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„Es ist einfach die Kohle nicht da“: Beliebtes Schwimmbad schließt - Betriebsleiter erhebt schwere Vorwürfe

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Von: Josef Hornsteiner

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Hat viel zu kritisieren: Betriebsleiter Ludwig Schön spricht Tacheles bei der Gemeinderatssitzung am Mittwoch. Er ist enttäuscht von der Politik.
Hat viel zu kritisieren: Betriebsleiter Ludwig Schön spricht Tacheles bei der Gemeinderatssitzung am Mittwoch. Er ist enttäuscht von der Politik. © PETER KORNATZ

Nun ist es fix: Das Oberammergauer Schwimmbad schließt dauerhaft. Doch soll zumindest ein Freibadbetrieb im Sommer erhalten bleiben.

Oberammergau – Mit einem sarkastischen Auflachen zog er die Aufmerksamkeit auf sich. Als ihm das Wort erteilt wurde, polterte Ludwig Schön los. „Ihr seid seit 15 Jahren nicht in der Lage, das Bad zu betreiben.“ Der Noch-Betriebsleiter des Oberammergauer Wellenbergs war gereizt. „Es ist einfach die Kohle nicht da, Punkt.“ Schön bringt salopp das auf den Punkt, woran es bereits seit Jahrzehnten am Oberammergauer Schwimmbad scheitert: Geld. Es war eine historische Gemeinderatssitzung, in der Schön im Ammergauer Haus von Bürgermeister Andreas Rödl (CSU) Redeerlaubnis bekam. Das Gremium zog nun die Konsequenz aus dem finanziellen Debakel: Mit 11:8 Stimmen ist das Oberammergauer Schwimmbad zu Grabe getragen worden. Am 30. September ist es den letzten Tag geöffnet.

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Schön hatte viel zu kritisieren. Immer wieder seien er und seine Mitarbeiter mit „kleinsten Minimal-Lösungen“ abgespeist worden. Vieles haben die Arbeiter aber selbst leisten müssen, wie Reparaturen, Instandsetzungen, teils sogar Sanierungen. Sie seien mittlerweile einer enormen psychischen Belastung ausgesetzt. Einheimische würden sich über den Zustand des Bades beschweren, Gäste auch. „Wisst ihr, was wir täglich zu hören bekommen dürfen?“, fragte er ins Gremium. Er sei mit anderen Zielen 2017 nach Oberammergau gekommen, habe deshalb gekündigt. Wie mit dem Bad seitens der Gemeinde umgegangen wird, ist für Schön ein Unding. Zwar wurden rund zehn Millionen Euro – manche Gemeinderäte meinen, es waren sogar wesentlich mehr – in den Wellenberg investiert worden. „Doch war das alles immer nur Flickschusterei“, sagte Schön. Am 1. Oktober ist Schluss.

Nach Alpamare in Bad Tölz und Karwendelbad in Mittenwald schließt nun auch der Wellenberg

Damit reiht sich das Schwimmbad in die Liste jener Bäder ein, denen gleiches Schicksal widerfuhr: Das Alpamare in Bad Tölz (Schließung 2015), das Karwendelbad in Mittenwald (Schließung 2016) – über 44 Schwimmbäder sind seit dem Jahr 2005 in Oberbayern geschlossen worden. Rödl versteht die Emotionen, die die Schließung des Wellenbergs mit sich bringt. Ludwig Utschneider (PWG) redete von einem „traurigen Tag“ und „herben Verlust“. Doch sprechen die Zahlen, die Geschäftsleiter Christian Ostler im kleinen Sitzungssaal des Ammergauer Hauses verkündet, eine deutliche Sprache.

Zwischen 2012 und 2022 hat das Bad ohne Abschreibungen 9,79 Millionen Euro verschlungen. Im Gegenzug dazu ist die Liste der Pflichtaufgaben für die Kommune stets gewachsen. Etwa 30 Millionen Euro Investitionsstau hat die Gemeinde aktuell, darunter lebensrettende Maßnahmen wie Hochwasserschutz oder Feuerwehr-Unterhalt. „Nimmt man noch die freiwilligen Leistungen hinzu, müssten wir bis zum Jahr 2030 insgesamt über 50 Millionen Euro in die Hand nehmen. Das wird schwer“, wenn nicht gar unmöglich. Denn schon jetzt weiß Rödl, dass die Passionsspiele diesmal nicht die Gewinne abwerfen werden wie die im Jahr 2010 – damals blieben 40 Millionen Euro übrig. „Dann kommt noch die Inflation hinzu.“

Und seit Russland im Juni die Gaslieferung nach Deutschland deutlich gedrosselt hat und die Gasspeicher für den Winter nicht mehr so gefüllt werden können wie notwendig, „wird es immer wahrscheinlicher, dass die Versorgung priorisiert werden muss“, verlas Ostler. Eine Freizeiteinrichtung wie der Wellenberg sei eben „kein geschützter Kunde“ und würde bei Engpässen nicht mehr mit Gas versorgt werden.

Wellenberg: Ob Gebäude schleunigst abgerissen wird oder es eine Zwischennutzung gibt, ist noch offen

Kurzum: Aus ist’s für den Wellenberg. Der große Gebäudekomplex wird dauerhaft stillgelegt. Ob er sofort abgerissen oder einer kurzweiligen Zwischenlösung zugeführt wird, soll noch entschieden werden. Einen letzten Hoffnungsschimmer gibt es noch: Wenn die Gespräche zwischen Kommune und potenziellem Investor fruchten. Die Freien Wähler pochen zudem weiterhin darauf, Pläne für ein kleines Bürgerbad auszuarbeiten.

Um die Zeit bis zu einer möglichen Lösung zu überbrücken, soll der Außenbereich mit seinem 50 Meter langen Sportbecken als Freibad genutzt werden. Die einfachste, kostengünstigste und aktuell haftungsrechtlich sicherste Variante, meint Ostler. „Ergänzt werden könnte das Angebot mit dem Kinderplanschbecken samt Liegewiese, Spielplatz und Beachvolleyballfeld.“ Grillstellen, beschattete Kinderbecken und Ähnliches sollen die Anlage weiter aufwerten. Garderoben und Toiletten wären da. Die Wasseraufbereitung des Sportbeckens kann die Gemeinde unabhängig von der Technik des geschlossenen Hallenbads betreiben. „Die Energiekosten würden sich im Rahmen halten“, versichert Ostler. Die Solaranlage erwärmt das Becken, die laut Betriebsleiter Schön zwar in einem schlechten, aber noch nicht ganz desolaten Zustand ist. „Weil wir sie jährlich geflickt haben.“ Wie so vieles in dem Schwimmbad, das in den 1990er-Jahren bis zu 360 000 Gäste jährlich von nah und fern anlockte.

Diese Zahlen gehören schon lange der Vergangenheit an. 2019 waren es gerade noch 158 000. Heuer ist man sogar von dieser Marke meilenweit entfernt. So kamen im Juli knapp 7000 Gäste – 2019 über 20 000. Über die Gründe des Besucherrückgangs waren sich die Gemeinderäte nicht einig. „Kein Wunder, wenn es keine Attraktionen mehr gibt“, polterte etwa BIO-Gemeinderat Florian Schwarzfischer. Für ihn ist der Besucherrückgang seit der Schließung des einst berühmten Wellenbeckens, dem das Bad seinen Namen verdankt, schon los gegangen. Dass Attraktionen alleine auch keine Besucher mehr aus Landsberg, München oder Augsburg nach Oberammergau ziehen, das war für Simon Fischer (CSU) klar. Eine Debatte entbrannte über Schuld und Nicht-Schuld. Was verschlafen wurde in den vergangenen Jahrzehnten. Für Gemeinderätin Barbara Cunradi-Rutz (Frauenliste) war jedoch „der größte Fehler, damals ein so großes Schwimmbad zu bauen“.

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