Anhand dieser Figur zeigt Christopher Buhr die Tücken im Straßenverkehr auf. 
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Anhand dieser Figur zeigt Christopher Buhr die Tücken im Straßenverkehr auf. 

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Ampel als tödliche Falle für Gehörlose: Oberammergauer produziert Animationsfilm - mit Idee zur Problemlösung

Wer nichts oder nicht viel hört, ist Gefahren ausgesetzt. Auch an Übergängen. Und selbst wenn die Ampel auf Grün steht. Die Betroffenen registrieren nicht, wenn Rettungsfahrzeuge anrauschen. Ein Film klärt nun auf.

Oberammergau – Warten, bis das rote Licht auf Grün springt, kurz noch einmal nach links und rechts schauen, dann kann es losgehen. Eine Straße zu überqueren, scheint so leicht zu sein. Eine Selbstverständlichkeit im Alltag vieler Menschen – sei es nun auf dem Weg zur Arbeit, dem Besuch von Bekannten oder beispielsweise beim schnellen Gang zum Bäcker des Vertrauens.

An vielen Stellen, vor allem großen Kreuzungen, geben Ampeln vermeintlich größtmögliche Sicherheit. Und wenn sich doch einmal ein Rettungswagen oder ein anderes Einsatzfahrzeug mit Blaulicht in hohem Tempo dem Übergang nähert? Dann ist da ja noch das Martinshorn nicht zu überhören. Doch was ist mit den Menschen in der Gesellschaft, die aus verschiedensten Gründen nur eingeschränkt oder gar überhaupt nichts hören können? Für sie kann so ein scheinbar unproblematischer Ampelgang in Bruchteilen von Sekunden zu einer großen Gefahr werden.

Blinksignal würde helfen

Um dieses Problem mehr publik zu machen, hat Christopher Buhr einen Animationsfilm kreiert. Eineinhalb Minuten dauert er, trägt den Namen „Die tödliche Ampel“. Dem Zuschauer wird schnell klar, warum der Oberammergauer diesen drastischen Titel wählte. Im Film ist ein gehörloser Mann zu sehen, der eine Ampel überquert und von einem heranfahrenden Einsatzfahrzeug überrascht wird.

In der zweiten Hälfte zeigt der 56-Jährige die Lösung auf: Warnsignale, die an den Ampeln angebracht werden und mit einem Blinksignal die Menschen, die nicht oder nur begrenzt hören können, auf solche Ausnahmesituationen aufmerksam machen sollen. Der Einsatz solcher Hilfsmittel geht auf die Idee eines gehörlosen Bürgers aus Unterfranken zurück. Norbert Pfeuffer hat in seiner Heimatstadt Würzburg oft negative Erfahrungen gemacht und kämpft seitdem um mehr Aufmerksamkeit. „Herr Pfeuffer wurde durch einen BR-Dokumentarfilm auf meine bisherigen Arbeiten aufmerksam“, erklärt Buhr. Anschließend traten beide, wie in diesen Zeiten üblich, per Video-Chat in Kontakt. Der Oberammergau präsentierte nach nur elf Tagen das fertige Werk.

Ist einer der erfolgreichsten gehörlosen Filmemacher: Christopher Buhr.

Neben dem Portal für Hörbehinderte und Gehörlose „deafservice“, wo der Animationsfilm noch bis 30. April zu sehen ist, ist er auch auf der Video-Plattform YouTube zu finden. Über 770 Mal wurde er schon angeklickt. Wenn es nach Buhr geht, darf die Zahl der Aufrufe noch deutlich mehr steigen. Der Regisseur will eine möglichst viele Menschen ansprechen. Die digitale Welt sieht er dabei als zentrales Element: „Soziale Medien und Videoplattformen sind aus der heutigen Zeit nicht mehr wegzudenken“, betont er und meint: „Viele Menschen nutzen diese inzwischen öfter als das klassische Fernsehen.“

Buhr liegt das Thema am Herzen. Er kann sich in die Probleme hineinversetzen. Er selbst ist gehörlos und kennt brenzligen Situationen. Zum Beispiel beim Überqueren der Kreuzung am Rathausplatz in Garmisch-Partenkirchen. Ganz allgemein wirbt er für mehr Rücksicht gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern im Straßenverkehr und betont: „Manche Menschen sind sich dessen nicht bewusst, welche Barrieren man mit einer Hörbehinderung überwinden muss.“

Einer der erfolgreichsten gehörlosen Filmemacher

Der Animationsfilm ist nur einer von vielen des 56-Jährigen. Seit seiner Jugend beschäftigt er sich mit den Themen Film und Produktion. Mittlerweile gilt er in der Branche als einer der erfolgreichsten gehörlosen Filmemacher in Deutschland und hat bereits mehrere nationale und internationale Preise gewonnen. So war er beispielsweise im Jahr 2017 mit dem Kurzfilm „The 7th Refugee“ für den Award „bester Animationsfilm“ beim Internationalen Filmfestival „Clin D’Oeil“ im französischen Reims nominiert und gewann diesen auch. Auszeichnungen wie diese erachtet er als Bestätigung für die viele Zeit, die er in seine Projekte steckt. „Natürlich bin ich stolz darauf, als gehörloser Regisseur solche Anerkennung für meine Arbeit zu erhalten.“ Anerkennung für stundenlange Mühen, die rein nebenerwerblicher Natur ist.

Hauptberuflich arbeitet der 56-Jährige als Modellbauer und ist zudem gelernter Technischer Zeichner. Zwischen diesen beiden Handwerken und seiner großen Leidenschaft sieht er wertvolle Parallelen. „Durch meine Berufsausbildungen kann ich mich gut in andere Perspektiven hineinversetzen und auf kreative Lösungswege kommen“, sagt er. „Das hilft mir sehr beim Filmemachen.“ So gelingt es Buhr auch, Schwierigkeiten, die beim Vertonen der Werke entstehen, auf seine eigene Art und Weise zu überwinden. Hindernisse nimmt er als Herausforderungen an. Und das bereitwillig.

Seine Kreativität speist sich zum teil auch aus seinen vielen Erlebnissen. Buhr wohnte bereits in Südafrika, wo er geboren wurde. In Norddeutschland wuchs er auf, in seine Wahlheimat Oberammergau hat es ihn 2013 aus beruflichen Gründen verschlagen. Der 56-Jährige fühlt sich wohl im Ort, ist fest verankert und arbeitet bereits an seinem nächsten Filmprojekt. Davon hält ihn die Corona-Pandemie nicht ab. Zu sehr brennt er für seine Leidenschaft.

Tobias Schwaninger

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