Ein Mann mit Maske steht vor einer Leiter und einer großen Wand mit einem Graffiti: ein Junge in Lederhosen.
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Neuer Blickfang in Oberammergau: Künstler Lapiz kurz vor der Fertigstellung seines Graffitis. Mit Schablonen sprüht er die Buchstaben an die Wand.

Kunstwerk in Oberammergau zieht neugierige Blicke auf sich

Graffiti statt Lüftlmalerei, Spraydose statt Pinsel

  • Josef Hornsteiner
    vonJosef Hornsteiner
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Dieses Kunstwerk sorgt für Aufsehen in Oberammergau. Der Ort, bekannt für traditionelle Lüftlmalereien, hat ein Streetart-Kunstwerk. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten.

Oberammergau – Es klappert, wenn er die Büchse schüttelt. Eine Kugel schlägt gegen die Innenwand der Spraydose. Dann ist das markante „Pffff“ zu hören. Ein paar Oberammergauer bleiben stehen, schauen zu. Diese Geräusche sind neu im Passionsort, wo Wände zwar seit Jahrhunderten mit Kunstwerken verziert werden. Aber eigentlich mit Pinsel und Farbe. Ganz leise. Weniger mit Gasmaske und Spraydose – und „Pffffff“.

Am Mühlbach steht vis à vis der Pfarrkirche St. Peter und Paul ein Mann mit Gasmaske an einer Hauswand. Er schüttelt und sprayt ohne Pause. „Lapiz“ heißt der Künstler. Das ist spanisch und bedeutet Bleistift. Seinen echten Namen verrät der 41-Jährige nicht. Lapiz ist Lapiz, seit er vor vielen Jahren in Argentinien gelebt und dort begonnen hat, Gebäude mit Farbe zu besprühen. Jetzt steht der Hamburger in Oberammergau und sprayt einen Burschen mit Lederhose, rotem Trachtenhemd, roten Trägern und pinkfarbener Feder am grünen Hut auf eine Hauswand.

Hochbegabt ist der 41-jährige Künstler Lapiz aus Hamburg.

Einzelhändler wünscht sich Graffiti für Hauswand in Oberammergau

Vor gut zwei Monaten hat ihn der Einzelhandelskaufmann Günter Kastner-Wagenpfeil gebucht. Ein Graffiti wünschte er sich für die Fassade seiner terrakottafarbenen Haushälfte am Mühlbach in Oberammergau. Ein echtes Streetart-Kunstwerk. Für Lapiz eine Herausforderung. Den Ort kannte er bis dahin nur aus Erzählungen. Lüftlmalerei war ein Fremdwort. „Ich musste zuerst im Internet schauen, was damit überhaupt gemeint ist“, sagt Lapiz lachend.

Er kam dann selbst ins Ammertal. Schaute sich die traditionellen Kunstwerke an. War begeistert. „Das ist schon großartig.“ Gemeinsam mit Kastner-Wagenpfeil fertigte der Künstler eine Skizze an. Sein Auftraggeber hatte eine klare Vorstellung von dem Bild, das künftig seine Fassade zieren soll.

Streetart in Oberammergau: Bub wird bayerisch angezogen

Damit sein Kunstwerk nicht als kompletter Fremdkörper im Ort wahrgenommen wird, hat der Hamburger den abgebildeten Burschen bayerisch angezogen. „Hätte ich das Gleiche in der Hansestadt gemacht, hätte der Junge wahrscheinlich anders ausgesehen.“

Gut vier Tage lang hat er Papier für Papier ausgeschnitten. Die Schablone für das Graffiti hergestellt. Die Hauptarbeit für ihn. Das Sprayen an sich dauert dann „nur zehn Stunden und macht am meisten Spaß“.

Am Anfang hatte der Künstler Bedenken, das gibt er zu. Er wurde vorgewarnt, dass ein solch modernes Graffiti im konservativen Oberammergau auch für Ärger sorgen könnte. „Mir wurde gesagt, ich soll mich nicht wundern, wenn mich einer schon beim Sprayen beschimpft.“ Hat keiner gemacht, das Gegenteil trat ein. Bis zur Fertigstellung kamen zahllose Neugierige auf ihn zu, machten Fotos, stellten Fragen. „Ihnen gefiel wahnsinnig gut, was sie da sahen.“

Kunstwerk an der Hauswand hat auch eine Botschaft

Bei der Geburtstagsfeier von Kastner-Wagenpfeil am Freitagabend wurde das Kunstwerk enthüllt. Das Echo ließ nicht lange auf sich warten. Schon frühmorgens am Sonntag standen Gäste und Einheimische Schlange vor dem Haus, um die Wand zu sehen.

Natürlich soll ein Kunstwerk nicht nur schön sein, sondern auch eine Botschaft verkünden. Der Satz „Der Reiz und die Schönheit des Lebens setzen sich aus Licht und Schatten zusammen“, hat für den Silberwarenfachhändler eine tiefere Bedeutung. Negatives und Positives lässt sich daraus ziehen. „Genauso wie Kunst sein soll“, sagt er. „Sie soll polarisieren.“ Der Schatten des Jungen in Tracht hat die Gestalt eines Wolfes. Ein hochaktuelles Thema. „Das Tier wird ja oft negativ gesehen“, meint Kastner-Wagenpfeil. „Der böse Wolf.“ Doch ist er auch ein familiäres Rudeltier, durch den Menschen fast ausgerottet. Auch Hunde stammen von ihm ab. „Bekanntlich der beste Freund des Menschen.“

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