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Hilfe in Sicht: Crew-Mitglieder der „Alan Kurdi“ stehen den Tunesiern in ihrem überfüllten Holzboot bei  und holen sie schließlich an Bord.

Nervenaufreibende Tage im Mittelmeer

Ohlstädter erlebt Drama auf Seenot-Rettungsschiff: Migranten verletzen sich selbst

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Hinter Ralph Götting liegen dramatische, zermürbende Wochen. Der Ohlstädter hatte an Bord des Seenot-Rettungsschiffs „Alan Kurdi“ geholfen, 13 Menschen aus einem überladenen Holzboot im Mittelmeer zu bergen. Dann wurde der Crew die Hafeneinfahrt verweigert. 

Ohlstadt – Ralph Götting fand sich in genau dem Szenario wieder, das er im Vorfeld so gefürchtet hatte: Die „Alan Kurdi“, das Seenotrettungsschiff der deutschen Hilfsorganisation „Sea-Eye“, hatte 13 junge Tunesier von einem überfüllten Holzboot etwa 20 Seemeilen vor Lampedusa geborgen. Dann verweigerten Malta und Italien der Crew die Einfahrt. Es begann eine Odyssee mit zehn nervenaufreibenden, kräftezehrenden Tagen des Wartens und Verhandelns vor Malta, die der Ohlstädter Götting, der ehrenamtlich auf der „Alan Kurdi“ half, „sehr zermürbend“ nennt – und die sich immer mehr zuspitzte: „Da gab es echt brenzlige Situationen.“ Ein junger Mann rammte mit dem Kopf einen Metallcontainer, ein anderer steckte eine Decke in Brand. Ein Migrant ging auf einen zweiten los, ein Flüchtling krabbelte aufs Vorderdeck zu den Schwimmwesten und zog sich eine über, um von Bord zu springen – viel zu weit von Lampedusa entfernt, als dass er zu der italienischen Insel hätte schwimmen können. „Das war wie eine Kettenreaktion“, sagt Götting.

Der 52-Jährige nahm zum zweiten Mal für drei Wochen Urlaub, um für die Organisation „Sea-Eye“ Menschen im Mittelmeer vor dem Ertrinken zu bewahren. Als Lebensretter wollte der Ohlstädter, der als Medizinprodukte-Berater Trainings für Fachkräfte abhält, nach einem ersten Einsatz 2017 in die Todeszone zurückkehren. Damals hatte er mit der Besatzung der „Sea-Eye“ zwischen 750 und 1000 Menschen geholfen, auf ein sicheres Schiff zu gelangen. Eine Bilderbuch-Mission.

Beim aktuellen Einsatz gelangte die „Alan Kurdi“ gar nicht bis in die Such- und Rettungs-Zone vor der libyschen Küste. Zwischen Tunesien und Lampedusa traf die 20-köpfige Crew auf das Boot, in dem die Tunesier ohne Schwimmwesten saßen; der größere Teil war minderjährig. „Als wir sie antrafen, befanden sie sich nicht in akuter Lebensgefahr, aber man konnte nicht sagen, ob sie ihr Ziel erreichen würden“, erklärt Götting. Man holte die Menschen an Bord. Dann erging es den Rettern wie zuletzt Kollegen, auch auf anderen Schiffen: Italien und das zuständige Malta verweigerten die Einfahrt in ihre Hoheitsgewässer. Götting sagt: „Die Misere begann.“

Man musste sich auf „schmutzigen Deal“ einlassen

Während sich die Besatzung in unzähligen E-Mails darum bemühte, einen Ausweg zu finden, spitzte sich die Situation auf der „Alan Kurdi“ nach seinen Worten zu. Die Geflüchteten zeigten sich „zunehmend unzufrieden“ und „ohne Hoffnung“ auf eine Lösung. „Es gab einen hässlichen Verlauf an Bord“, sagt der Familienvater – mit Selbstverletzungen und Suizidversuch. Für die Crew, die eine 24-Stunden-Wache einrichtete, wurde der Einsatz physisch und psychisch beschwerlich. Migranten, die Verletzungen aufwiesen oder gefährdet schienen, wurden nach und nach von Booten des maltesischen Militärs an Land geholt. Damit auch die letzten fünf verbliebenen Tunesier die „Alan Kurdi“ verlassen konnten, habe man sich auf einen „schmutzigen Deal“ einlassen müssen, den Malta vorgeschlagen habe, sagt Götting: Man sollte eine schriftliche Beschwerde, die ein Anwalt bei Gericht eingereicht hatte, zurückziehen. „Die Lage hat es einfach nicht mehr erlaubt, dass die Gäste an Bord bleiben.“ Diese wurden ihrem Status nicht immer gerecht – da gab es unter anderem schon mal Klagen übers Essen. „Die Leute waren genervt und gestresst, weil ihr Plan nicht aufgegangen ist“, sagt Götting. „Dafür bringt man ein gewisses Verständnis auf. Aber es hat alles seine Grenzen.“ In seinen Augen konnte die Crew – er selbst hatte die Einhaltung der Menschenrechte zu dokumentieren und ein Einsatzboot zu koordinieren – nicht anders handeln, als die Menschen auf die „Alan Kurdi“ zu holen: „Dazu gab es keine Alternative.“ Doch Götting räumt ein: „Es bleibt ein bitterer Nachgeschmack.“ Zumal das Rettungsschiff gar nicht in die wirkliche Gefahrenzone gelangen konnte. „Wir waren blockiert für unsere eigentliche Zielsetzung“, sagt Götting. Und das sei „letztlich unbefriedigend“.

Eine Befürchtung wurde nicht Realität: dass sich der Einsatz in die Länge ziehen könnte wie Kaugummi. Götting traf am Sonntagabend in Ohlstadt ein, seit Montag arbeitet er wieder, ganz wie geplant – „erschöpft, aber zufrieden mit dem Ausgang“. Rückschläge können ihn auch nicht von seinem Weg abbringen: „So lange wir da gebraucht werden, werde ich wieder in Einsätze gehen.“ Doch die Situation könnte sich wandeln. Die Evangelische Kirche will mit anderen Organisationen ein Schiff für die Seenotrettung im Mittelmeer kaufen, und vielleicht starte die EU eine neue Mission, meint Götting – und betont mit Blick auf sein eigenes Engagement: „Es wäre schön, wenn das irgendwann nicht mehr notwendig wäre.“

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