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Spielleiter Christian Stückl wischt sich die Tränen weg. Die Absage schmerzt.

„Oh Herr, wie blutet mir das Herz ...“

Zwischen Tristesse und Aufbruch: Wie die Oberammergauer mit der Passions-Absage umgehen

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Ein Dorf steht still. Schier unvorstellbar noch vor kurzer Zeit, greift das Coronavirus immer weiter um sich. Oberammergau hat es in diesen Tagen doppelt getroffen, denn mit der Verschiebung der Passionsspiele auf 2022  sind sämtliche Vorbereitungen auf Null gesetzt worden. Die Redaktion hat Stimmen und Stimmungen bei den Bürgern eingefangen.

„Furchtbar.“ Dieses Wort bringt Peter Stückl noch heraus. Dann bricht seine Stimme. Vor fünf Minuten hat er erfahren, dass die Passion abgesagt wird. Bis zuletzt hatte der Vater des Spielleiters gehofft, dass sich dieser Schritt vermeiden lässt. Er muss die Nachricht erst verdauen, eine Nacht darüber schlafen. Am nächsten Tag ist er immer noch schockiert, aber gefasster. Der ganze Ort, sagt Peter Stückl, ist getroffen und betroffen. Jeder Einzelne in irgendeiner Form. „Schlimm.“ Seine persönliche Passionsgeschichte beginnt 1950 als kleiner Bub, 1960 war er mit 17 der jüngste Bass im Chor, es folgten Rollen als Nathanael, Judas und die Hohenpriester Kaiphas und Annas. Den hätte er auch in diesem Jahr verkörpert. Nun eben 2022, „wenn ich gesund bleibe“. Das hofft er. „Ich bin Optimist“, fügt er an. Ohnehin vergehe die Zeit mit zunehmendem Alter schneller. „Zwei Jahre sind da gar nichts mehr.“ In nicht einmal einem Jahr, am 17. Februar 2021 – Aschermittwoch – gäbe es bereits das erste sichtbare Zeichen für den nächsten Passionszeichen für den Ort. Nach dem Motto: Jetzt geht es wieder los. Denn dann träte der Haar- und Barterlass erneut in Kraft.

Lesen Sie auch: Corona: Passionsspiele in Oberammergau 2020 sind abgesagt 

„Ein kleiner Lichtblick“

An diesen positiven Moment, diesen „kleinen Lichtblick am Himmel“, denkt kurz auch Andreas Rödl in einem Moment, in dem es wenig Positives zu sagen gibt. Der 34-Jährige wird neuer Bürgermeister von Oberammergau, Anfang Mai tritt er sein Amt an. Und steht vor einem Mammutprojekt, dessen Ausmaß „wir heute noch gar nicht abschätzen können“. Rödl weiß nur: Es wird riesig. Und schwierig. Hotels, Gaststätten, Souvenirläden, Cafés, Bars, Schnitzer, viele weitere Betriebe sind finanziell von der Passion abhängig, die Gemeinde selbst ebenfalls. 37 Millionen Euro hat die Gemeinde 2010 durch die Passion verdient. Jetzt? Null. Es werde alle Anstrengungen von allen Seiten erfordern, „damit wir da niemanden verlieren“, sagt Rödl.

Eine Katastrophe

Viele im Ort sind doppelt betroffen. WieAnton Preisinger. Persönlich tut ihm die Situation unendlich leid. Er wäre mit seinem Sohn auf der Bühne gestanden, der für die Hauptrolle des Johannes eigens sein Studium unterbrochen hat. Seine Frau hätte zum ersten Mal im Volk mitspielen dürfen, weil sie jetzt seit 20 Jahren in Oberammergau lebt. Beruflich erlebt Preisinger eine Ausnahmesituation. Zwölf zusätzliche Mitarbeiter hat er in seinem Hotel Alte Post für die Passion eingestellt. Bis Oktober sollten sie bleiben, nun kündigt er ihnen sofort. Für die übrigen 25 Angestellten hat er Kurzarbeit angemeldet. Wie ihm geht es vielen. „Das ist eine Katastrophe für jeden.“ Die Verschiebung hält er dennoch für den einzig richtigen und gangbaren Weg.

 „Pest vor der Passion“

2022 frisch anzufangen, bezeichnet auch Kathrin Kraus als vernünftig. Doch die Durststrecke bis dahin, „sie wird bitter. Das schafft nicht jeder, da kommen Pleiten.“ Davon ist die Vorsitzende des Tourismusvereins „Pro Gast“ überzeugt. Die 34-Jährige, die selbst ein Gästehaus betreibt, sieht Jeden in der Pflicht. Die Politik wegen finanzieller Hilfen. Die Ammergauer Alpen, damit sie alles dafür tun, wieder Gäste in die Orte zu holen, sobald die Corona-Pandemie eingedämmt ist. Und die Bürger, dass sie sich gegenseitig helfen. Dass sie dieses Gefühl in den Alltag bringen, das die Passion prägt: ein Gefühl des Miteinander, des Zusammenhalts. In dieser schwierigen Zeit. „Die Pest ist vor der Passion gekommen“, sagt sie. Die müsse man nun gemeinsam überstehen.

Das Merchandising für Souvenirartikel der Passion hatten sich Tommy Delago und Andreas Aurhammerals Lizenznehmer gesichert. „80 Prozent der Ware ist fertig mit der Aufschrift ,Passionsspiele 2020’ – so beschreibt Aurhammer die Situation. In zwei Wochen hätte man mit dem Ausliefern an die Geschäfte begonnen. „Doch irgendwie“, so der Unternehmer, „werden wir damit schon klarkommen“. Ja, die Verschiebung sei ein herber Schlag für den Ort, es betreffe alle: Mitwirkende, die wegen der Passion ihre Jobs gekündigt hätten, Vermieter, Geschäftsleute, Wirte. Hinzu kämen noch schwere Einbußen durch Corona: „Die Nato-Schule hat alle Kurse abgesagt, die waren immer mit 400 Leuten hier.“

Mitgefühl mit Stückl

Was gewesen wäre, ruft sich Gabi Furtner, die in der Dorfstraße einen Geschenkartikelladen in Familienbesitz betreibt, ins Gedächtnis zurück: „Wenn beim Passion draußen im Theater die erste Fanfare ertönt, bekommt das ganze Dorf Gänsehaut.“ Sie hätte im Volk mitgespielt. „Am meisten tut mir der Stückl Christian leid. Was der an Energie reingesteckt hat, unglaublich. Und jetzt ist alles vorbei. Des muss man erst einmal verkraften.“ Angesichts der Gesamtsituation mit Corona appelliert Furtner an die Menschen: „Man muss versuchen, die gute Laune nicht zu verlieren und sich einen Plan für den Tag zu machen, um nicht zu sehr ins Grübeln zu kommen.“

Ein Satz des Prologs

Bei den „Armen“ hätte Walter Lang im Passion mitgespielt, zum neunten Mal. „Das wäre ein intensives Mitspielen geworden, wie im Hohen Rat. Ich hab mich schon narrisch darauf gefreut.“ Wie es in zwei Jahren ausschaut, vermag Lang nicht zu sagen: „Ich bin 80.“ In diesem Moment fällt dem Rentner ein Satz ein, den früher der Prolog im Passion gesprochen hat: „Oh Herr, wie blutet mir das Herz ...“ Obwohl der Walter „von Haus aus ein positiver Mensch ist“, erzählt er am Schluss noch eine etwas nachdenkliche Geschichte: „Ich war bei der letzten Fotoprobe im Theater dabei. Als wir fertig waren, gingen wir zurück zu den Garderoben. Dann wurden wir nochmal alle auf die Bühne gerufen. Dort stand auch Zweiter Bürgermeister Eugen Huber, mit einer Aktentasche, und Christian sagte: ,Leit’, des war’s vorerst.’“ Da hab’ ich geahnt, was kommen wird ...“

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