+
Spannender Einblick: Mitglieder der Bürgerinitiative Verkehrsentlastung Oberau – darunter die Sprecher Josef Bobinger (2. v. r.) und Christian Allinger (3. v. r.) – lassen sich von Hannes Mauracher (l.) durch die Tunnel-Baustelle führen.

Das passiert im Tunnel Oberau

Bürgerinitiative VEO macht Abstecher unters Gießenbachtal

  • schließen

Ihr Kampf hat sich gelohnt. Der Tunnel, der ihren Ort vom Durchgangsverkehr der B 2 befreit, wird gebaut. Ein Vorhaben, das gerade die Mitglieder der Bürgerinitiative Verkehrsentlastung Oberau gespannt verfolgen. Jetzt durfte ein Teil von ihnen erstmals auf die Großbaustelle.

Oberau – Er kratzt am Gestein. Ganz vorsichtig. Zentimeter um Zentimeter gräbt sich die Schaufel weiter. So zumindest schaut’s für die Besucher aus. Viel passiert nicht in der Weströhre, als einige Oberauer die Tunnel-Baustelle besichtigen. Spannend finden sie’s trotzdem. „Im Lockermaterial ist der Vortrieb sehr aufwändig“, erklärt Volkmar Schneider. Maximal 2,50 Meter schaffen die Arbeiter in 24 Stunden. Tatsächlich wenig, bedenkt man, dass es 10 bis 15 sind, wenn gesprengt werden kann. Unter dem rund 700 Meter langen Gießenbachtal ist genau das nicht möglich. Oben Schotter, unten Moräne – so beschreibt der Tunnelbauingenieur und Geologe den Abschnitt.

Mühsames Unterfangen: Zentimeter um Zentimeter arbeitet sich der Baggerführer mit der Schaufel vor, um das Lockergestein unter dem Gießenbachtal abzutragen.

2019 Meter – mit roter Sprühfarbe ist die Zahl an der Wand festgehalten. Soweit ist man mit der Weströhre schon vorgedrungen, als Mitglieder der Bürgerinitiative Verkehrsentlastung Oberau (VEO) die Baustelle besuchen. Zum ersten Mal. „Eindrucksvoll“ findet Christian Allinger den Termin. „Jetzt kann ich mir alles viel besser vorstellen“, sagt der VEO-Sprecher. Auch das, was gerade acht Meter über ihm liegt – grüne Wiesen im Gießenbachtal. Darunter ist’s dunkel. Nur wenige Leuchtröhren hängen an den braun-grauen Wänden. Einige sind rot. Sie zeigen an, wo sich schon Querschläger befinden. Andere blau, an den Stellen, an denen’s für den Notfall Sauerstoffflaschen gibt.

Polier gerät mit Fuß unter Bagger

Heute, wenn Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt vorbeischaut, wird er genau wie die VEO-Mitglieder ausgestattet, ehe er die Baustelle betritt. Im Einheitslook – mit gelben Gummistiefeln, auf denen mit schwarzem Edding die Schuhgröße steht, orange-farbener Weste mit Leuchtstreifen und natürlich einem Helm. Sicherheit wird groß geschrieben im Oberauer Tunnel. Trotzdem lassen sich Unfälle nicht immer vermeiden. Ein schwerer ist bislang passiert. Zum Glück nur einer. Der Polier allerdings, dessen Fuß im vergangenen Dezember unter einen Bagger geraten ist, liegt noch immer im Krankenhaus. Der tote Winkel war ihm zum Verhängnis geworden. In dem hatte er sich bewegt, der Fahrer des schweren Geräts hatte gar keine Chance, ihn zu sehen.

Vermessung in der Weströhre: Ehe neuer Spritzbeton aufgebracht wird, kontrolliert der Polier den Fortschritt.

Auch deshalb nimmt sich Hannes Mauracher Zeit, um seinen Gästen die Verhaltensregeln im Tunnel einzuimpfen. Die wichtigste: Jeder hört auf sein Kommando. Wenn er sagt, dass die Gruppe zur Seite gehen soll, dann ist das Gesetz. Der Tiroler ist Profi. Regelmäßig führt er Besuchergruppen durch die spektakuläre Baustelle. Seine Gäste hat er im Griff. Allen ist bewusst: Er ist der Boss. Und wenn er ruft, muss man eben auch mal auf ein Fotomotiv verzichten. „Um den Ablauf möglichst wenig zu stören, lassen wir Besucher nur beim Schichtwechsel rein“, erklärt der Mitarbeiter der Bauüberwachung. Er steuert einen der beiden Kleinbusse, erst durch die Ost-, dann über einen Querschlag in die Weströhre. Und muss immer wieder ausweichen, um einen Mannschaftswagen vorbeizulassen. Für kurze Zeit arbeiten nur wenige Leute im Tunnel, der perfekte Moment, um neugierigen Besuchern einen Einblick zu gewähren.

Neugierig sind sie, die Oberauer. Kein Wunder, schließlich haben sie jahrzehntelang dafür gekämpft, dass ihr Dorf endlich vom Verkehr entlastet wird. Unermüdlich machten sie auf ihr Dilemma aufmerksam. 2000 gründeten sie die VEO, am 12. Juli 2003 gingen sie zum ersten Mal auf die Straße und legten den Verkehr lahm. „Da haben wir gleich eine Riesenstrafe kassiert“, erinnert sich VEO-Sprecher Josef Bobinger und lacht. Sie hätten die Straße halt nicht blockieren dürfen, die Genehmigung lag nicht vor. Im Lauf der Zeit entwickelten sich die Oberauer allerdings zu erfahrenen Demonstranten. Und schafften es, immer mehr Menschen, auch aus den umliegenden Gemeinden, für ihr Anliegen zu gewinnen. „Den schönsten Stau des Jahres“ produzierten sie – bis zum Juli 2013. Teilweise waren bis zu 1000 Leute auf der Straße, um ihren Unmut kundzutun. Nie bösartig, aber immer mit Nachdruck. Und letztlich mit Erfolg. Gerne erinnert sich Bobinger an „die legendäre Sitzung am Faschingssamstag 2014“. Da gab Dobrindt grünes Licht für den Bau der Ortsumfahrung.

Unter den Wiesen im Gießenbachtal wird momentan der Tunnel gegraben. Das Lockergestein in diesem Bereich erschwert die Arbeiten, täglich geht’s maximal zwei Meter voran.

Auch wenn die Autobahndirektion Südbayern seit September 2015 baut, um die B 2 aus dem Loisach-Dorf zu verlegen, „sind wir noch nicht am Ziel“. Erst wenn die B 23 ebenfalls mittels einer Umfahrung am Ort vorbeigeführt wird, ist dieses dem VEO-Sprecher zufolge erreicht. „Die durchquert unseren Ort genauso.“ Deshalb steht für Bobinger und seine Mitstreiter außer Frage, dass in diesem Bereich genauso etwas passieren muss, damit endlich Ruhe einkehrt in Oberau.

Doch das ist eine andere Baustelle. Eine, die das Staatliche Bauamt Weilheim tangiert. Volkmar Schneider, der die B2-Umfahrung im Auftrag der Autobahndirektion überwacht, ist allein für diese Verbindung zuständig. Seit 30 Jahren arbeitet der Oberpfälzer im Tunnelbau. Das 204-Millionen-Euro-Vorhaben in Oberau ist aber auch für den erfahrenen Ingenieur und Geologen etwas ganz Besonderes. „Eines der Highlights aus technischer Sicht war die Unterfahrung der Firmen Langmatz und Saller“, sagt Schneider. Da musste gebohrt, injiziert und angehoben werden, um die Gebäude während des Vortriebs nicht zu schädigen. Millimeterarbeit im Gießenbachtal. „Da konnten wir kein standardisiertes Verfahren anwenden, das mussten wir auf der grünen Wiese proben und konnten dann loslegen.“ 

Der Experte: Bauingenieur Volkmar Schneider überwacht die Arbeiten im Auftrag der Autobahndirektion Südbayern.

Mit der Weströhre haben sie die Unterfahrung bereits geschafft, die Oströhre ist gut zur Hälfte durch. „Läuft alles perfekt, stehen die Gebäude nachher wieder so wie vorher“, erklärt Schneider. Nach momentanem Stand geht die Rechnung auf. So seine Einschätzung. Andere berichten von Löchern, Rissen und geplatzten Scheiben in den betroffenen Häusern. „Wir haben aber präzise gearbeitet“, meint Schneider, „und müssen wohl nicht mehr nachjustieren.“

Spannender Einblick in die Weströhre

Der Bereich, in dem sich die Arbeiter – pro Zwölf-Stunden-Schicht und Röhre sind’s fünf bis sechs – momentan zu schaffen machen, ist komplett abgedichtet. „Mit einer wasserdruck-haltenden Schale“, erklärt Schneider. Eine wichtige Maßnahme, um insbesondere die Baustelle abzusichern. Gerade bei heftigen Regenfällen drohte nämlich die Gefahr, dass das Grundwasser ansteigt und in die Röhren eindringt. 70 Meter, dann haben die Arbeiter das Lockergestein endlich überwunden. Unterm Kirchbichl, wo’s noch knapp 600 Meter bis zum künftigen Südportal sind, kann wieder gesprengt werden.

„Da passiert dann auch mehr“, betont Mauracher. Bobinger und andere Mitglieder des Gemeinderats haben das schon erlebt. Sie waren dabei, als im Mühlberg die Sprenglöcher gebohrt wurden. Jetzt bekommen sie einen ganz anderen Arbeitsschritt mit – und sind fasziniert. Genau wie die VEO-Mitglieder, die zum ersten Mal auf der Tunnel-Baustelle sind. Alles, was sie erspähen, wird per Smartphone oder Kamera festgehalten. Sei’s der kratzende Bagger. Oder der Ständer, auf dem Wasser und Thermoskannen für die Arbeiter stehen. „Es ist einfach alles spannend“, sagt Allinger. Und drückt gleich noch einmal auf den Auslöser. An dem, was hier passiert, haben die VEO-Vertreter schließlich einen entscheidenden Anteil. Es ist sozusagen ihre Baustelle, an der bis zur Einweihung im Dezember 2021 auf Hochtouren gearbeitet wird. Eine, um die sie lange gekämpft haben. „Deshalb versuchen wir auch, noch einmal einen Besichtigungstermin zu bekommen.“

Geht’s nach Allinger, dann einen unterm Kirchbichl, wenn es gilt, das Dolomitgestein zu durchdringen. Oder einen, wenn die Röhren ausbetoniert werden. Zunächst muss aber der Durchschlag erfolgen. Anfang Dezember nennt Schneider als Termin. Bis Februar 2018 sei der Ausbruch weitgehend geschafft, dann beginnen die Arbeiter mit der Innenschale.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Mittenwalder plant, baut, schenkt Hoffnung 
Andreas Reiser aus Mittenwald hat Großes vor: In Südamerika will er gemeinsam mit Studenten der Hochschule München in einem Dorf in Ecuador ein Kinder-Kulturzentrum …
Mittenwalder plant, baut, schenkt Hoffnung 
Kulturknall: Großes Jubiläum mit Seebühne
Der Kulturknall des Vereins Menschen Helfen ist eine Institution. Nächsten Sommer feiert das beliebte Festival sein 25-jähriges Jubiläum auf eine spektakuläre Weise: in …
Kulturknall: Großes Jubiläum mit Seebühne
Hat der Funkmast seinen Probebetrieb aufgenommen?
Noch ist über die Zulässigkeit des Bürgerbegehren in puncto Mobilfunk noch nicht entschieden worden, da gibt es schon den nächsten Streit.  FDP-Mann Martin Schröter und …
Hat der Funkmast seinen Probebetrieb aufgenommen?
Tunnel Oberau: Der erste Durchbruch steht an
Noch blicken Autofahrer auf der B2 am Südportal der Ortsumfahrung Oberau auf eine geschlossene Steinwand. Das ändert sich am Wochenende. Ein erstes großes Loch wird …
Tunnel Oberau: Der erste Durchbruch steht an

Kommentare