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Aufgeräumt – nach intensiven zwölf Jahren: Arno Nunn war „gerne Bürgermeister von Oberammergau“. Sagt er aus Überzeugung. 

„Ich bin kein Polterer“

Zwölf Jahre Arno Nunn: Oberammergaus Ex-Bürgermeister zieht Bilanz 

  • Ludwig Hutter
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Arno Nunn war gerne Bürgermeister von Oberammergau. Auch in schwierigen Zeiten. Wie es nun weitergeht, weiß er noch nicht. 

Oberammergau – Es sind diese Geschichten, die nur Oberammergau schreiben kann. Ein politischer Quereinsteiger, aus dem fränkischen Röthlein stammend, von Beruf Hauptkommissar und gerade mal zwölf Jahre hier wohnhaft. Und dann passiert eben jener 16. März 2008: In der Bürgermeister-Stichwahl boxt ein Polit-Neuling Arno Nunn, der im Vorfeld nur mit viel Mühe die notwendigen 120 Unterstützungsunterschriften zusammenbringt, seinen Mitbewerber Florian Streibl aus dem Ring. Einen Streibl! Was für einen Klang hat dieser Name im Dorf! Gerade 64 Stimmen Unterschied liegen zwischen Sensation und schmerzhafter Niederlage. Nunn selbst empfindet es damals „wie den berühmten Aufstieg vom Tellerwäscher nach ganz oben“.

Wieder zwölf Jahre später schließt sich der Kreis. Nach zwei Perioden gibt der politische Einzelkämpfer das höchste Gemeindeamt zurück: „Es ist genug.“ Im Oktober wird Arno Nunn 60, mit dem Rückzug geht er in Pension. „Ich glaube sagen zu können, dass ich das Haus einigermaßen geordnet übergebe. Auch wenn man noch nicht weiß, welche Auswirkungen Corona letztlich haben wird.“ Dass in der allerletzten Phase seiner Amtszeit ein Virus alles auf den Kopf stellte – Schicksal? Pech? Tragik? Unvorstellbar, dass Covid-19 sogar die unmittelbar bevorstehende Passion zu Fall bringen würde. Noch immer kann es Nunn nicht fassen, „dass wir schon so kurz vor der Premiere standen und dann auf einmal alles Makulatur war“. Nun unternimmt das Dorf einen neuen Anlauf. 2022. Den finanziellen Schaden durch die Absage schätzt der Ex-Bürgermeister auf zehn Millionen Euro, plus mindestens fünf Millionen beim Eigenbetrieb: „Wie bei Monopoly. Du ziehst eine Ereigniskarte, auf der steht: ... gehe nicht über Los, ziehe nicht DM 4000 ein.“ Ja, dieser gemeine Schlussakkord hat dem Scheidenden den Abschied sauber vergällt. Die Abschiedsfeiern fielen ins Wasser, vor allem mit seinen Mitarbeitern, die ihm ans Herz gewachsen seien: „Es ist halt so, nicht zu ändern, wirklich schade, ja schade.“

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60, manchmal 70 Stunden in der Woche im Dienst

Ein kurzer Blick auf seine 12-Jahres-Bilanz? „Es war unglaublich intensiv mit allen Facetten, sehr anstrengend, erfüllend, manchmal auch nicht so angenehm.“ Im Vordergrund sei für ihn, so Nunn, immer gestanden: Was könne man machen, dass es dem Dorf gut gehe? Man nicht in die absolute Abhängigkeit von der Passion gerate und handlungsfähig bleibe. Immer wieder Anerkennung von den Bürgern habe er gespürt, das sei sehr schön gewesen, blickt der Gemeindechef zurück. Auf der anderen Seite standen in seiner Amtszeit aber auch vier verlorene Bürgerentscheide, dazu noch zwei Beinahe-Abstimmungen. Damit hatte er „keine Probleme“, denn man müsse dem Bürger in einer Demokratie zugestehen, eine andere Meinung zu vertreten als die Entscheidungsgremien. „Was ich aber gelernt habe in zwölf Jahren: Der Wähler sieht das Gesamtpaket, auch wenn er in dem einen oder anderen Punkt mal eine andere Meinung vertritt.“ 60, manchmal 70 Stunden seien pro Woche zusammengekommen. Und: „In den zwölf Jahren bin ich pro Jahr nicht länger als zwei, drei Tage krank gewesen.“

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Oberammergau sieht Arno Nunn „gut aufgestellt“ . Nato-Schule, Kliniken, gute Einzelhandelsstruktur, Ammergauer Alpen, Theatersommer, Schulen, Kitas – das Dorf habe ein hohes Maß an Attraktivität: „Das kann sich mehr als sehen lassen, darum leben die Menschen hier auch gerne.“ Der Wohnungsmarkt? „Ja, das ist ein Problem, aber darüber klagen auch andere Gemeinden.“

Nunn zog seinen Stil durch

Was letztlich Corona bewirke, vermag der 59-Jährige nicht zu sagen, ist aber überzeugt: „Es ist händelbar. Wir haben es 2009 auch geschafft. Aber eines ist auch klar: Man wird viele freiwillige Leistungen zurückfahren müssen.“ Wellenberg, Ammergauer Haus – alte Themen, neu aufgetischt.

Keine Frage: Nunn hat in diesen zwölf Jahren seinen Stil durchgezogen, sich nicht irgendwo Mehrheiten gesucht, sich nicht angebiedert. Dadurch ist er mitunter heftig angeeckt, musste er herbe Kritik einstecken. Im Gemeinderat. Oder in Leserbriefen. Warum er da nicht manchmal aus der Haut fuhr, zurück giftete, cool blieb? „Ich bin kein Polterer, das hab’ ich bei der Polizei gelernt. Ich habe immer versucht, nicht in die Rechtfertigung zu geraten. Wer sich rechtfertigt, klagt sich an.“ Nur jüngst bei einem Angriff einer Bürgerin über die Heimatzeitung wollte er das Geschriebene nicht unkommentiert lassen. Der Vorwurf: Er habe versucht, einen Feuerwehrmann, der in einen Unfall mit einem Verantwortlichen aus dem Leitungsteam der Passion verwickelt war und Anzeige erstattete, unter Druck zu setzen, damit er seine Anzeige zurückziehe. „Das traf in keinster Weise zu. Hier wurde das Maß des Erlaubten deutlich überschritten.“

Ansonsten? Gibt es ein Schlusswort nach zwölf Jahren? „Es ist alles gesagt.“ Und seine Zukunft? „Wir wollen in Oberammergau bleiben.“ Und sonst? „Ich weiß nicht, ob das große Loch bei mir kommen wird.“ Und einen Plan für danach, „den habe ich eigentlich nicht“. Neue Wege zu gehen, damit hatte Arno Nunn noch nie Berührungsängste. Auch nicht 2008. Heute kann man sagen: Er hat Oberammergau gemeistert!

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