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Jetzt gilt’s: Spielleiter Christian Stückl (l.) mit etlichen seiner Darsteller und dem Plakat, das vom Haar- und Barterlass zeugt.

Erlass gilt erstmals auch für Chorsänger

Passionsspiele 2020: Ab jetzt sprießen die Haare - einer ist weniger begeistert

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Jetzt hängt er, der Haar- und Barterlass. Demzufolge müssen sich alle Mitwirkenden der Passionsspiele 2020 Haare und Bärte wachsen lassen. Erstmals gilt der Aufruf auch für Chorsänger – und für Bürgermeister Arno Nunn.

Oberammergau – Christian Stückl hat im Archiv gestöbert. Vor allem, um herauszufinden, wann die Tradition des Haar- und Barterlasses entstanden ist. Dazu entdeckte der Spielleiter der Passion nichts. Dafür fand er heraus, dass der Oberammergauer Bader im 18. Jahrhundert sieben Gulden fürs Ankleben der Perücken bekam. Und dass sich so mancher über die Frisuren der Männer wunderte.

Erst im 19. Jahrhundert tauchte der erste Reisebericht eines Engländers auf, der sich über die Männer mit den langen Haaren und vollen Bärten ausließ. Dazu äußerte sich 1910 auch der berühmte Schriftsteller Lion Feuchtwanger, der mit dem Gelübdespiel hart ins Gericht ging. „Er fand’s schlichtweg komisch, die ganzen Langhaarigen auf der Straße zu sehen“, erzählt Stückl. Ein Anblick, der 1934 zum 300. Jubiläum für die Nationalsozialisten ebenfalls gewöhnungsbedürftig war. „Das passte nicht zur Haltung eines Deutschen, da gab’s eine Riesendiskussion mit der NSDAP“ – die letztlich die Oberammergauer für sich entscheiden konnten. „Die Jugend wird gottlos“, hieß es dann während der Hippie-Bewegung Ende der 1960er Jahre – und zwar deutschlandweit. Plötzlich hatte jeder lange Haare. Wie im Passionsdorf, da halt nicht nur die jungen Wilden, sondern genauso die Väter und Großväter. Auch heute kennt der Erlass keine Altersgrenze.

Friseur-Verbot gilt für 19 Monate

Mit Bürgermeister Arno Nunn, der eifrig den Kleister auf der Anschlagwand verteilt, hängt Stückl am Aschermittwoch den Aufruf an alle Mitwirkenden auf, sich die Haare und Bärte wachsen zu lassen. Darunter fallen erstmals auch die Chorsänger – „sicher eine Überraschung für den einen oder anderen“, meint der musikalische Leiter Markus Zwink. Er verfolgt die Plakatier-Aktion genau wie zahlreiche Mitwirkende. Einige waren eigens noch vor dem Erlass beim Friseur, hatten sich entweder die Haarpracht ganz kurz scheren oder noch einen modischen Schnitt verpassen lassen. Ein letztes Mal für 19 Monate. Erst nach der letzten Vorstellung am 4. Oktober 2020 dürfen sie sich wieder unters Messer beziehungsweise die Schere begeben. „Dann fallen die Haare und man erkennt einige der Leute kaum mehr“, sagt Stückl und lacht.

Neben der Überraschung für die Chorsänger hat er eine zweite parat. Zum ersten Mal ist Bürgermeister Nunn spielberechtigt, „da muss er mit gutem Beispiel vorangehen“. Will heißen, auch er soll sich Haare und Bart wachsen lassen. „Darüber müssen wir noch mal reden“, bremst ihn der Franke aus. Bislang geht er davon aus, dass er als Einlasser eingesetzt wird. Ob ihn der Spielleiter damit davonkommen lässt?

Immer wieder neue Auseinandersetzung mit Jesus

Stückl sieht im Haar- und Barterlass vor allem das Signal ans Dorf, dass es jetzt losgeht. Ihm selber sind andere Termine wichtiger. Die Bekanntgabe der Darsteller im vergangenen Oktober etwa oder seine intensive Arbeit am Text, den er im Frühjahr mit dem katholischen Theologen Ludwig Mödl durchgeht. „Es ist wichtig, immer neu drauf zu schauen“, betont der Spielleiter. Was er sicher nicht erntet, ist eine Kritik, wie sie einer seiner Vorgänger von Feuchtwanger einstecken musste: „Das Fürchterlichste aber ist die Sprache (…). Man bekommt Kopfschmerzen über diese Prosa, die Seekrankheit über diesen Versen und begreift, warum das Vorspiel gleich im zweiten Vers die Hörer als ,ein von Gottes Fluch gebeugtes Geschlecht‘ anspricht“, ätzte der Schriftsteller nach dem Passionsspiel 1910.

Veränderung ist wichtig, für Stückl und sein gesamtes Team. „Schließlich diskutieren wir heute ganz anders über Religion als vor 20 Jahren“, meint der Oberammergauer. Immer wieder setzt er sich mit Jesus und seiner Botschaft auseinander. Gerade dem sozialen Aspekt räumt er eine enorme Bedeutung ein. Doch hat er bei den Neuerungen nicht nur den Text, sondern das Ganze im Blick. „Uns erwartet ein größerer Bühnenumbau, der gemauerte Teil wird teilweise neu gemacht.“ Mehr verrät er nicht. Das überlässt er Stefan Hageneier, der für Bühne und Kostüme zuständig ist, bei einem eigenen Termin.

Ende November beginnen die Proben – mit vielen langhaarigen Oberammergauern. Bis dahin gilt das hoffentlich auch für Judas-Darsteller Martin Schuster. Noch stellt sich die Bundeswehr, bei der der Politikwissenschaftler arbeitet, etwas quer. „Wir treten am besten an Ursula von der Leyen heran“, scherzt Stückl. Ob er tatsächlich die Bundesverteidigungsministerin ins Boot holt, lässt er offen. Dass er einen Brief an Schusters Vorgesetzte schreibt, steht aber fest. Unter Ministerpräsident Franz Josef Strauß galt die Lex Oberammergau, da durften Soldaten aus dem Passionsort problemlos ihre Haare wachsen lassen. „Darum müssen wir jetzt eben wieder kämpfen.“

Der Kartenvorverkauf

für Einzeltickets läuft ab sofort. Diese sind unter Telefon 0 88 22/ 8 35 93 30 oder online unter www.passionsspiele-oberammergau.de erhältlich. Die Karten kosten zwischen 30 und 180 Euro.

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