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Katharina ist ein wichtiger Teil: Für das Familienfoto mit den Eltern Ludwig (l). und Veronika Utschneider holen (ab 2. v. l.) Thomas, Benedikt und Jakob ihre Schwester natürlich dazu. 

Tagblatt-Weihnachtsaktion: Eine außergewöhnliche Familiengeschichte

Der Engel bleibt

Oberammergau - 2008 haben Ludwig und Veronika Utschneider ihre Tochter Katharina verloren. Als Engel aber bleibt sie Teil ihrer Familie. Und damit Teil dieser besonderen Familiengeschichte. 

Jakob schaut in das Loch. Eine Blume will er hineinwerfen, hinunter auf den weißen, kaum einen Meter langen Sarg aus Holz. Dann schaut er seine Eltern an. „Warum“, fragt er, „ist da so ein tiefes Loch? Ihr habt doch gesagt, Katharina kommt in den Himmel.“ Jakob ist fünf Jahre alt und steht am Grab seiner Schwester. Fünf Monate war Katharina auf dieser Welt. Als Engel, sagt ihre Mutter Veronika Utschneider heute, über acht Jahre später.

Lange haben sie und ihr Mann Ludwig (42) ihre Geschichte nicht mehr erzählt. Weil sie erlebten, dass manche Außenstehende damit nicht umgehen können. Manche wechselten die Straßenseite, wenn sie Veronika Utschneider begegneten, schauten ihr nicht in die Augen. „Dieses Wegducken“, sagt die Grundschullehrerin (42), war mit das Schlimmste. „Wir verharren nicht in der Vergangenheit“, sagt ihr Mann, den als Gemeinderat in Oberammergau jeder kennt. Doch diese Geschichte mache sie nun einmal aus. Also erzählen sie. Die Geschichte ihrer Familie mit den Kindern Jakob (14), Thomas (11), Katharina und Benedikt (7). Seine Schwester hat der Jüngste nie kennengelernt, doch gehört sie zu ihm. Sie habe vier Kinder, sagt Veronika Utschneider. Ein Kleeblatt. Wie sie es sich immer gewünscht hat.

Kein Grund zur Sorge, hieß es. Alles normal.

Die Schwangerschaft verlief normal. Schwächere Herztöne ließen die Ärzte einmal aufhorchen. Kein Grund zur Sorge, hieß es. Alles normal. Das galt auch bei der Geburt am 13. April 2008 um 4 Uhr. Katharina schrie, wie Babys schreien. Als sie aber in den Stunden nach der Geburt nicht trank, rief die Mutter die Hebamme, ging zum Arzt. Die erste Diagnose: Gaumenspalte, der Gaumen war nicht zugewachsen – haben viele Kinder, hieß es, lässt sich beheben, kein Grund zur Sorge.

Den sah wenige Tage später nur der Hausarzt. Ihm gefielen Katharinas Herztöne nicht. Im Klinikum Garmisch-Partenkirchen kam die zweite Diagnose: Herzfehler. Die Kammern schlossen sich nicht, sauerstoffarmes und -reiches Blut vermischten sich – lässt sich beheben, hieß es. „Kein Grund zur Sorge“ sagte da keiner mehr. Bald folgte die dritte Diagnose: partielle Trisomie 8 gekoppelt mit Monosomie 3. Was das bedeutet? Niemand hat Ludwig und Veronika Utschneider das beantwortet. Weil es niemand wusste.

Das Internet sagte: „So ein Mensch ist nicht lebensfähig“ 

Keiner ihrer Ärzte kannte bis dahin einen solchen Fall, auch in der Literatur findet sich dazu wenig. Also lasen die Eltern im Internet nach. Es ließ sie wissen: „So ein Mensch ist nicht lebensfähig.“ Katharina aber lebte. Sie sah aus wie ein friedlich schlafendes Baby.

Dazu passte nur nicht die Sonde in ihrer Nase, die sie künstlich ernährte. Ebenso wenig wie das 13 Meter lange Kabel, das sie mit dem Sauerstoffgerät verband.

Nach ihrer ersten Herz-Operation im April – die zweite sollte im Oktober folgen – kam Katharina immer wieder in die Klinik nach München und Garmisch-Partenkirchen. So oft wie möglich holten die Eltern sie nach Hause, schufen eine Art Alltag. Auch dank Harlekin. Die ehrenamtlichen Helfer standen 24 Stunden am Tag für fachliche Fragen, Trost und Unterstützung bereit. Trugen dazu bei, dass sich die Eltern nie allein gelassen fühlten und ihnen die Kraft blieb, den Söhnen ein Vater und eine Mutter zu sein. Für Jakob und Thomas war Katharina vor allem eines: ihre Schwester. Sie vermissten sie, wenn sie im Krankenhaus lag, pflückten ihr Blumen, redeten mit ihr.

Die Taufe - ein Tag der Hoffnung für die Familie

Besonders das Kuscheln gefiel Katharina. Woran sie das merkten? Das können ihre Eltern nicht beschreiben, sie spürten es. Denn Reaktionen zeigte Katharina kaum, gehört hat man nur ihr schweres Atmen. An einen einzigen Schrei ihrer Tochter erinnert sich Veronika Utschneider – „ich bin gleich erschrocken“. Auch Katharinas Augen blieben meist geschlossen. Bei ihrer Taufe allerdings war sie wach. Das erste Mal schien sie ihre Umwelt wahrzunehmen, schien mit ihren Fingerchen nach etwas zu greifen. Ein Glückstag für die Familie. Hoffnung hat er gebracht. Darauf, dass sich die schlimmsten Prognosen nicht bewahrheiten würden, die Katharina und ihre Familie seit drei Monaten begleiteten.

Schwerste Behinderungen prophezeiten Ärzte, Katharina würde nie sprechen oder gehen lernen. „Aber keiner hat uns gesagt, dass sie sterben wird“, sagt ihre Mutter.

Den Tod nie ausgeklammert

An einem Abend fiel Veronika Utschneiders Blick auf die zwei Bilder über ihrer Schlafzimmertür. Von einem lacht sie Jakob an, vom anderen Thomas. Beide hocken zufrieden am Boden. Da sagte sie zu ihrem Mann: „Ich sehe Katharina da oben nicht sitzen, Ludwig.“ Vielleicht hat sie da realisiert: So alt würde Katharina nie werden. Das Thema Tod hat das Ehepaar nie ausgeklammert. Vorbereiten auf das, was kam, konnten sich die beiden nicht.

Mitte August ging es Katharina zunehmend schlechter, oft war sie krank. Den Geburtstag ihrer Mama am 23. September feierte sie noch mit. Familienmitglieder und enge Freunde, jeder nahm das Mädchen auf den Arm. „Als hätte sie sich verabschiedet“, sagt Veronika Utschneider heute.

In dieser Nacht legte sie ihre Tochter zu sich ins Bett. Um 0.30 Uhr wachte Veronika Utschneider auf und wusste: Katharina hat aufgehört zu atmen. Ludwig Utschneider sagt über den Moment, in dem er und seine Frau ihre Tochter verloren haben: „In dieser Nacht ist Katharina heimgegangen.“ Heim zu Gott. In den Himmel. Sie bleibt als Engel.

Wer helfen möchte,

die „Harl.e.kin“-Nachsorge im Landkreis zu unterstützen und damit Familien mit Frühchen zu helfen, kann seine Spende – unter dem Stichwort Weihnachtsaktion 2016 – auf eines der Konten der landkreisweit aktiven Bürgerstiftung Mehrwert überweisen. Die Stiftung unterstützt das Garmisch-Partenkirchner/Murnauer Tagblatt wieder bei seiner Spendenaktion: IBAN DE64 7039 0000 0200 0781 90 bei der VR-Bank Werdenfels (BIC: GENODEF1GAP) oder IBAN DE24 7035 0000 0011 1451 41 bei der Kreissparkasse Garmisch- Partenkirchen (BIC: BYLADEM1GAP).

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