiern folgten. Beschwerden wegen der Lautstärke trudelten bei der Gemeinde ein. „Das ist dann alles ausgeufert und zu anarchisch geworden“, sagt Steidle, der in Oberammergau bereits Filmtage organisierte. Die Folge: Die Gemeinde sperrte das Haus zu.

Der beschädigte Ruf von damals soll verschwinden. „Wir wollen den Untergrund-Charakter loswerden“, sagt der 64-Jährige. So sieht es der Vertrag sogar vor. Um 22 Uhr ist Sperrstunde. Der Holzschnitzer bezeichnet diese Regelung als „Wermutstropfen“. Bei Konzerten sei das zu früh. Nachverhandeln wollte man vor der Unterzeichnung des Kontrakts. Das Ergebnis fasst Bürgermeister Andreas Rödl (CSU) zusammen: An drei Abenden im Jahr darf länger etwas los sein, wenn dies beim Ordnungsamt angemeldet wurde. Der Rathauschef begrüßt, dass die Ortspolitiker dem Gritschenederhaus eine Chance geben. Dem Verein eine Chance geben. „Man muss bürgerliches Engagement fördern“, sagt er. Außerdem verfolge die Kommune keine eigenen Pläne mit dem Gebäude. Bierling drückt die Situation etwas anders aus: „Die Gemeinde hat kein Pulver, aber einen guten Willen.“ In einem Jahr soll das Konzept den politischen Mandatsträgern präsentiert werden – und dies der Anfang einer langen lebhaften Zukunft sein.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare