+
Spielleiter Stückl (Mitte) und seine beiden Hauptdarsteller Frederik Mayet (links) und Rochus Rückel (rechts).

Passion 2020

Ein neuer Messias für Oberammergau: So war der Tag der Entscheidung

  • schließen

Jesus kann’s nicht fassen, Judas wird von einem 18 Jahre alten Muslim gespielt und Maria muss erstmal Urlaub einreichen. Oberammergau fieberte auf diesen Tag hin. Jetzt ist die Katze aus dem Sack: Spielleiter Christian Stückl hat die Rollen für die Passion 2020 vergeben. Szeneneines historischen Tages.

Oberammergau– Vielleicht seit einer Minute steht sein Name vorne an der Schiefertafel direkt vorm Oberammergauer Passionstheater. Rochus Rückel. Daneben steht noch ein Wort: Jesus. „Man traut sich gar nicht, das zu träumen“, sagt der 22-jährige, mit Fünftagebart, schwarzen Locken und Wolljanker. „Wahnsinn“, sagt er. „Wahnsinn, Wahnsinn.“ Ab jetzt ist der Student der Luft- und Raumfahrttechnik der offizielle Sohn Gottes.

Rochus Rückel, Hobbys Drachenfliegen und Theater, wird von Mai bis Oktober 2020 mehrmals die Woche ans Kreuz genagelt werden. Karten in der ersten Reihe werden 180 Euro kosten. Die Oberammergauer rechnen mit einer halben Million Zuschauer. Alle zehn Jahre wird aus einem Bergdorf mit Herrgottschnitzern und Souvenirshops, die Neuschwanstein-Poster und Kuscheltiere in Tracht verkaufen, ein Weltereignis.

Mittendrin Jesus, klar. Rückel hat sich am Samstagmorgen den Wecker gestellt, aber er war eh schon wach. Er hat geahnt, dass er eine der 21 Hauptrollen bekommen wird. Aber Jesus, nein, damit rechnet man nicht. Jetzt zittert er am ganzen Leib, immer wieder umarmt ihn wer. „Super, Rochus“, sagt einer. Ein anderer, der auch mal den Jesus gespielt hat, sagt: „Ziag di warm o.“

Dann kommt Frederik Mayet zu Rochus Rückel. Mayet, 38, hat 2010 den Jesus gespielt. Auch 2020 wird er den Sohn Gottes spielen, sein Name steht seit ein paar Minuten ebenfalls vorne auf der Schiefertafel. Denn: Die wichtigen Rollen sind doppelt besetzt. Zwei Jesusse, zwei Marien, zwei Petrusse – in Oberammergau ist vieles anders als im Rest der Welt. Mayet und Rückel umarmen sich. Jesus Mayet sagt: „Ich bin glücklich, dass ich die Rolle ein zweites Mal spielen darf.“ Jesus Rückel sagt: „Du bist ab jetzt mein Mentor.“

Während sich die beiden Söhne Gottes herzen, passiert etwas Historisches: Holzbildhauerin Lena Rödl, 27, schreibt mit Kreide den Namen Cengiz Görür an die große Schiefertafel. Cengiz Görür spielt Judas. Es gibt Applaus und Freudenrufe.

Fast jede Passion hatte ihren Aufschrei. „1990 hat der katholische Pfarrer den Weltuntergang kommen sehen, als der erste evangelische Schauspieler eine Hauptrolle bekam“, wird Christian Stückl, 56, später erzählen. Der Spielleiter hat lange dafür kämpfen müssen, dass verheiratete Frauen die Maria spielen dürfen.

Einige im Ort glauben, Tradition ist was, dass sich nie ändern darf. Stückl ist der Meinung: Tradition lässt sich nur bewahren, wenn man ab und an auch was ändert. Sonst zieht es einem die Tradition irgendwann unter den Füßen weg, weil sie keinen mehr interessiert. Insofern ist Oberammergau immer auch ein Ort, an dem die großen Fragen unsere Zeit verhandelt werden. Ein Versuchslabor mit Passionstheater.

Stückls neuester Clou ist genau dieser Cengiz Görür, ein 18-jähriges Nachwuchstalent mit türkischen Wurzeln. Ein Oberammergauer Muslim, der in Garmisch gerade sein Abi macht. „Es soll keine Provokation sein“, sagt Stückl an diesem Tag immer wieder. Weil er natürlich dauernd drauf angesprochen wird. Der erste Muslim – und dann ausgerechnet Judas, dein Ernst? „Vielleicht ist grad Judas der engste Freund von Jesus gewesen“, sagt Stückl, „schließlich hat sich Jesus keine zwölf Deppen ausgesucht.“

Cengiz Görür will sich gar nicht auf diese Diskussionen einlassen. Er ist der Judas von Oberammergau, nicht der Judas mit Migrationshintergrund. Er steht neben dem Passionstheater und sagt: „Ich kann von Glück sagen, dass ich diese Rolle spielen darf.“ Dann erzählt er, wie Stückl ihn entdeckt hat. Nämlich zufällig. Sie saßen Rücken an Rücken im Eiscafé Paradiso mitten in Oberammergau, als sich der Spielleiter plötzlich umdrehte und sagt: „Gute Stimme. Magst nicht mal was auf der Bühne sagen.“ Ein paar Minuten später stand Cengiz Görür auf der Probebühne, jetzt hat er eine Hauptrolle.

Die Magie dieses Spiels hält Oberammergau zusammen. Auf der Bühne sind alle gleich. Die Passion ist ein gemeinsames Abenteuer, in das sich das Dorf alles zehn Jahre stürzt. Im Dreißigjährigen Krieg suchte die Pest Oberammergau heim. Die letzte Hoffnung der Einheimischen war ein Eid. Die Dorfbewohner geloben, alle zehn Jahre ein Passionsspiel zu Ehren des Herrn aufzuführen, wenn die Pest den Ort verschone. 1633 war das – und danach raffte die Seuche keinen einzigen mehr dahin, heißt es in den alten Schriften. Oberammergau besiegte gemeinsam den schwarzen Tod.

Cengiz Görür ist nicht der einzige Muslim, der an diesem Samstag eine Rolle bekommt. Stückl hat vor drei Jahren Abdullah Karaca, 29, zum zweiten Spielleiter ernannt – das gab einen bundesweiten Aufschrei. Karaca, der mit Stückl am Münchner Volkstheater arbeitet, wird 2020 selbst auf der Bühne stehen. Er spielt Nikodemus, einen Pharisäer. Karaca sagt: „Das ist wichtig für mich.“ Nur wer mitspielt, versteht, was die Darsteller umtreibt.

Öffentliche Enttäuschungen gibt es an diesem sonnigen Mittag keine – aber natürlich gibt es viele, die sich mehr erhofft haben. Für andere ändert sich die komplette Lebensplanung. Eva-Maria Reiser, 34, hat bei der letzten Passion die Maria Magdalena gespielt. Jetzt ist sie die Maria. Ihr Beruf: Flugbegleiterin. Für die Passion, sagt sie, will sie sich beurlauben lassen. „Das geht nicht anders.“

Jeder Oberammergauer, der hier geboren ist oder mindestens 20 Jahre hier lebt, hat Spielrecht. Heuer haben sich 1850 um eine Rolle beworben – hinzu kommen 500 Kinder. Spielleiter Stückl sagt: „So viel Darsteller hatte ich noch nie.“ Die Aufstellung des Bundeshaushalts ist ein Kinderspiel gegen das, was er alle zehn Jahre schaffen muss. Manche geben bei der Bewerbung an, dass sie nur ab 16 Uhr können, andere wollen keine Rolle mit Pferd, wieder andere wollen sich auf keinen Fall einen Bart wachsen lassen. „Aber ich hab nur 50 Rollen ohne Bart“, sagt Stückl. Das sind die römischen Soldaten. Über 200 haben sich dafür beworben. Viel zu viele.

Aber es hilft nix, manche werden sich mit mit einem Bart anfreunden müssen. Denn ab Aschermittwoch 2019 werden die hiesigen Frisöre ziemlich arbeitslos sein, ab da gilt der „Bart- und Haarerlass“. Alle Mitwirkenden werden sich einer alten Tradition folgend die Haare wachsen lassen. Es soll sogar schon einen Jesus gegeben haben, lange her, der hat sich Haare und Bart zehn Jahre, von einer Passion zur nächsten, gar nicht mehr geschnitten. Er soll sogar segnend im Dorf umhergegangen sein. Er ist nicht mehr aus seiner Rolle rausgekommen.

Bei Rochus Rückel ist, Stand jetzt, so was nicht zu erwarten. Er ist voller Demut – und ohne einen Funken Starallüren. „Ich hab grad mit der Mama gesprochen“, sagt er, „die hat gar nimma redn können. Ich hab so viel Respekt. Aber des wird richtig guad.“

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Kampf ums Murnauer Rathaus: Phillip Zoepf steigt in den Ring
Der Kampf ums Murnauer Rathaus wird spannend: Wie zu erwarten war, greift nun auch Mehr-Bewegen-Chef Phillip Zoepf zur Kommunalwahl 2020 als Bürgermeisterkandidat an. …
Kampf ums Murnauer Rathaus: Phillip Zoepf steigt in den Ring
Schlimm zugerichtetes Hirschkalb stirbt qualvoll: Tierschützer haben schrecklichen Verdacht
Einen grausamen Tod musste ein Rotwildkalb in der Nähe von Oberau erleiden: Das Tier wurde offenbar gejagt und verletzt. Tierschützer haben einen besorgniserregenden …
Schlimm zugerichtetes Hirschkalb stirbt qualvoll: Tierschützer haben schrecklichen Verdacht
„Das Kranzbach“: Hoteldirektor King geht
Acht Jahre stand Klaus King im Luxushotel „Das Kranzbach“ an der Spitze. Ende Dezember ist dieses Kapitel offiziell geschlossen.
„Das Kranzbach“: Hoteldirektor King geht
Freitag geht es los: Erstes Skigebiet in Bayern startet in die Saison
Am Freitag startet das erste Skigebiet Bayerns in die Saison. Hier die zwei größten in der Region Garmisch-Partenkirchen und ein Geheimtipp.
Freitag geht es los: Erstes Skigebiet in Bayern startet in die Saison

Kommentare