Abschied nehmen heißt es für Axel Schilcher von seinem Heimgarten-Kino. Der erste 35-Millimeter-Projektor seines Opas hat er aufgehoben – er war bis 2013 noch im Einsatz. 
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Abschied nehmen heißt es für Axel Schilcher von seinem Heimgarten-Kino. Der erste 35-Millimeter-Projektor seines Opas hat er aufgehoben – er war bis 2013 noch im Einsatz. 

Lichtspielhaus 1952 von Großvater eröffnet

Das Ende einer Ära: Kult-Kino schließt - keine Wiedereröffnung nach Corona-Pause

  • Josef Hornsteiner
    VonJosef Hornsteiner
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Der Schritt bedeutet das Ende einer Ära: Das Heimgartenkino in Oberammergau macht dicht.

  • Das Heimgartenkino in Oberammergau macht dicht.
  • „Titanic“ war der erfolgreichste Streifen, es liefen aber auch Nischenfilme.
  • Künftig soll der Raum als Veranstaltungssaal dienen.

Oberammergau – Es hallt ein Pfiff durch den Saal. Dann noch einer. Ein Grummeln geht durch die Reihen. Der Film auf der Leinwand ist langsam dunkler geworden. Kaum noch ist Yves Montand zu erkennen, der einen Lastwagen voll mit Nitroglyzerin über unwegsames Gelände fahren muss, um schwere Brände im südamerikanischen Urwald zu stoppen. Hermann Schilcher springt sofort zu dem Projektor, um den glühenden Kohlestab nachzujustieren. Schon wird das Bild vorne wieder heller. Die 273 Gäste im Saal können das französische Filmmeisterwerk „Lohn der Angst“ weiter anschauen. Ein ganz normaler Kinoabend im Jahr 1952 in Oberammergau.

Oberammergau: Nach langer Corona-Pause - Heimgarten-Kino wird nicht mehr eröffnen

Axel Schilcher muss lachen, denkt er an die schweißtreibende Arbeit seines Opas zurück. Der Betreiber des Heimgarten-Kinos, dem letzten in Oberammergau, ist mit dem Kino aufgewachsen. Er ist Jahrgang 1973 und hat fast alle einschneidenden Epochen der Lichtspielhäuser miterlebt. Als in den 1980er-Jahren die VHS-Rekorder Einzug in die Haushalte hielten und zum Jahrtausendwechsel das Internet zunehmend die Welt eroberte.

Seinen letzten Film zeigte er im März vergangenen Jahres, bevor er coronabedingt das Kino schließen musste. Nun verabschiedet er sich komplett aus der Filmbranche. Das Heimgarten-Kino wird nicht mehr als solches wiedereröffnen. Schilcher arbeitet bereits seit längerem in Vollzeit bei der Firma „Minus 80“, die mit Trockeneis Oberflächen bestrahlt. Doch wird ihn die Faszination Kino nie mehr los lassen, die er von seinem Opa geerbt hat.

Heimgarten-Kino in Oberammergau: Lichtspielhaus eröffnet 1952 - und wird Kult

Dieser hat am 27. Juni 1952 das Lichtspielhaus eröffnet. Damals gab es noch keinen Computer, bei dem mit einem Klick der Film läuft. Es war noch schweißtreibende Arbeit nötig. Alle fünf Minuten musste Hermann Schilcher am Projektor die Kohlestäbe drehen, die für Licht und damit für die Film-Projektion auf die Leinwand sorgten. Nur eine kurze Unachtsamkeit hat gereicht, und der Film wurde dunkel, die Gäste murrten. Hat er den glimmenden Stab zu fest gedreht, ist das 35 Millimeter dicke Filmband nach einem Funkenflug geschmolzen.

Nicht nur das: Da auf eine Rolle nur 20 Minuten Film passten, wechselte Schilcher notgedrungen bei einem abendfüllenden Blockbuster bis zu 24 Mal die Rolle. Sie musste zudem verklebt und rechtzeitig wieder aufgehängt werden. „Der Opa war darin sehr geschickt“, erinnert sich Schilcher junior. „Er schaffte die Wechsel, ohne dass die Gäste was mitbekommen haben.“ Das Kino wurde Kult.

Doch Schilcher senior eröffnete 1930 zunächst ein Tanzcafé an selber Stelle. Guter Wein, zünftige Musik und eine große Terrasse begeisterten die Oberammergauer. Dann kam der Krieg. 1945 beschlagnahmten die US-Truppen das Gebäude, machten ein Soldatenheim mit Kantine aus dem Lokal. Die gesamte Familie Schilcher musste ausziehen ins Nachbargebäude und kehrte erst neun Monate später nach Abzug der Alliierten zurück.

Traditionskino in Bayern: Großer Umbruch durch Videorekorder in den 80er Jahren

In der Nachkriegszeit, als wenigen Menschen nach Tanzen und Feiern zumute war, entflammte in Schilcher eine Leidenschaft für das neue Medium Film. Der erste Streifen, der 1952 über seine Leinwand flimmerte, war „Gott braucht Menschen“. Und Schilcher brauchte Gäste. Die kamen zahlreich, das Kino lief über Jahrzehnte hinweg hervorragend.

Bis das Fernsehgerät Einzug in immer mehr Haushalte hielt. Die Menschen brauchten plötzlich kein Kino mehr. Sie konnten die bewegten Bilder auch bequem von zuhause aus sehen. Der nächste große Umbruch für die Kinobetreiber kam in den 1980er Jahren. Der neue Videorekorder ermöglichte, Filme zu kaufen, aufzunehmen und zu schauen, wann immer und so oft man will. Die Zuschauerzahlen im Kino gingen drastisch zurück. Ende der 1980er-Jahre schloss Hermann Schilcher sein Heimgarten-Lichtspielhaus.

Doch die Faszination ließ seinen Enkel Axel nicht los, seit er als kleiner Bub zum ersten Mal auf Opas großer Leinwand Walt Disneys „Dschungelbuch“ sah. Keinen Streifen versäumte er mehr seitdem. Als junger Erwachsener fasste er einen Entschluss: Er will das Erbe seines Großvaters fortführen.

Heimgarten-Kino: Enkel führt Erbe des Großvaters fort - und baut Gebäude monatelang um

Über Monate hinweg baute er das Gebäude aus und um. Die alten eng aneinandergereihten Holzstühle verschwanden und machten Platz für bequeme Sessel. Zwar verringerte sich die Platzkapazität von rund 280 auf 93 Sitzplätze. Dafür gab es Komfort, ein Surround-System, neue Toiletten und eine Bar.

Am 27. Dezember 1996 eröffnete Schilcher sein kleines, aber feines Kino. Er legte stets Wert darauf, neben klassischen Hollywood-Streifen vor allem Nischenfilme zu zeigen. Bayerische Komödien zum Beispiel. Oder – passend für Oberammergau – christlich geprägte Filme. Im Passionsjahr führte er „Die zehn Gebote“ aus dem Jahr 1956 vor oder „Jesus Christ Superstar“. Humor bewiesen seine Oberammergauer und er ebenfalls – denn auch die britische Komödie „Das Leben des Brian“ durfte alle zehn Jahre keinesfalls fehlen.

Oberammergau: Heimgarten-Kino schließt - Erfolgreichster Film war „Titanic“

Sein bislang erfolgreichster Film war – wenig überraschend – der Blockbuster „Titanic“ von James Cameron im Jahr 1997. Noch nie zuvor oder danach war ein Streifen über so viele Wochen hinweg so gut besucht. Was aber auch an der heimeligen Atmosphäre gepaart mit modernster Technik im Kinosaal lag.

Lediglich ein Relikt aus alten Zeiten war noch bis 2013 im Einsatz: der alte 35-Millimeter-Projektor seines Opas – aber ohne glühende Kohlestäbchen, stattdessen mit einer 2000-Watt-Xenon-Lampe. „Ich dürfte das einzige Kino in ganz Deutschland gewesen sein, das diese Technik noch verwendet hat“, sagt Schilcher lachend. Erst als keine passenden Filmrollen mehr produziert wurden, nahm er Abschied und beschaffte sich einen modernen digitalen Beamer.

Der ausgediente Projektor steht jetzt als Ausstellungsstück im Warteraum. Doch kann Schilcher beruhigen: Das Relikt wird auch weiterhin zu bestaunen sein. Denn auch wenn im Heimgarten Kino künftig keine Filme mehr laufen, soll der Raum als Veranstaltungssaal dienen. Gewerkelt wird bereits fleißig.

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