Wolfgang Zimmerer (vorne) und Peter Utzschneider sitzen im roten Deutschland-Bob und rasen durch den Eiskanal bei den Olympischen Spielen 1972 in Sapporo.
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Olympischen Spiele 1972 in Sapporo: Wolfgang Zimmerer (vorne) und Peter Utzschneider rasen durch den Eiskanal.

Ohlstädter Bob-Legende Wolfgang Zimmerer wird 80 Jahre alt

Jubiläum eines Titelsammlers

  • Andreas Mayr
    vonAndreas Mayr
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Acht einmalige Anekdoten zum 80. Geburtstag. Die haben Mitstreiter früherer Tage über Wolfgang Zimmerer erzählt, die Ohlstädter Bob-Legende.

  • Warum Zimmerer und Co. 1972 Fleisch nach Japan schmuggelten
  • Ein kleiner Unfall vor der „tollsten Feier“
  • Die Ohlstädter unternahmen mehr als nur gemeinsam im Bob zu sitzen

Murnau/Ohlstadt – Es scheint die Sonne, und das ist nur richtig für einen Mann wie Wolfgang Zimmerer, der in den 1970ern die Deutschen zum Strahlen brachte. Der Ohlstädter Bobfahrer holte Olympia-Gold in Sapporo, war viermal Weltmeister, fünfmal Europameister, hat über ein Jahrzehnt die Bob-Dynastie des Ortes verwaltet. Am heutigen Sonntag feiert er seinen 80. Geburtstag. Landrat Anton Speer, ein guter Freund, hat ihm zuvor schon eine Kiste Bier vor die Haustüre liefern lassen. Zimmerer hat’s gefreut. Gefeiert wird nur im kleinen Kreis. Mit der Familie. Das große Fest, Zimmerer wollte sich in einer Wirtschaft einmieten, mit den Sportkameraden, verschiebt sich. Dafür gratulieren seine Mitstreiter von früher im Tagblatt und erzählen Geschichten, die bislang die wenigsten gehört haben dürften. Hier sind acht einmalige Anekdoten zum 80er – herzlichen Glückwunsch, Bob-Legende!

Zimmerers eigene Straße

Der Mann hat seine eigene Straße, so berühmt und verehrt war er. Die Gemeinde Neufahrn, heute 19 000 Einwohner, suchte in den 1970ern einen Namen für eine neue Straße. Ein Sportler soll es sein, ein bekannter obendrein. 100-Meter-Sternchen Annegret Richter und Wolfgang Zimmerer standen zur Wahl. Der Gemeinderat entschied sich für den Bobhelden. „Was für mich eine große Ehre ist“, sagt Zimmerer. Er hat Neufahrn und seine Straße öfters besucht, etwa bei diversen Wohltätigkeits-Fußballspielen. Sein Fazit: „Ich hab’ sie mir angeschaut, sie ist eine kleine Straße – passt zu mir.“

Die Premierenfahrt

Das Datum weiß er noch. Am 6. Januar 1965 bezwang Stefan Gaisreiter zum ersten Mal die „sagenhafte Ohlstädter Bobbahn“ aus Natureis. Am Steuer natürlich Wolfgang Zimmerer, der „Wolferl“, wie sie ihn nennen. Gaisreiter hätte gar nicht anschieben sollen, sondern Peter Utzschneider, der aber bei der Blasmusik im Ort gefragt war, man feierte ja Dreikönig. Also fuhren Zimmerer und Gaisreiter „die schnellste Bahn der Welt“, wie sie damals hieß. Wobei das natürlich nur ein Marketing-Gag und ein kleiner Schwindel war, weil man bei der Bahnlänge ein wenig schummelte.

Bild früherer Tage: Wolfgang Zimmerer (r.) mit seinem langjährigen Weggefährten Peter Utzschneider.

Der gebrochene Zeh

Es mag nicht die größte Feier gewesen sein, aber mit Sicherheit die aufregendste: 1969 nach der Überraschung bei der WM in Lake Placid zimmerte Ohlstadt flott eine Gold-Feier zusammen. Die Vierer-Crew um Zimmerer, Utzschneider, Gaisreiter und Walter Steinbauer landete aber einen Tag zu früh in Zürich. Man befahl ihnen, noch eine Nacht in Immenstadt zu schlafen. Bei einer Gaudi-Verfolgungsjagd im Hotel trat er gegen eine Bettkante, brach sich den kleinen Zeh. „Hat ganz schön gejuckt“, sagt Zimmerer. Machte aber nichts, denn am nächsten Tag stieg vor Tausenden in der Heimat „die tollste Feier“, wie Gaisreiter sagt.

Der Greicherts-Schmuggel

Die Japaner haben sich wirklich alle Mühe gegeben mit ihren Olympischen Spielen 1972. Aber ihre Hütten sahen einfach nicht wie die Bayerischen aus. Das mussten Zimmerer und Co. ändern, sie brauchten ein bisschen Heimat, ein bisschen Bayern. „Psyche ist wichtig, du musst dich wohlfühlen“, sagt Gaisreiter. Also schmuggelten sie ein Stück geräuchertes Fleisch im Bob nach Japan, sammelten im angrenzenden Wald ein paar Tannenzweige und dekorierten ihr Zimmer um. „War mehr Gaudi als ernst“, sagt Utzschneider. An den Abenden saßen sie dann bei Greicherts und Bier zusammen – ach und gewannen Gold und Bronze.

Eiskalter Rücken

Er war abergläubisch, der „Wolferl“. Den rechten Handschuh hat er sich stets zuerst angelegt. Aber auf einen Moment hat er sich nicht vorbereiten können. Als er oben auf dem Podest stand, mit der Goldmedaille um den Hals, die riesige Militärkapelle die Nationalhymne spielte und er leise mitsang, da dachte er an die Ohlstädter Einwohner, die daheim geblieben waren und nicht dabei sein konnten, und ihm lief es eiskalt den Rücken hinunter. Zimmerer sagt: „Wenn man in dem Moment nichts denkt und fühlt, ist man nicht normal.“

Der 75-Kilo-Mann

Über die schweren Jungs, die Bob-Crew des Garmisch-Partenkirchners Anderl Ostler, gibt es einen Kinofilm. „Mit uns hatte das nichts zu tun“, sagt Zimmerer. Zu seinen Hochzeiten zeigte die Waage gerade 75 Kilogramm. 75! DDR-Konkurrent Meinhard Nehmer wog 90 Kilo. Vor allem beim Start war das ein großes Manko. Der Kniff des Leichtgewichts: ein schwererer Schlitten, eine wahnsinnige Kondition und ein unvergleichliches Fahrgefühl.

Beim gemeinsamen Treffen 2019 schwelgen (v.l.) Wolfgang Zimmerer, Stefan Gaisreiter und Peter Utzschneider in Erinnerungen.

Der Kunsteis-Coup

Er hat die Kunsteis-Bahnen ja nicht gemocht, der Wolferl. Die waren ihm zu kurz, da waren die Kilos zu wichtig. Und dann fahren sie bei Olympia 1976, in Innsbruck, auch noch auf so einem ungeliebten Kurs, bei seinem letzten großen Wettkampf, den er als Fahnenträger miteröffnen darf. Gut, dagegen brauchte es ein paar Tricks. Sein Partner Utzschneider schlug vor, sich zu trennen. Leichtathlet Manfred Schuhmann stieg in den Zweier. Und dann lebte ja noch dieses Genie in ihm, das Gaisreiter nur bei den ganz ganz Großen entdeckt hat, bei Erich Schärer oder bei Eugenio Monti. „Ich hab’ einige Genies kennen gelernt. Ich traue mich zu sagen, das kann man nicht lernen. Der Wolferl hat’s gehabt“, sagt Gaisreiter. Manchmal hat er sich stundenlang eine Bahn angesehen und die Ideallinie im Kopf hinterlegt. Zimmerer selbst sagt: „Ich hatte fast jeden Zentimeter im Kopf. Du kannst nicht mit 130 km/h zu Überlegen anfangen.“ Am Ende verließ er Innsbruck mit Silber (im Zweier) und Bronze.

Die einmalige Serie

Zehn Jahre Weltspitze. Zehn Jahre Medaillen in einer Disziplin. Gaisreiter hat geforscht, die Karrieren vieler Wintersportler gescannt. Er sagt: „Nach meinem Ermessen hat das keiner erreicht. Ich hab niemanden entdeckt.“ Das Geheimnis von Zimmerer und seinem Vierer-Team zwischen 1967 und 1976: Die Ohlstädter wuchsen gemeinsam auf. Sie gingen in die Berge, sie spielten Fußball, sie fuhren Ski, Moped, Motocross. „Das war eine Freundschaft“, sagt Utzschneider. Und ja, „zu unserer Zeit waren wir eben die Besten“.

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