+
Einzug in Jerusalem mit Jesus-Darsteller Rochus Rückel. Die Aufnahme für den neuen Bildband entstand kurz vor der Absage des Passionsspiels am 19. März.

An diesem Samstag hätte das weltberühmte Passionsspiel begonnen

Oberammergau trägt Trauer - die geplatzte Passions-Premiere

  • Ludwig Hutter
    vonLudwig Hutter
    schließen

„Alle zehn Jahre die Passionstragödie zu halten . . .“ – so beginnt das Gelübde des Oberammergauer Passionsspiels. An diesem Samstag wäre Premiere gewesen, zum 42. Mal seit 1633. Das Coronavirus hat den Traum zerstört.

Oberammergau – Jesus hat noch „keinen Plan“. Wie er den Samstag verbringt? „Ich werde schon irgendwie im Dorf unterwegs sein.“ Vielleicht wird Hauptdarsteller Frederik Mayet dabei auch am verwaisten Passionstheater vorbeikommen. Und sich erinnern, wie es gewesen ist, exakt vor zehn Jahren, am 15. Mai 2010. „Schon ein komisches Gefühl...“ Oberammergau trägt Trauer. An diesem Samstag hätten 4500 Besucher die Premierenvorstellung der 42. Passionsspiele erlebt. Ein pulsierendes, wuselndes Dorf. Und heute? Leere. Ganz real auf Plätzen und Straßen und tief im Innern in den Köpfen und Herzen vieler Mitwirkenden.

Richtiges Schmuddelwetter

„Es war saukalt und hat fast den ganzen Tag geschüttet“: Mayet erinnert sich noch gut die äußeren Umstände des Premierentags vor zehn Jahren. Doch das Schmuddelwetter konnte der Freude, dem Feuer und der unbeschreiblichen Stimmung im gesamten Dorf, auf der Bühne und in den Garderoben nichts anhaben. Überall ein Strahlen und Lachen. Ministerpräsident Horst Seehofer sprach damals nach der Vorstellung von „magischen Momenten, bei denen einem trotz der Kälte warm ums Herz wird. Sehr eindrucksvoll, wie der Glaube ein ganzes Dorf bewegen kann“. Besonderen Eindruck hinterließ das erstmals von Markus Zwink eingebaute Lied „Sch’ma Israel“, das zentrale Glaubensbekenntnis des Judentums, das der Passionschor auf hebräisch sang.

Rückabwicklung im Gange

Daran erinnert sich auch Walter Rutz, der 2010 die Figur des Josef von Arimathäa gegeben hatte. Der Werkleiter beschreibt die Situation, dass am Samstag eigentlich die Premiere vonstatten gegangen wäre als „irgendwie so unwahr“. Der Ort sei so leer, fast gespenstisch. Aktuell sind Rutz und sein Team von der Geschäftsstelle intensiv mit der Rückabwicklung des Ticketsverkaufs betraut. Bereits 250 000 von insgesamt 430 000 Karten-Vorgänge seien erledigt und neu fixiert worden. Als „sehr erfreulich“ bewertet es der Leiter des Vertriebs, dass bei den Wiederverkäufern rund 40 Prozent der Kunden auf 2022 umgebucht hätten und bei den Privatkäufern 30 Prozent: „Wir sind guter Dinge, dass die Nachfrage für 2022 wieder gut sein wird und wir bei der Auslastung auf eine Marke kommen werden wie in diesem Jahr.“

Familienerlebnis bei Preisingers

„Ein besonderes Passionsjahr“ wäre 2020 für Anton Preisinger geworden – aus verschiedenen Gründen: Erstmalig wäre der Pilatus-Darsteller mit seinem Sohn (Johannes) zusammen auf der Bühne gestanden, und ebenfalls zum ersten Mal hätte seine Frau, eine gebürtige Ettalerin, beim Passion mitspielen dürfen. Auch sein Haus, das Hotel Alte Post, wäre mit den 72 Betten bis Oktober mit Passionsgäste ausgebucht gewesen. Trotzdem ist bei Preisinger der Premierentag „irgendwie aus dem Kopf verschwunden“. Der Hotelier: „Wir haben halt gerade wegen Corona andere Sorgen und Probleme und müssen schauen, dass unser Betrieb endlich wieder auf Touren kommt.“

Noch neun Monate bis zum Haarerlass

Die Zukunft im Blick hat auch Frederik Mayet: „Irgendwie freue ich mich schon auf 2022. Ich schaue nach vorn, denke positiv. Es hilft dir nicht weiter, der Vergangenheit nachzutrauern.“ Schließlich ist das nächste Fix-Datum gar nicht mehr so lange hin: Am 17. Februar 2021 ist Aschermittwoch, und an diesem Tag beginnt der traditionelle Haar- und Barterlass für die Passionsspiele im darauffolgenden Jahr. Seine Mähne zu behalten, war für den Jesus-Darsteller übrigens keine Option. Seine Frau griff selbst zur Schere. Kurz geschoren wird Mayet vielleicht an diesem Samstag einen Abstecher zum Passionstheater machen. Dort arbeiteten am Freitag noch ein paar Frauen in der Schneiderei, deren Verträge laufen nun aus. Dann ist das Haus menschenleer. Der 16. Mai 2020 ist ein trauriger Tag für Oberammergau.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Straße eingebrochen: Im Bereich des Kainzenbads klafft ein „riesiges Loch"
Zu Straßenschäden ist es an zwei Stellen in Garmisch-Partenkirchen gekommen. Zum einen im Bereich des Kainzenbads, zum anderen an der Wildenauer Straße.
Straße eingebrochen: Im Bereich des Kainzenbads klafft ein „riesiges Loch"
Mann fährt Zapfsäule an - und verschwindet
Ein Mann hat in Murnau eine Zapfsäule angefahren. Schaden: rund 10 000 Euro.
Mann fährt Zapfsäule an - und verschwindet
Kindergarten Seehausen: Deshalb war Rita Klimmer eine Institution
Alles begann mit einem Täuschungsmanöver - am Ende wurde Rita Klimmer im Kindergarten Seehausen ein schöner Abschied zuteil. Den hatte sie sich verdient.
Kindergarten Seehausen: Deshalb war Rita Klimmer eine Institution
Studie belegt: Oberbayerischer Ort ist Deutschlands beliebtestes Reiseziel - Riesen-Ansturm seit Corona
Laut einer Studie des „Kommunal“-Magazins ist ein Ort in Oberbayern die Tourismushochburg Nummer eins in der Republik. Daraus ergeben sich aber auch Herausforderungen …
Studie belegt: Oberbayerischer Ort ist Deutschlands beliebtestes Reiseziel - Riesen-Ansturm seit Corona

Kommentare