Ein Luftbild zeigt eine Baustelle mit einem Flusslauf, zudem ein roter Pfeil in der Bildmitte.
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So war einmal der Plan: Hier sollte die Teil-Ableitung der Großen Laine oberhalb der Talstation der Laberbergbahn entstehen. Womöglich wird daraus nichts.

„Rolle rückwärts“: Wiederstände machen neue Planung notwendig

Hochwasserschutz in Oberammergau: Alles auf Anfang bei der Großen Laine

  • Katharina Bromberger
    vonKatharina Bromberger
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Die Pläne waren – nach Jahren – fertig geplant. Und jetzt: alles auf null. Zu groß sind die Widerstände gegen den Hochwasserschutz an der Großen Laine in Oberammergau. Eine Variante kommt ins Spiel, die man als untragbar längst verworfen hatte.

Oberammergau – Elf Brücken müsste man anpassen, sie erhöhen, verstärken, um- oder ausbauen. Dämme ebenso. Bis zu einen Meter höher müssten sie werden, stabile Mauern müsste man errichten. Oberammergau – es würde anders aussehen als heute. Massiv anders, wenn man den Ort nach Variante eins vor Hochwasser schützen will. Diese sieht vor: Auch bei einer Flut läuft das Wasser der Großen Laine durch den Ort. Aber wer will Oberammergau so gravierend verändern? Niemand. Darum hat sich die Gemeinde vor etwa zehn Jahren gegen diese Variante entschieden. „Jeder konnte sich ja vorstellen, wie das ausschaut“, sagt Horst Hofmann, Sachgebietsleiter beim Wasserwirtschaftsamt und damals schon für den Hochwasserschutz im Landkreis zuständig.

Seitdem konzentrierte man sich auf Variante zwei: eine Teil-Ableitung. Jahre und Geld investierte man in die Planung. Die Sache schien fix. Mit dem 13,4 Millionen Euro teuren Bauwerk, der nächsten Hochwasserschutz-Großinvestition an der Großen Laine, wollten die Verantwortlichen in diesem Jahr beginnen. Dann aber bekam Hofmann Post. Die ihn mächtig überrascht hat.

Widerstände von Landwirten: „Damit habe ich nicht gerechnet“

Man habe die betroffenen Landwirte im Vorfeld eingebunden, sie kannten die Pläne. Man sei ihnen entgegengekommen, habe einiges auf ihre Wünsche hin angepasst. „Da draußen waren sie mit der Lösung noch einverstanden“, sagt Hofmann über die Termine vor Ort. Das hat sich offenbar irgendwo auf dem Weg zwischen Gesprächen und dem Auslegungsverfahren im Frühjahr geändert. Da kamen plötzlich die Einwände, Hofmann spricht von „großen Widerständen“ einer Handvoll Bürger, die sich längst einen Anwalt besorgt haben. „Damit habe ich nicht gerechnet.“ Damit heißt es für Teilbereiche: „Alles wieder auf Anfang.“

Nun befasst sich das Team doch mit dem innerörtlichen Ausbau. Das verlangen die Einwände und das Gesetz. Doch scheint die Neuplanung mehr als eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zu sein. Vielleicht, darauf deuten erste Berechnungen hin, wären die Eingriffe gar nicht so massiv, wie einmal gedacht.

Vor gut zehn Jahren hat sich eine Pilotstudie intensiv mit der Großen Laine befasst. Geologie, historischer Kontext, die Entwicklung des Bergwaldes, Strömungen, Zu- und Abflüsse, alles rund um die Hydrologie wurden einbezogen und verschiedene Schutz-Varianten geprüft. Der innerörtliche Ausbau wurde verworfen, die Teil-Ableitung weiter verfolgt.

Neuer Plan, neue Baustelle: Teil-Ableitung wird vielleicht überflüssig

Diese sollte nach der Sperre entstehen, die 2015 oberhalb der Talstation der Laberbergbahn gebaut wurde. Ab einem bestimmten Abfluss springt sie automatisch an. Zwei Drittel des Wassers aus der Großen Laine lassen sich so bei einer Flut in andere Bäche umleiten, die wiederum ausgebaut werden. Maximal ein Drittel flöße durch den Ort. Nach den massiven Einwänden stellt man diesen Plan nun zurück. „Wir machen quasi die Rolle rückwärts.“ Hofmann steht ihr offen gegenüber.

Das liegt auch an einer weiteren Baustelle, die den Experten beschäftigt. Das Gerinne innerorts ist in die Jahre gekommen, im Herbst 2020 wurde es zwar repariert. Doch das hält maximal zehn Jahre, schätzt Hofmann. Die Wurzeln arbeiten, Steine brechen aus. Mittelfristig müsste das Gerinne komplett saniert werden. „Sonst haben wir da immer eine Flickschusterei.“ Stattdessen könnte man es gleich gescheit machen. So, dass vielleicht sogar eine Teil-Ableitung überflüssig wird.

Den Planern schwebt ein Kasten- oder U-Gerinne vor, in dem deutlich mehr Wasser Platz findet. Ähnlich wie an der Kanker in Garmisch-Partenkirchen. Kritikern greift Hofmann gleich vor. „Das sieht zum Teil aus wie ein Kanal, das muss man ehrlich sagen.“ Doch ließe sich in Oberammergau der Ausbau mit U-Gerinne vielleicht auf Teile der 1,8 Kilometer langen Strecke reduzieren, unter Umständen müssten nur ein paar Brücken etwas angehoben werden. Erste hydraulische Ergebnisse deuten darauf hin, dass dann die komplette Wassermenge, die man für ein hundertjähriges Hochwasser berechnet, durchpasst. Seitenbäche der Großen Laine müssten auch bei dieser Version ausgebaut werden, allerdings bei Weitem nicht mehr so umfangreich wie bei einer Teil-Ableitung.

Hochwasserschutz in Oberammergau: Erster Entwurf soll im Sommer vorliegen

Sichere Antworten soll ein beauftragtes Büro liefern. Im Sommer, hofft Hofmann, liegt ein Entwurf vor, samt erster Kostenschätzung. Vielleicht wird alles verworfen. Seiner Pflicht wäre das Amt nachgekommen, Zeit und Planungskosten hätte man umsonst investiert. „Wenn’s blöd geht, stehen wir dann wieder bei der Teil-Ableitung.“ Doch das glaubt Hofmann nicht. Die Kosten, vermutet er, werden nicht höher liegen als bei der mit 13,4 Millionen Euro veranschlagten Ableitungsvariante, „eher gleich, vielleicht sogar leicht darunter“. Die Eingriffe bleiben im Vergleich zum ursprünglichen Plan überschaubar. Hier wird wie vor zehn Jahren die Meinung der Gemeinde eine wesentliche Rolle spielen: Wie viel Veränderung verträgt der Ort? Bis alles in trockenen Tüchern ist, zieht Hofmann zufolge mindestens noch ein Jahr ins Land.

Labergraben: Wasserwirtschaftsamt würde gern nach Passion 2022 loslegen

Als „Problembach“ bezeichnet Horst Hofmann den Labergraben in Oberammergau. Seit fast 20 Jahren beschäftigt er das Wasserwirtschaftsamt Weilheim. „Das Gerinne ist total marode, die Steine bröseln raus“, sagt der Sachgebietsleiter. Im Oberlauf kann die Spezialfirma Dörfler aus Grainau einiges mit Maschinen und viel Handarbeit erledigen. Im Ort jedoch, Am Rainenbichl, „kommen wir fast nirgends an den Bach ran“. Eng ist es überall, auf 350 Metern Länge besonders. Dort läuft das Wasser zwischen den Häusern hindurch, über 20 Überbauten hat Hofmann gezählt. Also Hühnerställe, Garagen oder Brücken, die über den Bach errichtet worden sind. Schlecht kann man sie alle abreißen. Deshalb überlegen die Experten, das Wasser umzuleiten.

Die Idee: Man gibt das Gerinne komplett auf und führt den Bach über ein Rohr mit 1,40 Meter Durchmesser unter der Straße „Am Rainenbichl“. Nach etwa 350 Metern fließt er in den bestehenden Labergraben zurück. Einen 18 Jahre alten Plan gibt es dazu bereits, den hat Hofmanns Team optimiert. Die Arbeiten ließen sich gut mit Aufgaben der Gemeinde verbinden. Denn diese muss die Straße ohnehin über kurz oder lang aufreißen und den Kanal sowie die Wasserleitung neu verlegen. Insgesamt rechnet Hofmann mit vier Millionen Euro Kosten, zwei Millionen für die Gemeinde, zwei für das Wasserwirtschaftsamt Weilheim. Nach der Passion 2022 würde Hofmann gerne loslegen. Derzeit laufen Gespräche, um sich abzustimmen. „Da gibt es viel Bedarf.“ (kat)

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