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Kahle Bühne, üppige Dialoge: Premiere im Passionstheater mit "Kaiser und Galiläer".

"Kaiser und Galiläer" im Passionstheater

Nach 110 Jahren wachgeküsst

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Oberammergau - Christian Stückl eröffnet den Kultur- und Theatersommer 2016 mit einem unbekannten Werk - Henrik Ibsens "Kaiser und Galiläer".

Schon fast entschuldigend kündigt Christian Stückl bei der Begrüßung des Premierenpublikums an: „Wir haben diesmal ein schwieriges und sehr unbekanntes Stück ausgesucht.“ In der Tat versuchte sich 110 Jahre lang kein Regisseur an dem Mammutwerk „Kaiser und Galiläer“ des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen. Doch in Oberammergau, „da kann man sowas machen“, glaubt der Theatermann und läutet damit den Kultursommer 2016 ein. Dass zum Auftakt „nur“ 900 Interessierte gekommen sind, mag tatsächlich dem unbekannten Stoff geschuldet sein. Doch das muss auch mal neben Kassenfüllern wie Brandner Kaspar und Heimatsound erlaubt sein.

Schwer verdauliche Theaterkost mit x-Dialogen ist die eine Seite, glänzende Rollenbesetzungen und Schauspielerleistungen die andere. Allein, wie es Frederik Mayet als rastloser und ständig suchender Julian binnen weniger Wochen gelingt, über 500 Sprecheinsätze – mehr als in der Rolle von Jesus – im Gedächtnis fest zu zementieren, muss jedem allerhöchsten Respekt abnötigen. Ein wohltuend ruhiger Abdullah Kenan Karaca (bei seiner Premiere) und ein gleichermaßen optisch wie darstellerisch hervorstechender Stefan Burkhart (als Maximos), dazu die versierten Carsten Lück (vom Judas zum Bischof) sowie Anton Preisinger drücken der Inszenierung ihren Stempel auf.

Die allergrößten Überraschungen sind die Jungen – an vorderster Front Rochus Rückel (was für ein Talent!), daneben auch Dima Schneider sowie Cengis Görür oder Kilian Clauss als antike Statue mit Sixpack. Von einer Frauenquote ist Stückl auch diesmal meilenweit entfernt: Einzig Eva Reiser als Kaiser-Tochter Helena baut er in seiner Männergesellschaft ein. Natürlich wird auch wieder ordentlich gemordet auf der weißen, kahlen Bühne.

Chor und Orchester – bald 100-köpfig – finden Platz auf der Mittelbühne, Auferstehung aus dem Orchestergraben, der diesmal für die Bühne herhalten muss. Wie immer sind Musik und Gesang großartig – und werden leider auch bei dieser Inszenierung nur eingestreut. Unter ihnen ist auch der evangelische Pfarrer Peter Sachi, dem sich mitunter angesichts der kirchenkritischen Dialoge („Mörder im Purpurmantel“, „Es gibt eine Welt, in der ihr Christen blind seid“) der Magen umdrehen dürfte.

Fast drei Stunden (inklusive Pause) verbannt Christian Stückl die Zuschauer in sein Theater, doch deren Sinne werden nicht schläfrig. Das ist der hellwachen Performance geschuldet. In der Kürze der zur Verfügung stehenden (Vorbereitungs-)Zeit erwies sich der Regisseur einmal mehr als Meister der Improvisation. Davon werden alle – von der Näherin bis zum Gedächtnis-Guru Mayet, vom Bühnenschreiner bis zur Cellistin – mitgerissen. Ob sie nun wollen oder nicht. Alles eine Sache der (Theater-)Gene, wovon die Ammergauer reichlich haben.

Bilder: Kaiser und Galiläer im Passionstheater

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